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Die Putin-Interviews

20.06.2017

Eine Menge Film: Oliver Stones Interviews mit dem russischen Staatspräsidenten umfassen fast vier Stunden Material.

Ich fange mal so an: Da gab es neulich ein Interview mit Oliver Stone und Stephen Colbert, das ziemlich genau die derzeitige Stimmung in den US-Medien zum Thema Putin bzw. Russland widerspiegelte. Um es kurz zu machen: Es herrscht bzgl. Russland/Putin in den USA momentan die blanke Hysterie, eine Hysterie, die man durchaus (ähnlich wie in der McCarthy-Ära) als grotesk übersteigert charakterisieren kann. Colbert zeigte eine Szene aus Stones vierstündigem Film, in der die Interviewpartner Stone und Putin ausgesprochen freundlich miteinander umgingen. Colbert warf Stone daraufhin fehlende Distanz und einen viel zu weichen Umgang mit dem – nach Meinung der Mainstream-Medien – gefährlichen Russland-Despoten vor. Es ist schon hochnotpeinlich, wie Colbert Stone mehrfach ins Wort fällt, um ihm irgendein negatives Wort über Putin zu entlocken. Die Youtube-Gemeinde fand das Interview von Colbert übrigens anscheinend ähnlich grottig wie ich: 5747 Likes zu 6277 Dislikes – das ist in der Youtube-Sprache ein glatter Verriss.

Aber das reiht sich durchaus ein in die mediale Gemengelage aus Trump-Hass, tiefster Verbitterung über das Ausscheiden Clintons und den permanenten US-Gelüsten nach monströsen Feindbildern, mit denen sie ihre auf Kriegswirtschaft basierte Ökonomie legitimieren.

Ach ja, die Rüstung, auch so ein neuralgischer Diskussionspunkt, der in Stones Putin-Interviews angesprochen wurde. Wollte man die imperialen Gelüste einer Nation an ihren Rüstungsausgaben festmachen – und ich finde, das ist ein relativ guter Indikator – dann gelangt man schnell zu den Fakten, nämlich 66 Milliarden Dollar in Russland versus 660 Milliarden Dollar Rüstungsausgaben in den USA. Sogar Saudi-Arabien gibt mehr Geld für Rüstung aus als Russland. Daraus lässt sich nicht nur ablesen, wer in diesem unrühmlichen Wettstreit den aggressiveren Part einnimmt, sondern vor allem – und das finde ich entscheidend – dass weite Teile der US-Ökonomie ohne die steuerfinanzierten Rüstungskonzerne wahrscheinlich kaum wettbewerbsfähig wären. Das ist ein klassisches Dilemma, das auch die Nazis hatten (bitte hier mal die ideologischen Unterschiede ignorieren). Auch sie mussten ständig militärisch expandieren, weil sie sich sonst ökonomisch nicht hätten über Wasser halten können.

Ist Putin nun der große Diktator, der die z.B. Presse und die Opposition in seinem Land unterdrückt? Auch das beantwortet Putin ziemlich ausführlich. Er beschreibt, wie sich nach dem Zusammenbruch der UdSSR viele Ganoven aus dem ehemaligen Volkseigentum bedienten, dass die Sozialsysteme völlig zusammenbrachen und wie er die damaligen Oligarchen so umdrehte, dass sie ihre profitablen Ambitionen in den Dienst der russischen Wirtschaft stellten – was funktioniert hat, auch für die maroden Sozialsysteme. Putin erzählt weiterhin, dass die russische Geschichte reich an Despoten ist und die eigentliche Demokratisierung des Landes erst ab ca. 1992 erfolgte. Er wehrt sich nicht völlig gegen die Kritik, dass er vor allem in der Wahrnehmung der westlichen Presse als dominanter Machtmensch dasteht. Aber die Uhren in Russland ticken sowieso anders: Elf Zeitzonen gibt es dort und außerdem ist Moskau von den meisten Orten dieses Riesenreichs so weit entfernt, dass die vollständige Kontrolle im Sinne einer umfassenden Tyrannei auf lange Sicht nicht praktikabel wäre.

Unklar ist auch, ob die Opposition systematisch unterdrückt wird. Dafür spricht Putins scheinbares Dauer-Abonnement auf höchste Regierungsposten. Doch die Lage ist wesentlich komplexer, als man meint. So tummeln sich z.B. in Russland tausende ausländische NGOs, die vor allem von westlichen Staaten unterstützt werden und die in den meisten Fällen für eine permanente propagandistische Unruhe sorgen. Das ist eine übliche Verfahrensweise der CIA, um Staaten zu destabilisieren und anschließend US-konforme Machtstrukturen zu etablieren. Umgekehrt gilt das nicht: Russland hat z.B. sage und schreibe vier NGOs in den USA, die die spezifisch russische Propaganda zum Weltgeschehen vertreten. Mag sein, dass es die Opposition in Russland schwer hat, sich gegen dominante Machtzirkel unter Putins Ägide zu behaupten. Doch das ist beileibe kein russisches Alleinstellungsmerkmal. Auch unsere geliebten europäischen Regierungen scheuen Offenheit und Transparenz wie der berüchtigte Teufel das Weihwasser; mögliche Konkurrenten an den Fleischtrögen der Macht allemal. Auch uns traktiert man fast täglich mit Zensurabsichten, mit Kartellpolitik, mit Einheitsmeinungen über alle Medien hinweg sowie groben bis gröbsten Lügen und einer schier unerträglichen Ignoranz seitens der Verantwortlichen in zentralen Gesellschaftsfragen.

