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Vorsicht Kultur • Heute: Genderkorrekte Musicals

11.10.2017

Zugegeben: Ein Luxusthema, aber dennoch symptomatisch für unsere Zeit.

Seit 30 Jahren gibt es in Bochum das Musical »Starlight Express«, in dem vermenschlichte Lokomotiven ein nettes und familiengerechtes Rührstück erzählen. Nun hat sich der Komponist dieses Trivialwerks Andrew Lloyd Webber dazu entschlossen, aufgrund des üblichen Zeitgeistes die männliche Hauptrolle der »Rusty«-Lokomotive in eine weibliche umzudichten. Das kann er, weil er – anders als z.B. Paul McCartney – nach wie vor erkleckliche Anteile an den Verwertungsrechten seiner Schöpfungen besitzt. »Der Westen« schreibt heute dazu:

Aus Kreisen des Theaters ist zu hören, dass Webber die Frauenrolle in dem Stück stärken möchte. Der Zeitgeist hätte sich geändert. In kräftiger Bluesstimme soll eine Frau der Dampflok Rusty lehren, an sich selbst zu glauben. Ob der Geschlechtertausch tatsächlich stattfindet, steht noch nicht fest.


Nun kann man sich natürlich pseudointellektuell lang und breit darüber streiten, ob das Stück dadurch künstlerisch wertvoller würde. Aber ich fürchte, Lloyd Webber überschätzt seinen gesellschaftlichen Impakt, denn weder der Inhalt des Stücks noch seine Musik – letztendlich ein Massenprodukt wie viele andere – geben Anlass für bewusstseinsfördende oder künstlerisch anspruchsvolle Diskussionen. Nein, Lloyd Webber, der mittlerweile in den Stand eines britischen Lords befördert wurde, ist musikalisch gesehen eher ein solider Bread-and-Butter-Komponist für den gemeinen Durchschnittshörer. Das muss nichts Schlechtes sein! Ernst Mosch (und seine Egerländer) war z.B. ein ausgezeichneter Jazz-Musiker im richtigen Leben. Aber längst nicht jeder kann mit anspruchsvoller Kunst oder Musik etwas anfangen und somit hat auch die dümmste Hupfdohlenmusik zumindest handwerklichen Respekt verdient. Ich will das also gar nicht pauschal abwerten, auch wenn es nicht meine Vorlieben trifft.

Durch meine Zeit als »Sound Engineer« bei diversen Musicals (eben auch von Andrew Lloyd Webber) kann ich aber verlässlich versichern, dass die Qualität seiner Kompositionen nicht mal in die Nähe z.B. einer »West Side Story« von Bernstein heran kommt. Meine Musikerkollegen haben bei »West Side« jedenfalls immer Blut und Wasser geschwitzt. Für die Musik von Lloyd Webber reicht im Grunde ein durchschnittlich begabter Rockmusiker. Das wird er selbst natürlich anders sehen, denn für ihn ergibt sich seine Qualität hauptsächlich aus seinem immensen kommerziellen Erfolg. Aber nach dieser Logik dürfte es dann auch keine van Goghs in Museen geben, denn dessen Werke wurden ja bekanntermaßen erst lange nach seinem Tod so richtig teuer. Im wahren Leben war er nach allgemeinen Maßstäben der klassische Loser.

Das Sendungsbewusstsein dieses steinreichen Komponisten ist bekannt. Er hat eine ganze Armada von Testbesuchern, die regelmäßig die Aufführungen seiner Werke besuchen und ihm über die korrekte Umsetzung derselben berichten. Wenn ihm dann etwas nicht in den Kram passt, entzieht er auch schon mal eiskalt die Lizenz- bzw. Aufführungsrechte.

Offensichtlich liegt ihm vor allem die geschlechterkorrekte Aussage seiner Stücke seit Jahren am Herzen. Richtig berühmt wurde er ja 1973 mit der Rockoper »Jesus Christ Superstar«, die er zusammen mit dem Texter Tim Rice verfasst hatte. Tatsächlich hat das Stück damals viele gesellschaftlich kontroverse Diskussionen ausgelöst – allerdings weniger aufgrund der Musik, sondern durch die damals als blasphemisch verstandenen kritischen Texte von Rice. Das war dieselbe Zeit, als man sich auch über die angeblichen Gotteslästerungen in »Das Leben des Brian« aufregte.

