Von Donna Amaretta
In seinem Pass steht als Geburtsdatum der 10.6.1917, Budapest. Das ist falsch. Sylvin Rubinstein und seine Schwester Maria sind 1914 in Moskau geboren. Die Mutter, eine jüdische Tänzerin aus der Zarenoper, und der junge Fürst Nikolai Pjetr Dodorow, Offizier des russischen Zaren - er wurde erschossen während der Revolution: ein Christ und eine Jüdin. Kein jüdischer Vater hätte seine Tochter einem Christen zur Frau gegeben, doch es war Liebe, unzertrennliche, aus der die tanzenden Zwillinge Rubinstein geboren wurden.
»Unser Vater«, sagt Sylvin, »hatte die Mutter gut ausgestattet«: Brillanten und goldene Ketten, Perlen, Smaragde und Rubine. Früh schon lehrt die Mutter die Zwillinge, dass solche Steine Überleben bedeuten können. Die Kindheit verbringen sie in Brody, Galizien.
Noch keine zehn Jahre alt sind sie, als die Mutter sie zu Madame Litwinowa bringt, die auch eine russische Ballerina war und in Riga eine Balettschule betreibt. Nachmittags trainiert die Litwinowa Sylvin und Maria allein. Die Litwinowa korrigierte ihre Schüler mit dem Stock: manchmal wimmert Maria leise, wenn der dünne Stab sauste. Zu Essen gab es geriebenen Apfel und Buttermilch. »Mit vollem Magen kann man nicht trainieren«, sagt Rubinstein - eine alte Regel aus den bitteren Lehrjahren des Tanzens.
»Riga - das war eine Hungerzeit«. Die Litwinowa, die gar nicht so böse war, aber sehr streng - »herzensstreng«, sagt Rubinstein - prophezeit den Kindern: »Euch werden die Bühnen der Welt gehören«. Irgendwann schwelgten die Zwillinge, sobald sie allein waren, nur noch im Flamenco. Sie bekommen ihr erstes Engagement in Warschau, im Adria, dem größten Varietétheater Polens. Da steht der Direktor Moskowitz mit einem kleinen Affen auf der Schulter und ruft: »Meine Goldkinder aus Galizien!« Er liebt die attraktiven Zwillinge, die so wunderschön und elegant Flamenco tanzen.
Und weiter geht es nach Berlin, dann in die Hauptstädte Europas, und dann: New York! »Wären wir nur geblieben in Amerika«, sagt der alte Tänzer. »Wir hätten getanzt Fred Astaire und Ginger Rogers auf der Nase.« Doch sie kehren zurück. Die Filmschauspielerin Sybille Schmitz und andere Kollegen warnen: »Geht weg! Es wird gefährlich! Berlin ist kein guter Platz mehr für Juden...« Ausländer, Juden und Kommunisten wurden aus dem Artistenverband ausgeschlossen und verloren damit ihr Engagement. Die Direktoren der Varietés waren streng gehalten, nur noch selten ausländische Künstler ins Programm zu nehmen.
Sie gehen nach Warschau. Doch auch dorthin kommen die Deutschen, und es gibt keine Engagements mehr für »Dolores und Imperio«. »Keine Angst. Ich sehe nicht jüdisch aus.« 1942 auf dem Bahnsteig in Warschau sagt Maria das. Nach Brody will sie, die Mama holen. Noch nie waren Sylvin und Maria getrennt, nicht einen Tag ihres Lebens. Er wird sie niemals wieder sehen.
Der Widerstand gegen die Deutschen zog sich durch alle Schichten der Bevölkerung. Auch Sylvin tat mit. »Wir haben gezogen (beschafft im Sinne von gestohlen) 48 Pistolen - Waffen für das Ghetto.« Mit dem deutschen Major Kurt Werner geht Sylvin nach Krosno. Der verschafft Sylvin Papiere - Sylvin Turski heißt er nun. Sie verstecken jüdische Kinder bei den Nonnen, befreien ein Kriegsgefangenenlager, versorgen Zwangsarbeiter mit Nahrung.
