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Der Mann im Zug

24.08.2010

Von: Donna Amaretta

Nachdenkliches über eine Bahnreise.

Vor einigen Wochen war ich wie immer einmal im Monat auf Heimreise in einen Zug gestiegen. Ich suchte mein Abteil, fand meine Sitznummer und guckte dann im Gepäcknetz nach einem freien Platz für meinen recht großen und schweren Koffer. Ein Mann, der den Sitzplatz gegenüber innehatte, stand sofort auf und bot mir seine Hilfe an, um meinen Koffer in die Gepäckablage zu verfrachten. Ich sagte ohne zu überlegen »Danke, es geht schon«. Ich wuchtete das schwere Teil auf meinen Kopf, fasste dann die Kofferkanten neu und hob das Gepäck ganz nach oben. Oft geübt und immer geklappt, den Kopf als Zwischenablage zu benutzen, da meine Armkraft nicht reicht, den Koffer in einem Schwung nach oben zu befördern.

 

Dann zog ich die Jacke aus und machte es mir bequem. Ich betrachtete unauffällig den Mann, der mir seine Hilfe angeboten hatte. Er hatte sich wieder gesetzt und sah unbewegt und verschlossen aus dem Fenster in die dunkle Nacht. Er trug ein Hemd mit Krawatte, eine Strickjacke, eine klassische Herrenhose und Lederschuhe. Die Ärmelabschlüsse der Strickjacke lösten sich an den Bündchen auf, einige Maschen liefen bereits nach oben und die Fadenschlaufen hingen lose. Der Innensteg des Hemdkragens war zwar sauber, aber sehr dünngescheuert. Die Eingriffkanten der Hosentaschen waren so abgenutzt, das das weiße Tascheninnenfutter schon auf der ganzen Kantenlänge zu sehen war. Die sehr alte Hose schmückte sich zwar mit einer frischen Bügelfalte, der Stoff glänzte an den Oberschenkelseiten aber von der Abnutzung und das Hosenschonerband am Saum war halb kaputt. Die wenn auch geputzten Lederschuhe waren bereits rissig und die Absätze hinten schief getreten, das Leder ausgebeult. Der Mann trug also gern klassische Herrenkleidung, schien sie aber über einen sehr langen Zeitraum nicht erneuert zu haben.

 

Ich dachte, was ich mit den Sachen machen würde... den Hemdkragen abtrennen und wenden, die Taschen auftrennen und die Kante mit Ersatzstoff einfassen... die Maschen der Strickjacke wieder aufnehmen und zusammenziehen, die Ziehfäden mit einer Häkelnadel nach innen nehmen... den Saum mit neuem Schonerband versehen. Er konnte also keine Frau haben, die das für ihn tun könnte, und er selbst konnte es wohl auch nicht.

 

(Mal abgesehen davon, dass es fast keine Frauen der jüngeren Generation gibt, die das erstens noch können und zweitens wollen, es ist genauso verschwunden wie richtig kochen können - statt dessen wird dumm kokettiert mit dem »nicht können«. Zitat René Kuhn »Dieses furiose Emanzen-Gekreische hat auch zu sonderbaren Auswüchsen geführt: So waren die jungen Frauen meiner Jugendzeit doch tatsächlich stolz darauf und betrachteten es als Zeichen ihrer Fortschrittlichkeit und Emanzipation, dass sie überhaupt nicht kochen können und von Haushaltsführung keine Ahnung haben«.)

 

Ob er wohl geschieden war? Bestimmt war er arm, seine Kleidung sprach Bände. Er wirkte wie jemand, der mit Hemd, Krawatte und Bügelfalte zu verteidigen versucht, was schon längst in Auflösung begriffen war. Er versuchte seine Würde zu wahren.

 

Eine Szene aus Hans Falladas »Kleiner Mann was nun?« fiel mir ein...:

 

»Im November 1932 (...)Eine Fahrt nach Berlin, um die Arbeitslosenunterstützung abzuholen, endet als Fiasko. Gedemütigt durch Berliner Schutzpolizisten, die ihn vom Bürgersteig verscheucht haben, traut er sich kaum, seiner Frau unter die Augen zu treten.«

»…und sonst gibt es keine Arbeit für ihn und nun lebt die Familie außerhalb von Berlin in einer kleinen Laube, die Heilbutt gehört, und von der Näharbeit, die Lämmchen für andere macht. Nach einigen Monaten muss Pinneberg merken, wie schäbig er bereits herumläuft, wie tief er gesunken ist. Als ihn ein Schupo von Trottoir verjagt, ist sein Selbstwertgefühl absolut am Boden«.

 

Ich meine mich zu erinnern, das in der zitierten Szene der einstige, nunmehr arbeitslose Herrenmodenverkäufer Pinneberg vor einem Schaufenster stand, von wo ihn die Polizisten vertrieben. Beim Anblick seines Spiegelbildes in dem schimmernden Fenster wurde ihm seine Abgerissenheit, sein Abstieg schmerzlich bewusst, und das ihn nichts mehr von der Masse anderer Arbeitsloser unterschied. Was war dem armen Mann noch geblieben? Und was war dem Mann in der Bahn auf dem Sitz gegenüber geblieben? Ein Rest einer fadenscheinigen Krawatte, und seine Höflichkeit, die ihn veranlasste, mir Hilfe mit dem Koffer anzubieten. Ich hatte diese Geste abgelehnt, die letzten Endes der einzige Reichtum war, über den dieser eindeutig verarmte Mann frei verfügen konnte, das einzige, was er noch verschenken konnte. Ich saß da in der Ecke und schämte mich. Ich dachte, ich wäre auf eine andere Weise so wie der Schupo in dem Buch gewesen, der Pinneberg vom Trottoir verjagt hat.

 

Ich hatte doch oft schon gebotene Hilfe angenommen und mich mit einem Lächeln bedankt, auch selber Hilfe angeboten und jedes Mal schien es, als hätten Helfer und Beschenkte für einen kurzen Moment die Welt heller und wärmer erspürt. Wieso diesmal nicht, was hatte mich geritten? Wer weiß, ob ich dem Mann in der Bahn nicht einen weiteren Stich in einer ganzen Reihe von Nadelstichen verpasst habe. Er sah niemand mehr an, meinen Blicken wich er aus.

 

In Bremen verließ er grußlos mit gesenktem Blick den Zug.

 

Ich habe noch viel über ihn nachgedacht, wer er wohl gewesen sein mag und was für eine Lebensgeschichte er hat. Bei der nächsten Gelegenheit, sei es im Zug oder sonst wo, werde ich die Hilfe wieder annehmen. Aus Prinzip schon, und weil ich nicht zu denen gehören möchte, die mit kalter Ablehnung den Verfall von Höflichkeit weiter beschleunigen. Lieber nehme ich in Kauf, dass mir jemand im Anschluss daran seine Lebensgeschichte aufdrängt, als das ich einen freundlichen Menschen abweise und ihn damit entmutige.


Kategorie: Diverses

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