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Vorsicht Kultur • Heute: The Jazz Of Physics

01.02.2018

Ein Buch von Stephon Alexander über die Verbindung von Musik mit der Struktur des Universums.

Dem Tausendsassa Albert Einstein wird ja so einiges nachgesagt, so z.B. das folgende Zitat:

Meine Entdeckung ist das Ergebnis meiner Einsicht in die Musik.


Das Thema Musik und die Erforschung derselben ist erstaunlicherweise bisher immer ein Nischenthema gewesen. Denn die Frage, warum uns z.B. eine bestimmte Musik emotional anspricht oder nicht, ist für den durchschnittlichen Musikkonsumenten i.d.R. rational nicht nachvollziehbar. Man kann natürlich mit Musik bestimmte (angenehme) Erinnerungen assoziieren, die sich mit jedem Hören der Musik erneut einstellen. Das wäre dann ein Abrufen bestimmter, individueller Erinnerungsmuster und wäre in soweit erklärlich. Auch wer als Laie schon einmal (z.B. in der Schule) mit den Begriffen Dur und Moll konfrontiert war, mag noch verstehen, dass musikalische Stimmungen bei Akkorden durch markante und immer gleiche Tonabstände erzeugt werden – nämlich durch unterschiedliche Terz-Abstände (das ist immer der dritte Ton einer Tonleiter) in einem Akkord. Insofern gibt es durchaus relativ leicht nachvollziehbare Ansätze, um grundlegende Wesenseigenschaften der Musik zu beschreiben; also welches System z.B. dahinter steckt, wenn wir Klänge als »fröhlich« (Dur) oder eben als »melancholisch« (Moll) empfinden. So weit, so einfach.

Doch Musikforschung i.S.v. Stephon Alexander geht weit über solche simplen Fragen und Erklärungsversuche hinaus. Wenn wir uns dem Phänomen Musik aus wissenschaftlicher Sicht nähern, so finden wir hier z.B. ein Kommunikationsmodell, dessen auffälligstes Merkmal zunächst sein universaler Charakter ist. Musik braucht keine Übersetzungen wie zum Beispiel die gesprochene Sprache. Musik ist aber auch hinsichtlich nonverbaler Kommunikation, die uns im Alltag ja immer wieder vor Verständigungs- und Interpretationsprobleme stellt, in sich relativ homogen, weltweit verständlich und global vermittelbar. So verblüfft etwa die Tatsache, dass bestimmte klassische Werke in ethnologischen Versuchen sowohl von durchschnittlichen, westlich geprägten Hörern als auch von abgelegenen Stammesgemeinschaften, die nie mit westlicher Kultur konfrontiert waren, gleich rezipiert werden. Woher kommt so was? Gibt es ein universales Verständigungssystem hinter der Musik, das nicht nur die allermeisten Menschen teilen, sondern das vielleicht sogar eine »Theorie für alles« in sich birgt? Die viel zitierte »Weltformel«?

Das ist der Ausgangspunkt von »The Jazz Of Physics« – übrigens auf Deutsch übersetzt, auch wenn der Buchtitel einen möglicherweise in die Irre führt. Alexander ist neben seiner Eigenschaft als Jazzsaxofonist auch theoretischer Physiker. Ihn fasziniert nicht nur die innere Ästhetik und die Universalität der Musik, sondern genauso die Ästhetik eines in sich harmonisch funktionierenden Kosmos, wie auch die mathematischen Regularien, mit denen man das Universum beschreiben kann.

Allerdings können wir neugierigen und wissensdurstigen Menschen zwar erkennen, dass die Systeme »Musik« und »Kosmos/Mathematik« wohl geordnete Bezugssysteme darstellen und uns viele grundlegende Fragen beantworten. Wieso es aber überhaupt zu solchen sich selber organisierenden Bezugssystemen kommt, können wir noch nicht abschließend erklären. Diese Frage ist wahrscheinlich eine der zentralen Menschheitsfragen: Warum gibt es etwas und was treibt uns an, es verstehen zu wollen?

Alexander sieht z.B. Analogien in an sich völlig fachfremden Problemstellungen. Als Musiker ist er elektrisiert von der Möglichkeit, aus einem sehr kleinen Pool von nur 12 Noten (= eine Tonleiter) die komplexesten Musikstücke und Emotionen aufzubauen. Er versteht, dass es funktioniert, aber er versteht nicht, WARUM das so funktioniert, welche Gesetzmäßigkeiten dahinter stehen. Etwas Ähnliches empfindet er auch bei kosmologischen Theorien, wie etwa der Stringtheorie, die ja schon rein begrifflich eine gewisse Nähe zum Schwingen einer Saite mitbringt. Auch hier kann die Theorie viele (auch ganz alltägliche) Phänomene erklären, wie z.B. die Entstehung von subatomaren Teilchen. Doch warum das so ist, kann bisher noch niemand zufriedenstellend erklären. Das sind die Grenzbereiche des Wissens, mit dem sich Alexander in seinem Buch (oder auch z.B. das CERN mit dem »Large Hadron Collider« in Genf) beschäftigt.