Und Rubinstein hieß nicht nur Turski, auch der Auftritt als Maria Theresa Cordelli, Journalistin aus Rom, fällt in diese Zeit. Was für ein Auftritt! In Begleitung des Majors und eines weiteren Offiziers betreten sie eine Amtsstube, in der Ukrainer Papiere und damit Schicksale in der Hand halten. »Ich war eine elegante Dame«, sagt Rubinstein, »im Gesicht einen Schleier. »Die Ukrainer stieren und reden, die Dame nimmt Platz, direkt vor dem Schreibtisch. Da nimmt Werner die Herren beiseite. Die Dame weiß nicht, was die Herren da zu besprechen haben. Sie sieht die Formulare und die Stempel, einen grauen und einen weißen mit einem Hakenkreuz darauf. Und die Stempel drücken sich auf die Formulare, so schnell wie Kastagnetten aneinanderschlagen. Als sie gehen, trägt die Journalistin einen Stoß Papier unter dem Kleid. In Krosno brauchten die Herren die Bescheinigungen nur noch auszufüllen. Dann putzen in Krakau Polinnen die Kaserne. Geschützt durch echte Papiere mit echten Stempeln.
Schließlich wird das Pflaster zu heiß, »Turski« muss fort. Mit Major Werners Hilfe geht er als Fremdarbeiter nach Berlin, wird dort in Kürze zum Schwarzmarktkenner, beschafft Nahrungsmittel, leitet Informationen weiter - und sucht und sucht dabei immer nach Maria.
Nach Kriegsende beginnt der Tänzer wieder aufzutreten, in Varietés, Nachtclubs, auf Rummelplätzen. Da hatte die »Schaubude« gleich zwei Flamencostars in einer Vorstellung: Imperio, in der schwarzen Weste mit dem spanischen Hut, und dann, nur wenige Minuten später: die große Dolorita. Dolores und Imperio, ImperiaDolorita, von beiden ein Teil. Zwei Menschen sein in einem Körper, zwei Pole. »Wenn ich habe getanzt, ich habe gehabt mein Schwesterchen immer dabei.«
Mit der Schaubude war Rubinstein wieder nach Hamburg gekommen. »Und dann bin ich geblieben hängen. Der Tänzer hatte sich gefürchtet vor dem Wiedersehen mit der Reeperbahn. »Wegen der Erinnerung«, sagt Rubinstein. Sie hatten dort im Arkada getanzt, Dolores und Imperio. Das Arkada war einmal ein berühmtes Varieté gewesen, ein Haus, in das man nur mit Abendgarderobe Einlass fand. Der Direktor, sagt er, war »ein jüdisches Dickerchen«. Jetzt schrie ein anderer Name von der Fassade: »Allotria«. Das jüdische Dickerchen gab es nicht mehr..
Die Kabaretts von St. Pauli entließen die Seiltänzer und engagierten Mädchen. 20 Mark bekamen damals Kostümtänzerinnen, 50 Mark Tagesgage »Schönheitstänzerinnen«. Die Zunft war empört, dass auch noch 5 Mark Zulage für das Schwinden des Büstenhalters gezahlt würden. Das Programm fragt, »wieviel Zulage evtl. gezahlt wird, wenn auch noch das Schrittband verschwindet, wie es leider bereits in einigen Kabaretts der Fall war!«
Nur wenige Jahre sollten vergehen, da waren kopulierende Paare in den Kabaretts auf der großen Freiheit im Abendprogramm zu sehen. Und die Darsteller trugen eine Eselsmaske.
Den ersten Striptease bei Direktor Schmidt, im alten Moulin Rouge auf der Reeperbahn, tanzte Dolorita. Das Orchester spielte die Melodie von »Parlez-moi d'amour«, ein alter Schlager, damals in Berlin, vor der Hitler-Zeit. Dolorita, in rotes Licht getaucht, ließ die Träger des Kleides über die Schultern rutschen. Vor dem Finale schlängelte sich eine Boa keusch über den Schritt, eine Drehung, und die schöne Nackte war entschwunden. »Mein Gemächt hatte geklebt zwischen die Beine«, erzählt Rubinstein.
