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Liebes Tagebuch • Heute: Birgit

12.04.2018

Ein paar verstaubte Erinnerungen aus dem Stadtleben.

Duisburg-Ruhrort kennen einige sicher noch von den Schimanski-Krimis der 1980er Jahre; ich meine sogar, die erste Folge hieß genau so: »Ruhrort«. Tatsächlich konnte man damals ab und zu dem Tatort-Filmteam über die Schulter gucken, wenn sie dort ihre Folgen drehten. Einmal sah ich auf dem Weg zur Arbeit auf der Gegenfahrbahn einer Schnellstraße einen Wagen auf dem Dach liegen, dazu jede Menge Blaulicht, Pozilei, Krankenwagen usw. – bis ich Schminanski und Tanner irgendwo da rumstehen sah. Im Kaufhof in der Duisburger Innenstadt schwirrten sie auch manchmal rum. Die Duisburger hatten sie als Kumpels voll akzeptiert, jeder liebte sie.

Ruhrort ist zwar ein Teil von Duisburg, aber eigentlich ist es ein ganz eigenes Getto, schon »optisch«, wenn man mit der Straßenbahn hinein fährt. Und es war schon damals sehr speziell, hatte diese fast dörfliche Atmosphäre, wo jeder jeden kannte. Mich hatte es nach meiner ersten Scheidung dorthin verschlagen, weil ich schnell eine billige Bude brauchte. Die Wohnungen waren meistens Altbau, aber sie besaßen einen eigenen, sehr bluesigen Charme. Ich hatte es jedenfalls mit meiner Wohnung ganz gut erwischt und für ein paar Monate war mir das nur recht. Außerdem reichte ein kleiner Spaziergang über die Friedrich-Ebert-Brücke nach Duisburg-Homberg, um anschließend stundenlang in angenehmer Ruhe am Rhein entlang zu watscheln. Die Rheinwiesen sind unglaublich weitläufig und zeitweise mit meterhohem Schilf bewachsen. Je nach Wetter konnte es passieren, dass man stundenlang keiner Menschenseele begegnete. Wenn ich mit meinem Hund dort unterwegs war, sah ich immer nur hier und da ein paar Schilfhalme wackeln, der Hund selbst war komplett von der Bildfläche verschwunden. Eine magische, sogar romantische Welt mitten im Industriemoloch: Auf der anderen Rheinseite kann man das riesige Thyssen-Werk sehen, selbst so groß wie ein ganzes Stadtviertel. Vielmehr: Thyssen IST das Stadtviertel.

Der Ruhrorter bzw. der Duisburger Hafen war damals wie heute der »größte Binnenhafen der Welt« und ist insofern schon eine beeindruckende Hausnummer. Er hatte seine ganz große Zeit nach dem Krieg erlebt, als dort u.a. die Kohle für das abgeriegelte West-Berlin gelöscht und gelagert wurde. Ohne den Duisburger Hafen hätte West-Berlin die sowjetische Blockade 1948/49 nicht überlebt. Nein, das ist keine Übertreibung.

Aber das war lange her. Sowieso fuhr auf den modernen Rheinschiffen nur noch ein Bruchteil der Schiffer und Matrosen, die damals bei der Berliner Blockade gebraucht worden waren. Deshalb gab es in Ruhrort nicht mehr so viel zu tun. Auch von den einst zahlreichen, für eine Hafengegend so typischen Puffs oder Tattoo-Studios war so gut wie nichts mehr übrig geblieben. Das ganze Kleingewerbe für Schiffszubehör und -technik, Schlossereien und Werkstätten, sie alle waren in reine Industriegebiete abgewandert oder hatten einfach dichtgemacht. Nun gab es nur noch ein paar ewige Ruhrorter Originale, etliche von ihnen inzwischen Alkies und/oder Junkies, zwei oder drei der berühmten Büdchen, wie sie typisch für den Pott sind, zwei Pommesbuden, einen eher schmuddeligen Kleinst-Supermarkt für das Nötigste und viele, viele Leerstände von ehemals florierenden Spezialgeschäften. Es heißt übrigens »Das Ruhrgebiet« und »Der Pott (seltener ›Kohlenpott‹)«, aber nicht »Der Ruhrpott«. Dat sacht im Pott keiner, hömma.