Um es mit dem von mir sehr geschätzten Walter Moers und seinem Buch »Die dreizehneinhalb Leben des Käptn Blaubär« etwas plastischer zu formulieren: Warum sollte es keine Universen geben, in denen Ozeane aus Elektrizität und Musikinstrumente aus Milch existieren? Die physikalisch-mathematischen Gesetze, nach denen unser Universum funktioniert, bieten uns zwar grandiose Einsichten in das Funktionieren der beteiligten Subsysteme, aber wir können nicht erklären, WARUM sich bestimmte Dinge eben so ordnen, wie wir sie wahrnehmen. Der Theorie nach könnten physikalische Gesetze in anderen Konstellationen z.B. dazu führen, dass 1 + 1 = 3 ist. Auf die Musik bezogen könnte man z.B. erwarten, dass nur die kulturelle Herkunft (also die Ausgangsparameter) darüber entscheidet, wie wir Musik empfinden. Doch wir wissen, dass dem nicht so ist: Es gibt bisher keine rationalen Erklärungen dafür, warum die o.g. Eingeborenen klassische Musik als ästhetisch empfinden oder beispielsweise die Japaner, die ja traditionell aus einem völlig fremden (für uns Westler fremden) Musiksystem kommen, so gerne Bach und Beethoven spielen – teilweise mit einer genialen technischen Performance. Solche universalen Gedanken und Fragen haben etwas Magisches und treiben Alexander um, denn sie deuten sehr viel größere Zusammenhänge an, als es durch reine Erbsenzählerei und Empirie vermittelbar wäre.

Die Faszination, die Stephon Alexander in seinem Buch ausbreitet, ist gleichzeitig sein größter Vor- wie auch sein größter Nachteil. Man kann seinen Ansätzen eigentlich nur sinnvoll folgen, wenn man mindestens rudimentäre Kenntnisse aus beiden Fachbereichen mitbringt. So beschäftigt er sich z.B. mit bestimmten Symmetrie-Modellen in Tonfolgen, die er auch in mögliche Erklärungsansätze für physikalische Phänomene und mathematische Grundlagenforschungen transferiert. Das funktioniert übrigens auch umgekehrt: Der legendäre John Coltrane (Saxofon) hat sich beim Komponieren stark von den einsteinschen Gleichungen inspirieren lassen und hat damit in der Musik völlig neue Erfahrungshorizonte aufgestoßen.

Überhaupt erweckt Stephon Alexander mit seinen gedanklichen Ansätzen ein bisschen das Prinzip des antiken Universalgelehrten wieder. Als die naturwissenschaftlichen Forschungen noch in ihren Anfängen steckten, waren die Gelehrten bekanntermaßen in vielen unterschiedlichen Fachgebieten zu Hause. Es gab Fachleute, die sich sowohl mit Kunst als auch mit Mathematik beschäftigten und die Religion und Philosophie als gleichberechtigt zur Kosmologie oder irgendeiner anderen Naturwissenschaft ansahen. Die Erkenntnistiefe, die diese Menschen in sich trugen, ergab sich zwar zum Einen daraus, weil »noch nicht soviel erforscht worden war« im Gegensatz zum heutigen Spezialistentum, aber auch daraus, weil sie eben vorurteilsfrei über viele verschiedene Fachgebiete forschten und somit ungewöhnliche Erklärungsversuche hin und her bewegen konnten.

 

Als ich fünf Jahre alt war, tauschte ich mein heiß ersehntes Weihnachtsgeschenk, einen Modell-Sattelschlepper, gegen die Quetsche (Kinderakkordion) eines Nachbarjungen ein. Der war völlig unmusikalisch und konnte damit nichts anfangen. Keine Ahnung, was mich damals antrieb, aber ich war gierig nach dem quäkenden Plastikteil. Ich weiß nur eines: Seither habe ich immer irgendwie Musik gemacht und mit den Jahren war die innere Befriedigung und die Ausgeglichenheit, die ich über Musik erreichen konnte, sogar um Längen größer als jeder jemals erlebte oder fantasierte Sex. Das klingt pathetisch, entspricht aber der Wahrheit. Musiker denken in dieser Beziehung tatsächlich anders. Musik hilft dabei, wenn man neugierig ist und die Welt verstehen möchte. Und diese Neugier treibt auch Stephon Alexander an; das spürt man in jeder Zeile von »The Physics Of Jazz«. Lesenswert.

Einen Vortrag von Stephon Alexander zu seinem Buch findet man bei Vimeo.

 


Kategorie: Musik

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