»Donna« nennen sie ihn auf dem Kiez. Mittags gab es Suppe bei Donna, alte Huren kamen und blutjunge Stricher, glücklose Zuhälter, Wachtmeister und arme Musiker aus dem StarClub. Das war, als Tony Sheridan ein Star war und die Beatles eine neue Frisur probierten. Im Sommer saßen sie im Hof, Gitarren lagen auf den langen Bänken. Donna hatte ein Podest aufgebaut und unterrichtete darauf junge Tänzerinnen.
Einmal hat Donna die gesamte Besatzung eines russischen Frachters aus dem Lokal »Tabu« mit in die Wohnung genommen. Sie lagerten kreuz und quer auf dem Boden, sie kochten Suppe und warteten, bis Donna mit den Beamten in der Ausländerbehörde gesprochen und sie alle politisches Asyl bekamen... Das war lange vor der Gorbatschow-Zeit, in der Breschnew-Zeit.
Um die ergreifende berührende Geschichte den Menschen nahe zu bringen, haben die Hamburger Tänzerinnen Saniye und Sofia den alten Tänzer am Samstag, den 5. Februar 2005 noch einmal auf die Bühne des Allee-Theaters in Altona geholt - Imperias Rückkehr. Ein facettenreicher Querschnitt durch Tanz- und Gesangsperlen bildete einen würdigen und bezaubernden Rahmen für den 91jährigen Rubinstein.
Die persische Sängerin Gitti Khosravi bot unter anderem die »Habanera« aus »Carmen«, begleitet von Naomi Yoshimura am Piano. Zum Schmunzeln und Lachen wurde das Publikum von Ellen Bogen mit einer Reihe Schlager- und Chansons aus den 20er- und 30er Jahren.
Einen Hauch Orient zeigte die Tänzerin Afritah mit einem »Bellydance Hollywood Style« sowie einer »Aramenco« getauften arabisch- andalusischen Fusion. Flamenco pur in verschiedenen Variationen gab es von der Gruppe »Flamencando«, stilsicher getanzt und wunderbar begleitet vom Gitarristen Antonio Vito.
IMPERIA DOLORES selbst trat auf in umwerfenden Rüschen-Roben, unnachahmlich die Geste, mit der der schlanke Künstler die Volantkaskaden mit den Händen rafft und die Stoffmassen wie ein Baby in den Armen wiegt: fröhlich warm und traurig zugleich. Noch trauriger stimmte die Bildprojektion »Wanderndes Volk auf endloser Straße«. Die ausdrucksstarken Fotografien von all diesen unter Hitler durch geplante Grausamkeit aus dem Leben gerissenen Menschen taten weh.
Einen Sprung von Trauer zu purer Lebensfreude bescherten dann Saniye und Sofia mit einem grellbunten, sehr weiblich-temperamentvollen rumänischen Zigeunertanz. Ihren Höhepunkt und Abschluss fand fand die abwechslungreiche Show in der Verwandlung von Dolores zu Imperio, wobei die Damen von Flamencando dem alten Tänzer bei seinem erstaunlich schnellen Kostüm- und Identitätswechsel elegant und umsichtig assistierten. die Gäste bedankten sich mit stehenden Ovationen, es schien, als würde weder Sylvin die Bühne noch das Publikum das Theater verlassen wollen...
...nach diesem Ausklang trieb es mich an den Stand in Nähe des Thresens, beim letzten Glas Wein begann ich zu lesen... und ging mit einem Buch nach Hause, das ich dann erst nach der letzten Seite schließen konnte, als der Morgen bereits heraufzog. Einen Veranstaltungsbericht sollte ich schreiben, der in einer Zeitschrift für orientalischen Tanz erscheinen sollte - es wurde eher eine Buchbesprechung daraus.
Sylvin Rubinstein lebt heute zurückgezogen in Hamburg. In langen Nächten erzählt er dem Journalisten Kuno Kruse seine Geschichte und Geschichten.
Nachtrag:
Am 30. April 2011 starb Sylvin Rubinstein im Alter von 98 Jahren in Hamburg. Hier ist noch ein Video, das anlässlich des wohl letzten Erscheinens dieses beeindruckenden Mannes in der Öffentlichkeit in der »Roten Flora« aufgenommen wurde.
Dolores & Imperio Die drei Leben des Sylvin Rubinstein
Autor: Kuno Kruse ISBN 3-462-03335-2, erschienen bei Kiepenheuer&Witsch (KiWi)