Ich weiß nicht mehr, wie ich Birgit kennengelernt habe. Es gab sowieso keinen »engeren Kontakt im engeren Sinne« mit ihr, sondern nur einen sehr oberflächlichen. Sie war die Bekannte einer meiner Bekannten, auf die ich damals zufällig scharf war. Aber Birgit ist mir trotzdem im Gedächtnis hängengeblieben, doch. Das war, als mir klar wurde, wie sie sich über Wasser hielt.

Obwohl Ruhrort damals fast nur noch einen nostalgischen Wert als Hafengegend hatte, war es dennoch eine gern frequentierte Anlaufstelle für Durchreisende, Handelsvertreter, Propagandisten, Marktbetreiber und ähnliches fahrende Volk. Erstens gab es dort immer noch ein paar billige Absteigen und zweitens einige Professionelle, bei denen sich die reisenden Männer abends entspannen konnten. Auf diese Reisenden hatte es Birgit auch oft abgesehen. Den Begriff »Hure« hätte sie allerdings entschieden von sich gewiesen. Ihre Taktik war eine andere.

Man muss dazu sagen, dass Birgit so hausfrauenmäßig-harmlos aussah, wie man sich eine harmlos aussehende, durchschnittliche Hausfrauen-Tusse nur vorstellen kann. Und es war nicht nur ihr schieres Aussehen, auch ihr ganzes Verhalten wirkte komplett naiv und völlig arglos, so als wäre sie sogar ein bisschen dumm oder einfältig. So sprach sie jedenfalls meistens mit Fremden. Aber sie war in Wirklichkeit ein völlig abgezocktes Luder und ich bin froh, dass sie mich nie angebaggert hat.

Einmal saßen meine scharfe Bekannte, Birgit und ich samstags am Frühstückstisch. Birgit blätterte die Werbung durch, die auf dem Küchentisch rumlag. Sie wollte nach Angeboten gucken. Dabei stieß sie auf einen Mode-Flyer, der sie interessierte.

»Du, wie findest du die Lederjacke?« wollte sie von meiner scharfen Bekanntschaft wissen. »Ich glaube, die hole ich mir nachher. Die Bluse hier sieht auch ganz schön aus«, fügte sie hinzu. Meine Bekannte meinte, der Preis wäre doch wohl etwas hoch und ob Birgit überhaupt so viel Geld ausgeben wolle. Birgits Antwort war direkt, denn sie erklärte fast empört, dass sie die Klamotten selbstverständlich nicht kaufen, sondern schlichtweg klauen wollte. Meine scharfe Bekannte und ich schauten uns verdutzt an, wie sie so selbstverständlich einen Ladendiebstahl ankündigte, als ginge es um etwas völlig Harmloses und Alltägliches. Nicht, dass wir ein besonderes Unrechtsbewusstsein dabei verspürt hätten (ich zumindest nicht). Aber uns beiden Verdutzten hätten für so einen »Raubzug spontan morgens am Küchentisch aus der Hüfte geschossen« schlichtweg die Nerven gefehlt; wir waren viel zu feige für so was. Trotzdem glaubten wir sofort, dass Birgit die Sache nicht nur durchziehen, sondern sogar damit durchkommen würde. Wenn jemand, dann sie.

Zu Männern hatte Birgit eine eindeutige Haltung und die lautete, dass die Kerle sowieso immer nur vögeln wollen und dass sie ihr dafür dann halt etwas schuldig sind. Den Preis bestimmte sie natürlich. In Birgits Kosmos war das die Default-Einstellung für alle Mann-Frau-Verhältnisse. Mit Gefühlen oder mit diesem ganzen Emotions-Lametta, das man gewöhnlich in Fernseh-Schmonzetten zu sehen bekommt, hatte sie überhaupt nichts am Hut. Das war alles für sie lediglich eine Art Arbeitsmittel, mit dem sie ihren Unterhalt finanzierte. Sex bedeutete für sie nicht viel mehr als eine einfache Rechenaufgabe: Wenn die Typen so blöde sind, dass sie ihr ständig an die Wäsche wollen, dann sollen sie halt auch was dafür springen lassen, fand sie. Eine Ehe oder eine feste Beziehung kam für sie nie in Frage, denn so ein fester Typ hätte sie nur genervt. Wenn sie Sex wollte, konnte sie ihn sowieso relativ leicht haben. Niemand konnte ihr etwas vorschreiben, niemand.

