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Sex Gap

28.07.2017

Bettina Arndt über das unterschiedliche sexuelle Verhalten von Männern und Frauen in Partnerschaften.

»Studio Brulé« ist ein kanadischer Videoblog, der vor allem durch die Vorträge von Prof. Janice Fiamengo (University of Ottawa) bekannt wurde. Nun gibt es dort eine weitere Fachfrau für Geschlechterfragen, nämlich die Australierin Bettina Arndt, die sich in diesem Video mit den wachsenden »Sex Gap« in Partnerschaften beschäftigt. Nach ihrer Feststellung gibt es eine stetig zunehmende Differenz zwischen Männern und Frauen, was die Häufigkeit oder die Qualität ihres Intimlebens betrifft.

Da einige meiner Leser Probleme mit langen englischen Texten haben, will ich versuchen, die zentralen Aussagen Arndts sinngemäß (nicht wörtlich und nicht vollumfänglich) zusammenzufassen.

Arndt fängt fängt das Thema locker an:

Wenn ein Mann weniger Sex bekommt, als er eigentlich möchte, wird das ignoriert. Wenn eine Frau mehr Sex möchte, als ihr Mann zu geben bereit ist, schleift sie ihn zur Therapie. Männer machen über die geringe sexuelle Lust ihrer Frauen öfter Witze, aber in Wahrheit leiden sie sehr unter sexueller Zurückweisung.

Manche Frauen sagen, der regelmäßige Wunsch nach Sex sei nur das Problem der Männer, nicht ihres. Andere Frauen haben zwar ebenfalls viel weniger Lust als ihr Mann, doch sie möchten ihren Partner auch nicht verletzen und erkennen zumindest grundsätzlich eine Problemlage in der Partnerschaft.

Manche Männer dürfen noch nicht einmal mehr ihre Frauen ansehen, geschweige denn anfassen. Ein Mann beschrieb den halben Meter Abstand im Bett zu seiner Frau wie eine Distanz von tausend Kilometern. Ein anderer Mann, der seit 24 Jahren verheiratet war, hatte 19 Jahre davon keinen Sex mehr. Nach ihrem zweiten Kind sagte seine Frau zum Thema Sex »das war's jetzt«. Die beiden hatten ansonsten eine relativ harmonische Ehe. In einem seiner Liebesbriefe an seine Frau beschrieb er, wie sehr er sie liebte und wie sehr er sich wünschte, ihr nahe zu sein, sie anzufassen, mit ihr zu kuscheln. Als er sie dann doch schlussendlich verließ, konnte sie nicht begreifen, dass er das »nur wegen diesem Sex« tat. Man muss die Männer verstehen: Ein Leben als Mönch liegt nicht jedem und das ständige Betteln um Kuscheleinheiten ist extrem demütigend.

Eine Frau meinte, sie hätte deshalb kaum noch Sex, weil ihr Alltag jede Libido auffrisst. Sie meinte, dass all die Alltagsproblemchen sie von ihrer sexuellen Lust ablenken und dass es sicherlich ganz anders sein würde, wenn sie mal zusammen in den Urlaub nach Bali fahren würden. Gesagt, getan. Aber auf Bali gab es dann trotz geringerer Alltagssorgen immer noch keinen Sex.

Ein weiterer Punkt, den sie ansprach, war, dass Frauen sich in Bezug auf Sex extrem leicht ablenken lassen. Oft rattern ihre Gedanken über Wichtigkeiten und Nichtigkeiten des Alltags in ihren intimen Situationen mit ihren Partnern weiter und übernehmen letztendlich das Regiment über die Libido. Sie sind dann »nicht bei der Sache«, betrachten sich und ihren Partner beim Sex auf eine merkwürdig distanzierte Weise wie von außen und sind nicht wirklich in die konkrete intime Situation involviert.

Männer können auch nicht verstehen, wie sich die anfängliche überbordende Lust ihrer Frau nach einer gewissen Zeit scheinbar in nichts auflöst und sie überhaupt keine Intimität mehr zulässt. Dieses Missverhältnis von anfänglicher, unbändiger Geilheit hin zur sexuellen Ödnis über Jahre und Jahrzehnte stellt sich für die Männer als persönliche Ablehnung (oder sogar Abneigung) seitens ihrer Frauen dar – und das in einem ganz zentralen Punkt ihrer Partnerschaft. Solche Verhältnisse gleichen mehr einer geschwisterlichen als einer Liebesbeziehung. Dabei sind die meisten Männer (wie Bettina Arndt es beschreibt) oft extrem geduldig und zurückhaltend und setzen nur selten die Beziehung aufs Spiel; vor allem dann nicht, wenn auch noch die gemeinsamen Kinder betroffen sind. Die meisten Männer wissen, dass sie beim Verlassen einer Partnerschaft ihre Kinder und meistens auch noch Hab und Gut verlieren.

