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< Welt doch nicht untergegangen
   

Irre

16.03.2017

So aufgeladen wie letzte Woche waren die Nachrichten schon lange mehr.

Im Grunde ist ja schon alles Wichtige gesagt worden zu den aktuellen politischen Spannungen zwischen Europa und der Türkei. Was daran aber verblüfft, ist das primitive Niveau, auf dem sich das unwürdige Gezänk abspielt und das momentan insbesondere die (offizielle) türkische Seite bedient. Ja, nach solchen dumpfen Beleidigungen mit allerlei schrägen Nazi-Vorwürfen kann man schon mal ausländer- bzw. türkenfeindliche Gedanken entwickeln. Und auch jene Türken, die z.B. in Holland fälschlicherweise eine französische Flagge (statt der niederländischen) verbrannten oder die Orangen (Oranje, weissdu) mit einem stumpfen Brotmesser »erstechen« wollten, sowie natürlich ihr hässlicher, islamistisch verblendeter Staatspräsident machen allesamt nicht den hellsten Eindruck. So eine merkwürdige Rückbesinnung auf längst als unwürdig erkannte Formen der politischen Auseinandersetzung wirkt tatsächlich seltsam deplatziert. Vor hundert Jahren hätten derart primitiv vorgetragene Beleidigungen einen handfesten Krieg und wahrscheinlich Progrome gegen hier lebende Türken bedeutet.

Ich finde das Niveau des Schlagabtausches insoweit höchst erstaunlich, weil man doch politisch und medial seit den martialisch ausgetragenen Tragödien des letzten Jahrhunderts eine Menge Energie und Geld dafür verbraten hat, Konflikte zivilisatorisch aufzuhübschen und ihnen einen vermeintlich rationalen bzw. diplomatischen Charakter anzudichten. Für die (teils klandestinen) Indoktrinationen, die nötig waren, um bestimmte politische Interessen durchzusetzen – statt mit dumpfen Beleidigungen und letzlich mit Waffen – wurde jedenfalls seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa eine Menge Aufwand und Erziehungsarbeit betrieben. Die Parole »Nie wieder Krieg« führte zwar in vielen Fällen zu durchaus ziviliserten Umgangsformen in Europa, aber diese an sich positive Botschaft ist offensichtlich kein Selbstläufer und wird in vielen Teilen der Welt inzwischen längst wieder konterkariert durch einen extrem primitiven und radikalisierten Tonfall. Dies betrifft übrigens alle Seiten, die in der politischen Auseinandersetzung auftauchen, egal ob links oder rechts. Dass sich alle Radikalinskis am Ende selber gegenseitig auffressen, ist dabei ein schwacher Trost, denn die Kollateralschäden für die Masse der Friedliebenden sind einfach viel zu groß.

Auch in den Foren bei diversen Nachrichtenportalen brechen sich viele Aversionen Bahn, die von einem grundlegenden kulturellen Fremdeln gegenüber den oftmals isoliert lebenden und anscheinend immer häufiger radikalisierten türkischen Mitbürgern zeugen. Wobei die kritikfreie Hinwendung zu diesem offensichtlich intellektuell unterbelichteten türkischen »Sultan« genauso dämlich ist wie die kritiklose Euphorie gegenüber »Menschen mit Migrationshintergrund« im Stil einer infantilen Romantisierung à la »1001 Nacht«. In der Summe kann beides nicht funktionieren, weder die Islamisierung Europas (wie sie von Erdogans Fußvolk herbei gefiebert wird) noch die bescheuerte Toleranz bestimmter europäischer Kreise aufgrund einer völlig falsch verstandenen, pseudo-christlichen »Nächstenliebe«. Beides ist gleichermaßen dumm bis widerlich und für sich betrachtet ein unfassbarer Anachronismus.

 

Hup Holland?

Seit gestern freut sich das europäische Establishment über den Wahlsieg des »liberal-konservativen« niederländischen Ministerpräsidenten Rutte (ausgesprochen »Rötte«), denn man deutet dies allenthalben als Zeichen dafür, dass die Eliten dieser »Weiter so«-Politkaste immer noch Wähler überzeugen können. Doch dem ist nicht so bei genauerem Hinsehen. Faktisch hat Rutte Palavermentssitze in der »Tweede Kamer« verloren und der merkwürdig gefönte Geert Wilders Sitze hinzugewonnen. Verloren haben vor allem die holländischen Spezialdemokraten – und das ist das eigentlich bemerkenswerte Faszinosum, über das sich die Etablierten in ganz Europa Gedanken machen sollten. Denn natürlich werden die vielfach gescholtenen »Rechtspopulisten« wie Wilders und seine europäischen Kollegen wie Le Pen oder auch die AfD nicht einfach so in die Bedeutungslosigkeit abwandern, nur weil ein Herr Rutte für ein paar Stündchen den niederländischen Strahlemann machen kann. Die Anliegen der »Rechten« sind nämlich das Synomym für weitaus substanziellere Konflikte, als es ein singuläres Wahlergebnis in den Niederlanden widerspiegelt. An der Stelle von St. Martin Chulz würde ich mir beispielsweise durchaus ein paar schwermütige Fragen über die grundsätzlichen Perspektiven der Spezialdemokratie in Europa stellen.

Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen allerdings, dass die Lernwilligkeit gerade im Hinblick auf widerspenstige Bevölkerungsschichten bei den Eliten kaum entwickelt ist. Während sich diese Kartelldiener, Oligarchen und Autokraten höchstens mit relativ bedeutungslosen Reförmchen oder mit kurzlebigen Wahlergebnissen ihre eigene Sinnhaftigkeit und Daseinsberechtigung schönreden, bahnt sich im Bauch der Gesellschaft ein handfester Paradigmenwechsel an. Solche hat es zwar auch zu anderen Zeiten immer wieder gegeben, etwa beim Übergang von der Ständegesellschaft zum Bürgertum, aber aufgrund des technischen Fortschritts und seiner enormen Geschwindigkeit verkommen die politischen Einflussmöglichkeiten zur (fast) sinnfreien Flickschusterei. Bestimmte Schlüsselfragen wie »ewiges Wachstum« oder »Massenarbeitslosigkeit aufgrund von extremer Automatisierung« (das sind nur zwei neuralgische Punkte aus einer Vielzahl von Grundsatzfragen) haben inzwischen eine Eigendynamik entwickelt, denen man mit den bisherigen Rezepten nicht mehr Herr werden kann.

 

Und noch irrer...

Gerade lese ich, dass der türkische Außenminister Europa mit »Religionskriegen« droht. Herrje, was für eine wehleidige, islamistische Hohlbirne. Er ist eine glatte Beleidigung für das türkische Volk. Diese Entgleisungen sprechen nicht gerade für das Selbstvertrauen der türkischen Vortänzer. Wir warten mal in Ruhe ab, was aus diesem grenzwertigen türkischen »Referendum« im April tatsächlich wird. Es wird nämlich gemunkelt, dass die Hysterie der türkischen Regierung auch deshalb zustande kommt, weil sie sich über den (für sie) positiven Ausgangs ihres Vorhabens längst nicht vollständig sicher sein kann; deshalb bestehen sie so penetrant auf ihre ominösen Werbeauftritte in Europa. Aber ich traue den Türken in Europa auch zu, dass sie diesen randalierenden Giftzwergen letztendlich den Mittelfinger zeigen. Verdient hätten es diese selbsterklärten Kriegstreiber.

 


Kategorie: Politik, Gesellschaft

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