Einen relativ ausführlichen Part nimmt das Thema Ukraine ein. Für alle, die sich sowieso abseits der üblichen Revolverblätter informieren (wie die meisten meiner Leser), enthält die Argumentation Putins nicht viel Neues. In der Ukraine wurde u.a. durch massive Unterstützung nazistischer Kräfte ein Staatsputsch durchgeführt, der vor allem vom Westen gewünscht war. Aber Stone lässt nicht nur Putin zu diesem Thema reden, sondern blendet auch so unsägliche Figuren wie Victoria Nuland (»Fuck the EU«) und den verbiesterten Falken John McCain ein, die zwar bedeutungsschwanger von Demokratie und Freiheit schwafeln, aber letztendlich rein wirtschaftliche Interessen vertreten; im Falle McCains sogar sehr persönliche (Gasindustrie). Notiz am Rande: So dumm und hinterwäldlerisch, wie Nuland wahrscheinlich meint, sind die Ukrainer dann doch nicht. Als sie jovial auf dem umkämpften Maidan Brot aus ihrer Plastiktüte verteilen will, möchte es niemand haben. Was spukt nur in den Köpfen dieser arroganten Weltbeglücker rum? Meint Nuland wirklich, dass die ganze Welt nur auf die paar Brotkrumen aus Amerika gewartet hat?

Für das US-amerikanische Publikum nimmt Stone sich relativ viel Zeit für die Frage, ob nun die Präsidentschaftswahlen direkt von Russland beeinflusst wurden. Das bezieht sich vor allem auf Wikileaks-Dokumente zu den E-Mails der Demokratischen Partei, in denen allerlei unschöne Machenschaften offenbar wurden. Die Mainstream-Medien in den USA behaupten sogar steif und fest, dass Putin selber darin verwickelt war. Dummerweise sagt Julian Assange etwas völlig anderes (wird auch im Film gezeigt). Doch das ficht die Mainstream-Presse nicht an. Nach Goebbelscher Manier wird einfach so lange etwas behauptet, bis es in die Köpfe der Bürger wie ein schleichendes Gift einsickert und als »Wahrheit« empfunden wird. Wie im Trommelfeuer tauchen auch täglich neue »russische Hacker« auf, die mittlerweile für alles verantwortlich gemacht werden, was in den USA schiefläuft. Wenn es etwas gibt, was Hacker können, dann zuallererst das Verschleiern ihrer Herkunft, soviel ist mal sicher. Harte Beweise für die russische Einflussnahme fehlen jedenfalls bisher. Was nicht heißt, dass es keinen Cyberwar zwischen Russland und den USA gibt. Aber die Angelegenheit ist in den USA inzwischen so hochgradig emotionalisiert, dass verschiedene Militärs daraus einen unmittelbaren Kriegsgrund generieren wollen. Und spätestens ab diesem Zeitpunkt ist das ganze überhaupt kein Spaß mehr.

Im Putin-Interview fällt nie (wirklich nicht) ein böses Wort zu den diversen Machenschaften seiner »amerikanischen und westlichen Partner« – so bezeichnet er sie mehrfach. Dabei kommt so einiges auf den Tisch, wie z.B. das Syrien-Problem oder CIA-Einflussnahmen im Tschetschenien-Krieg und anderes mehr. Er sagt, er habe nun vier US-Präsidenten während seiner Amtszeit erlebt (Clinton, Bush, Obama, Trump), doch auf die käme es gar nicht so an. Es sei vielmehr die Bürokratie, die regiert, und die würde sich im Grunde über alle Präsidentschaften hinweg nicht großartig ändern. Aus dem vorher Gesagten ließ sich schlussfolgern, dass er damit vor allem den »tiefen Staat« in den USA meint.

Dennoch lässt er an seiner militärischen Entschlossenheit keinen Zweifel. Wer immer mit dem Gedanken spielt, das Putinsche Russland zu destabilisieren (wie auch immer), wird in ihm einen ernstzunehmenden Gegner finden. Die Expansionsträume so mancher US-Falken dürften gegen Putin mit ziemlicher Sicherheit in einem epochalen Desaster enden. Dass die USA nicht einmal Syrien oder die Ukraine trotz erheblicher Investitionen und Einflussnahmen vollständig an sich reißen konnten, sollte ihnen eine Lehre sein. Ein Trost ist das natürlich trotzdem nicht angesichts des Leids der vielen »Failed States« der letzten Jahre.

 

Und der Mensch Putin?

Ich denke, was viele an Putin irritiert, ist sein ungemein reserviertes, kühles Auftreten, dass den meisten wahrscheinlich stellenweise als Arroganz erscheint. Nein, er ist nicht der lockere Typ, den man zum Kumpel haben und knuddeln kann. Er ist betont diszipliniert, selbstkontrollierend und lässt – das kann man ihm persönlich vorwerfen – keine Emotionen zu. »Aber ich bin ja auch keine Frau«, kommentiert er lakonisch. So, eine Runde aufregen für die Femis!

Aber ein Unmensch ist Putin auch nicht. An einer Stelle empfiehlt Stone Putin den Film »Dr. Strangelove – oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben« von Stanley Kubrick. Und prompt gucken sich die beiden den Streifen zusammen an. Anschließend will Stone sich großzügig zeigen und schenkt Putin die DVD. Putin bedankt sich höflich und verlässt den Raum – um gleich darauf mit der leeren DVD-Hülle zurückzukommen. Die DVD hatte Stone nämlich im Player vergessen. »Das ist aber ein typisch amerikanisches Geschenk!«, frotzelt er süffisant.

Ach ja, noch was: Es gibt auch eine Menge wunderbarer Bilder vom Kreml zu sehen, z.B. den Thronsaal des Zaren oder unglaublich detailreiche Wand- und Deckenfresken. Dagegen wirkt das Weiße Haus wie eine Hundehütte. 1000 Jahre russische Kultur, das hat schon was.

 


Kategorie: Politik, Gesellschaft

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