Dass die Frauen anfangs enorme Gelüste offenbaren, aber nach ein paar Jahren das sexuelle Interesse fast komplett verlieren, geschieht nach Arndts Auffassung nicht absichtlich (meistens jedenfalls, möchte man einschränkend hinzufügen). Die anfängliche Lust der Frauen ist nicht gespielt, dennoch ist das Abflauen jedes sexuellen Interesses bei den Frauen die Norm und nicht die Ausnahme. Daran ändern auch die lautstarken öffentlichen Beteuerungen moderner Frauen nichts, dass sie auf jeden Fall durchgängig ein großes Interesse an Sex haben.

Arndt führt weiterhin aus, dass Männer bis zu zwanzigmal mehr Testosteron produzieren und dass ihr Verlangen nach Sex nie aufhört. Die unterschiedliche Libido bei Männern und Frauen ist also ein Fakt und kein urbanes Märchen.

Ein Mann erzählte ihr, dass er z.B. Bill Clinton seinerzeit sehr gut verstanden hätte. Immerhin habe dieser Mann die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern (na ja) und deshalb wäre Sex für ihn eine gute Möglichkeit, diesen Stress zu kompensieren. Das, so Arndt, wäre Frauen völlig fremd. Wenn sie unter Stress stehen, ist Sex das Letzte, an das sie denken.

Auch auf das Thema Viagra kommt sie kurz zu sprechen. Viagra wirkt sich in erster Linie auf die Durchblutung der Genitalien aus. Doch viele Frauen bemerken diese Wirkung nicht einmal. Also ging man dazu über, Mittel zu entwickeln, die sich eher auf die psychische Disposition der Frauen auswirkt. Interessant ist, dass einige Frauen so ein Mittel sehnlichst erwarten, um sich wieder sexy fühlen zu können, aber viele andere sehen darin die übliche patriarchalische Verschwörung, um Frauen gefügig zu machen und sexuell auszubeuten. Sie behaupten, dass die These von der geringeren Libido bei Frauen nur eine Täuschung der Pharmaindustrie, aber kein echtes Problem darstellt. Sie lehnen solche medizinischen Forschungen rundweg ab. »That drives me crazy«, meint Bettina Arndt dazu.

Sie zitiert anschließend eine kanadische Therapeutin, die sich lange mit Frauen beschäftigt hat, welche überhaupt kein sexuelles Verlangen verspürten. Sie hat herausgefunden, dass es manchmal nur eines »Just do it« bedarf, um Sex als etwas Angenehmes zu erfahren – also Sex, der ohne ein umittelbares und offensichtliches Verlangen praktiziert wird. Diese These führte in den öffentlichen Diskussionen zu einem beachtlichen Shitstorm, denn den Frauen wird nun schon seit Jahrzehnten eingeredet, dass ihre sexuelle Abstinenz völlig in Ordnung ist, sofern sie eben keine unmittelbare Lust dazu verspüren. Arndt meint nun, Frauen sollten zumindest darüber nachdenken, auch dann mal Sex zu haben, wenn sie nicht vor Verlangen platzen. Sie betont (natürlich), dass Frauen keinesfalls ständig auf »gefügig« machen sollten, aber in ihrem eigenen Interesse und im Interesse einer angenehmen, liebevollen Partnerschaft wäre es sicher nicht verkehrt, sich den sexuellen Wünschen ihres Partner häufiger zu öffnen und sich im Konfliktfall auch ab und an in dessen Situation zu versetzen.

Interessant war Arndts Beschreibung von Männern, die aufgrund medizinischer Komplikationen (Herzschwäche, Prostatakrebs u.ä.) zu keiner Erektion mehr fähig waren. Meistens zogen sie sich aus jeglicher Intimität zurück. Doch selbst Frauen, die jahrelang ihre Männer im Bett abgewimmelt hatten, fühlten sich in solchen Situationen tief getroffen und weinten sogar, weil ihr Partner ihnen den Sex verweigerte. Aber warum hatten dann diese Frauen über Jahre selber den Sex verweigert?