Ihre Masche hat erstaunlicherweise lange Zeit ziemlich gut funktioniert. Sie baggerte regelmäßig (nämlich, sobald ihr Portemonnaie leerer wurde) abends in Kneipen irgendwelche Vertreter oder Durchreisende an und machte sie besoffen. Danach ging sie mit ihnen ins Hotel oder in die jeweilige Pension und trank mit ihnen weiter. Zumindest tat sie so, aber sie passte immer auf, dass sie selber nicht zu sehr abschmierte. Manchmal, wenn sie überhaupt keine Lust auf Sex mit ihnen hatte, setzte sie auch die berüchtigten KO-Tropfen ein. Sie wusste von den Schwulen, dass das Zeug in geringen Mengen stimulierend, in größeren Dosen allerdings narkotisierend wirkt. In der Schwulenszene hieß es bloß »Gel«.

Der Clou dabei war, dass sie solche »One Night Stands« geradezu perfekt performen konnte. Ihr Opfer hätte zu keiner Sekunde auch nur daran gedacht, in diesem durch und durch unschuldigen, naiven und so willigen Frauenzimmer etwas Boshaftes zu sehen. Nein, die Typen waren völlig in ihrem pornografischen Kopfkino gefangen und glaubten, endlich mal eine Frau getroffen zu haben, der Sex genauso viel Spaß macht wie ihnen selber – allerdings ohne den Riesenbohei, den z.B. ihre eigenen Ehefrauen für Sex gewöhnlich veranstalteten. Die vögelten mit ihren Männern eigentlich immer nur, wenn es um neue Anschaffungen ging; so kam das den Männern jedenfalls oft vor. Aber zu Hause lief meistens sowieso nicht mehr viel im Bett und eine hechelnde Nacht mit Birgit im Ruhrorter Getto erschien ihnen als vertretbares Risiko.

Wenn die Typen jedoch am nächsten Morgen aufwachten, war ihre Scheckkarte meistens weg oder es fehlte Bargeld. »Das ist jetzt aber doof«, meinte Birgit mit zuckersüßem Bedauern. »Wo hast du die Karte denn zuletzt gehabt?«, fragte sie dann mit ihren Bambi-Augen. Daran konnten sich die meisten ihrer verkaterten Lover schon gar nicht mehr erinnern.

Zwar bekamen einige von Birgits sexsüchtigen Geldquellen manchmal leise Zweifel, ob nicht vielleicht doch Birgit selbst die Ursache für diesen Verlust sein könnte, aber relativ selten traute sich einer von ihnen, so eine nette, unschuldige Frau wie sie direkt darauf anzusprechen. Immerhin hatten die beiden doch eine wirklich schöne und wilde Nacht miteinander verbracht, dachten sie. Denn Birgit hatte die Pornonummer im Bett anscheinend bestens drauf. Jedenfalls erzählte sie ab und zu von ihren Eroberungen und machte Witze darüber, wie leicht man bestimmte Typen am Nasenring durch die erotische Arena führen konnte. Diese Schlips- und Anzugträger mit ihren teuren Dienstwagen waren für sie keine wirkliche Herausforderung.

Außerdem wollten die Betrogenen ja vielleicht auch mal in Zukunft wieder nach Ruhrort kommen. Da wäre es doch schade für sie, wenn sie ihre schöne, spontane Bekanntschaft mit Birgit und ihr kleines schmuddeliges Geheimnis nur wegen ein paar Verdächtigungen aufs Spiel setzen würden, die sie sowieso nicht beweisen konnten. Bestimmt waren sie selbst daran schuld, logen sie sich vor. Und selbst wenn: Auch die Polizei hätte wahrscheinlich wenig Begeisterung dafür entwickelt, der Brieftasche eines besoffenen Ehebrechers nachzuforschen, so überlegten sie. Es hätte ja auch passieren können, dass die Bullen plötzlich in der ehelichen Wohnung weitere Nachforschungen angestrengt hätten. Also schwiegen die Verführten lieber und Birgit hatte extrem leichtes Spiel mit ihnen. Meistens reichte dann ein bisschen Gefummel im Schritt und ein schmachtvoller Zungenkuss, um die Typen wieder auf Linie zu bringen.