Aber das Thema »Gender« lag diesem weißen Ritter angeblich schon immer am Herzen, weshalb auch Jesus Christ Superstar irgendwann eine geschlechterkorrekte Überarbeitung erforderlich machte. Damit beauftragte er schließlich die feministisch orientierte Regisseurin Gale Edwards im Jahr 2000. Nun war es natürlich aufgrund des Themas schwierig, plötzlich wie bei »Starlight« eine »Jesine Christel SuperInnenstar« zu etablieren, denn leider, leider ist das Neue Testament nach heutigen Maßstäben ein durch und durch patriarchalisches Machwerk, das Lloyd Webber angesichts des kulturellen Stellenwerts des Themas nicht einfach so in einen genderkorrekten Zeitgeist transferieren konnte. Die Version, die Edwards ablieferte, bekommt ihre feministische Note also weniger in der schieren inhaltlichen Darbietung, als vielmehr in der Nachbetrachtung bei den »Making Ofs«. Heißt: Das Stück ist grundsätzlich schon so, wie es ist und wie es ursprünglich auch bei der Ersterscheinung für Furore sorgte, nämlich hauptsächlich eine kritische Auseinandersetzung mit dem testamentarischen Stoff.

Die eigentliche Intention von Gale Edwards ergibt sich aus diversen Interviews, die, wenn man sich ihre Fassung mehrmals ansieht, schon einen merkwürdigen Beigeschmack bekommen. Sie geht nämlich davon aus, dass der Grundkonflikt in »Jesus Christ Superstar« nicht bei den religiös-kulturellen Aspekten, sondern vor allem in der Dreiecksbeziehung zwischen Jesus, Maria und Judas zu finden ist. Wenn man also mit dieser Hintergrundinformation erneut ihre Version betrachtet, dann merkt man, dass sich ihr Hauptaugenmerk auf subtile Eifersuchtsprobleme vor allem zwischen Judas und Maria konzentriert. So gesehen kann man das Neue Testament auch als ein Werk über eine dramatisch misslungene Dreiecksbeziehung deuten. Und das ist wiederum ein Phänomen, das mir bei fast allen feministisch ausgerichteten Kunstwerken bzw. Aufführungen immer wieder als lästig aufstößt: Spätestens nach zwei Sätzen schwenken solche Künstlerinnen verlässlich auf die schmuddeligen Aspekte des Lebens ein, also auf Mann-Frau-Probleme, auf diesen ominösen Sex und natürlich vor allem auf »die Frau an und für sich«.

Das trifft für Gales Überarbeitung von »JC Superstar« genauso zu wie auf die meisten Kabarettnummern oder auf diverse Performancekünstlerinnen der feministischen Fraktion. Transzendentale künstlerische Absichten – die also den Blick auf unsere Welt/das Leben verändern und somit vielleicht auch tiefere Einsichten provozieren – findet man bei den ach so modernen Künstlerinnen eher weniger. Aber es gibt sie; z.B. fällt mir Laurie Anderson spontan ein. Die hat einiges gemacht, von dem ich sagen würde »hab ich so noch nicht gehört«.

Eine Aussage von Gale Edwards hat mich noch ziemlich lange beschäftigt. Sie behauptete in den »Making Ofs« sinngemäß, dass es noch nie eine »patriarchalische Schutzfunktion« für Frauen gegeben hätte. Dass sich Männer für Frauen ins Zeuch legen und für sie sorgen, sei nur eine einzige Einbildung. Es steckt schon einiges an Ignoranz in solchen Sätzen; nach belegbaren Fakten für diesen elementaren Geschlechterseparatismus wird man sowieso vergebens suchen. Sie reiht sich ein in eine endlose Abfolge von empathischen Missachtungen gegenüber Männern, wie sie für die feministische Propaganda stilprägend ist.

Überhaupt: Was hat sich Edwards denn eigentlich eingebildet? Dass Männer den Frauen das Lebensglück zu apportieren haben wie dressierte Köter? Ich möchte es der Fantasie meiner Leser überlassen, was sich aus solchen zutiefst feindlichen und unfreundlichen Einstellungen für das allgemeine Zusammenleben ergibt. Wenn das die Doktrin bzw. die Essenz moderner Geschlechterbeziehungen ist, dann befinden wir uns tatsächlich und ganz real in einem regelrechten Geschlechterkrieg. Ob es allerdings so eine gute Idee ist, den Krieger im Mann zu wecken, lasse ich mal dahingestellt.

Ach ja, seufz. Es gäbe noch so einige Anekdötchen aus meiner Musicalzeit, die mir nostalgische Gefühle bescheren. Etwa der Umstand, dass in der Gauklerbranche gefühlte 70 % Schwule unterwegs sind. Oder wie mir die (angeblich) lesbische und bildhübsche Maria Magdalena plötzlich backstage am Hintern rumfummelte (Thema »Übergriffigkeit von Frauen«). Oder die schöne Tradition, bei der allerletzten Aufführung einer Tour irgendeinen Blödsinn zu veranstalten wie z.B. ein Typ im Blaumann, der während der tränenreichen Kreuzigung unseres geliebten Herrn Jesus plötzlich über die Bühne schluffte. Oder die Nonnen in der Schweiz, die vor unserem Auftritt mit Flugblättern vor dem Besuch von »JC Superstar« warnten. Those were the days.

 


Kategorie: Kultur

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