Auch spricht sie die diversen Forderungen an, die Frauen als Bedingung für erfüllenden Sex aufstellen, allem voran eine angeblich »größere Beteiligung ihrer Männer an den stupiden Haushaltsarbeiten«. Arndt räumt zwar ein, dass ein Mann, der sich nur von seiner Partnerin bedienen lässt, bei dieser sicherlich keine sexuelle Lust auslöst. Aber erstens gilt das umgekehrt genauso und zweitens findet Arndt solche Forderungen viel zu exzessiv und übertrieben. Sie erzählte von einem Pärchen, bei dem sie sich ständig darüber beschwerte, dass sie viel mehr als er im Haushalt machen würde und das, was er macht, mache er auch noch dauernd falsch. Seine kluge Antwort darauf war: Selbst wenn wir im Lotto gewinnen und eine Haushaltshilfe einstellen würden, glaube ich nicht, dass wir deshalb mehr Sex hätten. Sie protestierte anfangs, aber eigentlich war ihr klar, dass er Recht hatte. Andere Pärchen, in denen sich der Mann in Haushaltsangelegenheiten förmlich überschlug, hatten trotzdem diesen »Sex Gap«. Sie meinte »Ich weiß, dass er sich total bemüht, um vielleicht ein bisschen Sex zu bekommen, aber er bekommt ihn nicht. Ich bin so eine Bitch«. Arndt bestätigt diese Selbsteinschätzung, aber, so sagt sie, diese Frau sei umgeben von lauter anderen Frauen, die sie in dieser überzogenen Haltung bestätigen. Es ist insgesamt ein wirklich würdeloses, aber noch viel schlimmer: ein liebloses und unglückliches Leben.

Die Auffassung Arndts, dass all diese gravierenden Probleme in Partnerschaften in den letzten Jahrzehnten an Schärfe hinzu gewonnen haben, kann man schwerlich ignorieren. Aber ihre Behauptung »They [women] hold all the cards. And if they don't want sex, it just doesn't happen«, ist nur auf den ersten Blick ein Etappensieg für die Frauen. Denn die andere Seite der Medaille ist natürlich die, dass sich immer mehr Männer von vornherein aus stabilen und langfristigen Beziehungen heraus halten. Es geht demnach nicht nur um Männer, die aufgrund von fortgesetzter Lieblosigkeit ihre (langjährigen) Partnerinnen verlassen, sondern noch viel stärker um die Männer, die erst gar keine ernsthaften Beziehungen eingehen. Diesem Phänomen wird noch immer kaum Beachtung in den relevanten Diskussionen geschenkt. Manchmal liest man von einsamen Frauen, die angeblich keine guten Männer mehr finden, aber das geschieht eher selten und schon gar nicht mit der Absicht einer Ursachenforschung. Dass solche Frauen selber einen großen Anteil an diesem Phänomen haben könnten, kommt ihnen nicht für eine Sekunde in den Sinn. Ein fataler Fehler.

Wenn also z.B. eine japanische Umfrage selbst bei jungen Leuten feststellt, dass vielen – und vor allem den Männern – Sex und Partnerschaft »zu anstrengend« sind, dann offenbart dies eine unglaubliche Wucht, die hinter einer solchen Auffassung steht. Von der Beantwortung dieser zentralen Frage hängt letztendlich der Fortbestand einer ganzen Gesellschaft ab. Der Erfahrung nach – wenn ich mal meine Gesprächserinnerungen einbringen darf, die ich mit etlichen MGTOWs geführt habe – sind insbesondere die Männer, die sich für eine umfängliche Abstinenz gegenüber Frauen entschieden haben, kaum mehr für traditionelle Partnerschaften zu reaktivieren. Ihre Ablösung (letztlich ihre Emanzipation) klingt so totalitär, so grundsätzlich, dass eine Revision unmöglich erscheint. Ohne Paradigmenwechsel im Geschlechterverhältnis ist die Vereinsamung von Männern UND Frauen nicht zu verhindern. Dazu gehört nicht zuletzt die ersatzlose Streichung der feministischen Propaganda. 

 


Kategorie: Male, Female

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08.12.2017

Der Hashtag #metoo als »Bullshit Of The Year«.

Kat: Male, Female
29.11.2017

...und nicht die Lösung.

Kat: Politik, Gesellschaft
28.11.2017

Das meint zumindest Frauenministerin Katarina Barley in der TAZ.

Kat: Male, Female
23.11.2017

Jakob Augstein würde für eine Falschbeschuldigung nur zu gerne in den Knast gehen.

Kat: Male, Female, Kultur, Musik
17.11.2017

Laut Deutschlandfunk darf man dessen Musik nicht mehr hören.

Kat: Diverses, Politik, Gesellschaft