Ab und zu palaverte sie sogar von gemeinsamen Plänen, die sie im Pornorausch mit ihren Opfern geschmiedet hatte, aber das blieben letztendlich alles Luftschlösser. Sie hatte ein paar wenige Typen, die ihr sogar freiwillig Geld zusteckten, wenn sie ihnen melodramatisch von ihren Geldsorgen erzählte – an denen sie natürlich niemals selber schuld war, sondern irgendwelche bösen Menschen oder irgendwelche zickigen Behörden.

Das Bargeld behielt Birgit für sich, die Kreditkarten verkaufte sie später an einen Hehler weiter, benutzte sie aber selber nicht. »Die Karten sind sowieso über die Firma versichert«, behauptete sie. Sie ließ auch immer einen Rest Kohle in der Brieftasche, so dass die Beklauten nie genau wussten, ob sie nicht doch selber an ihrem Malheur schuld waren. Vielleicht hatten sie ja mehr gezecht, als sie ursprünglich gedacht hatten. Man hätte Brgit also nichts wirklich nachweisen können. Selbst wenn sie irgendwer direkt darauf angesprochen hätte, dann hätte sie einfach angefangen, »aus lauter Enttäuschung« zu weinen. Die Nummer mit der enttäuschten Liebhaberin spielte sie perfekt. Sie konnte auf Knopfdruck heulen und es wirkte immer oscarreif.

Soweit ich weiß, hatte Birgit keinerlei sonstigen Einkünfte. Sie lebte etliche Jahre auf diese Weise, es war ihr ganz normaler Alltag. So wie andere Leute morgens ins Büro zur Arbeit fahren, verdiente sie eben abends ihr Geld mit Kneipen­bekannt­schaften und sie fand nichts Anrüchiges dabei. Schließlich bot sie ihren Opfern sogar eine gewisse, mit viel Herzlichkeit gepimpte Show, auch wenn die nur gespielt war. Ein Unrechtsbewusstsein oder Anflüge von Moral gab es bei ihr schlichtweg nicht. Wenn sie was brauchte, ging sie eben »einkaufen«; ansonsten finanzierten ihre Lover das Gettoleben. Das war für sie so normal, dass sie dafür wahrscheinlich sogar Steuern gezahlt hätte, wäre sie nicht ausgerechnet eine Diebin gewesen.

Das Ganze endete, nachdem dann doch mal einer dahinter kam, dass er von Birgit übers Ohr gehauen worden war. Meine scharfe Bekannte erzählte mir, dass der Typ Birgit in Ruhrort aufgesucht und grün und blau geprügelt hat. Albaner halt, die fackeln nicht lange bei so was. Birgit ging allerdings nicht zur Polizei, denn das gehörte für sie zum Selbstverständnis einer anständigen Ganovin. Außerdem hätte sie damit womöglich noch ein unangenehmes Nachspiel mit irgendwelchen albanischen Brüdern oder Cousins provoziert. Sie beschwerte sich nicht mal großartig; »Berufsrisiko«, sagte sie lapidar. Sie zog allerdings anschließend aus Ruhrort weg und ich habe nichts mehr von ihr gehört. Betrüger und Strauchdiebe müssen anscheinend öfter mal die Bühne wechseln.

Mit meiner scharfen Bekannten und mir wurde es allerdings auch nie was und so verließ ich Ruhrort irgendwann wieder. Aber es waren lehrreiche Monate und sie haben mir (damals Unerfahrenen) so einige Illusionen genommen. So war dat.

 


Kategorie: Diverses

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11.07.2018

Ja, richtig gelesen.

Kat: Male, Female
08.07.2018

Ist Kanadas Sunnyboy Justin Trudeau ein heimliches Sexmonster?

Kat: Male, Female
04.07.2018

Da ist Seehofer nicht der einzige.

Kat: Politik, Gesellschaft
25.06.2018

...was die Männers an dieser Fußball-WM so doll finden.

Kat: Politik, Gesellschaft, Diverses
15.06.2018

Der Streit über die Asylpolitik eskaliert.

Kat: Politik, Gesellschaft