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Die Brötchentheke

19.08.2010

Von: Stadtmensch

...oder wie in Deutschland Eigeninitiative nicht nur nicht gewünscht, sondern regelrecht behindert wird.

Vorsicht Schild!

Manche wichtigen Zusammenhänge manifestieren sich in ganz kleinen, fast unbedeutenden Handlungen, Erlebnissen, Alltäglichkeiten. Eines der großen Themen ist z.B. die wirtschaftliche Situation in unserem Land, sind solche (angeblich) unabwendbaren, schicksalhaften Phänomene wie Massenarbeitslosigkeit, die Finanzkrise oder der Kaufkraftverlust breiter Bevölkerungsschichten. Das Bewusstsein, dass ein Individuum durch seine eigene Hände Arbeit, durch seine Eigeninitiative, seinen Erfindungsreichtum und seinen Elan das eigene Überleben sichern kann, ist in einem Land, dessen Medien voll sind mit Reizwörtern wie HartzIV oder »spätromische Dekadenz«, mit ausufernden Sozialkosten und Schreckgespenstern wie der »Globalisierung« zur exotischen Seltenheit geworden. Natürlich: Wann immer die Großkopferten in Politik und Wirtschaft von Eigenverantwortlichkeit sprechen, möchte man spontan zustimmen. Nichts wäre schöner, als dass jeder die Chance in der Hand hielte, sein Leben so zu gestalten, dass er der Allgemeinheit nicht auf der Tasche liegen muss. Leider sieht die Realität anders aus.

Wie gelähmt wirkt dieses Land. Denn dort, wo ein Geist herrscht, der für alles Schutzvorkehrungen treffen möchte, der Risikobereitschaft erstickt, der für alles und jedes Versicherungspolicen sowie einen dazugehörigen Gesetzesapparat fordert, kann eine verlässliche Ökonomie nicht entwickelt werden und mutieren legislative Steuerungen aus den Palavermenten zu einer gehetzten Flickschusterei, die jede gute ökonomische Absicht ins Absurde verkehrt.

Eben dies wurde mir u.a. durch ein bestimmtes Ritual hinter den bundesdeutschen Brötchentheken klar. Seit einigen Wochen und Monaten verhalten sich die Verkäuferinnen hinter den Theken nämlich merkwürdiger als früher. Wann immer man ein Brot kauft, stülpen sich diese schlechtbezahlten und damit bedauernswerten Damen eine Plastiktüte über die Hand, greifen ein - wahrscheinlich keimfreies - Brot aus dem Regal, legen es in die Brotschneidemaschine, fummeln in einer akrobatischen Meisterleistung alle losen Brotscheiben von dort in eine weitere - wahrscheinlich sterilisierte - Plastiktüte, ziehen die gerade gebrauchte Plastiktüte von ihren Händen und geben das Wechselgeld raus. Und auch die Brötchen werden schon lange nicht mehr mit der nackten Hand angefasst. Man wundert sich als Kunde fast, dass nicht auch die Cent-Stücke vor der Rückgabe durch eine UV-Bestrahlung oder ein Säurebad unschädlich gemacht werden. Selbst bei Aldi, diesem Inbegriff kaufmännischer Schlichtheit, sehe ich vorwiegend Leute die Regale vollstopfen, die weiße Baumwollhandschuhe tragen. Offenbar ist Supermarktware von ganz bösartigen Karton-Bazillen befallen, obwohl bei diesen hermetisch verpackten Selbstbedienungswaren eigentlich keine Bakterien von irgendwo nach irgendwo überspringen können. Wenn man zudem bedenkt, dass wirklich jeder, der in einem Lebensmittelladen arbeitet, vorher ein Gesundheitszeugnis ranschleppen muss, wirkt diese übertriebene Vorsicht, diese Feigheit vor dem gemeinen Bazillus, merkwürdig befremdend.

Mit Behörden ist es nicht viel besser. In den Stuben sitzen vielfach Leute, die auf keinen Fall einen Fehler machen wollen. (Höre ich da den Einwand »Frauenquote« im Öffentlichen Dienst? Jaaaa, gut aufgepasst!) Egal, ob nun das Finanzamt, das Einwohnermeldeamt oder die Arge: Alles wird strikt nach dem Wortlaut des Gesetzes abgewickelt, für flexible Reaktionen, die der individuellen Situation des normalen Bürgers - immerhin der Souverän in unserem Land - Rechnung tragen, ist kein Platz. Und zwar nicht, weil allen vom Gesetz her prinzipiell die gleichen Chancen zur Verfügung stehen müssen (das sollte sowieso der Fall sein), sondern weil sich niemand traut, pragmatisch zu denken und Pragmatismus innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen zu leben. Nein, ich rede nicht von Mauscheleien oder von Geschacher, sondern von solchen Übereinkünften zwischen Staat und Bürger, die beiden Seiten zum Vorteil geraten.

 

(Ganz nebenbei: Das Geschacher, das in den höheren Ebenen bei unseren Entscheidern an der Tagesordnung ist, ist sowieso kaum mit gesetzlichen Intentionen in Einklang zu bringen und im Wesentlichen von selbstbedienerischer Klientelpolitik geprägt. Jedenfalls konnte bisher noch keine Kanzlerette schlüssig erklären, warum z.B. maroden Banken antragslos die Milliarden hinterher geworfen wurden. Nein, solche Phrasen wie »systemisches Problem« oder »alternativlos« reichen bei Weitem nicht aus, Frau Merkel. Wer sich durch Unfähigkeit exponiert hat, hat auch die Konsequenzen zu tragen. Ich stelle mal in Abrede, dass der Wegfall dieser elitären Versager teurer gekommen wäre als die verbrannte Erde, die sie uns in den vergangenen Jahren beschert haben. Und nochmal nein: Der jüngste Wirtschaftsboom in der Exportindustrie entkräftet meinen Pessimismus dabei keineswegs.)

Auch wenn ich nur ungerne von persönlichen Erlebnissen auf gesamtgesellschaftliche Probleme hochrechnen will, so kenne ich aber Handwerksmeister in Kleinbetrieben, die mit 1500,- Euro netto nach Hause gehen - weil ihnen die Finanzbehörden so gut wie keine unternehmerischen Freiheiten und die Banken ohne die Verpfändung von Omas Häuschen keine Kredite gewähren. Ich kenne Selbständige, die, weil sie um wenige Euro über bestimmten Steuersätzen liegen, so von ihren fiskalischen Verpflichtungen und von abstrusen Rückforderungen erdrückt wurden, dass sie ihre Selbständigkeit aufgeben mussten. Da sie nie in eine Arbeitslosenversicherung einbezahlt haben, landeten sie auch gleich bei HartzIV. Wohlgemerkt, es geht hier um Beträge von wenigen hundert Euro und der Schaden, der aus solch einem starrsinnigen behördlichen Verhalten entsteht, liegt um viele Dimensionen höher, belastet die Allgemeinheit und demotiviert diese an sich strebsamen Menschen dauerhaft. Das Gerede von Eigeninitiative oder dem berüchtigten »Fordern und Fördern« ist eine Farce, ist eine Luftnummer, die von überbezahlten, weltfremden Nullen erdacht wurde, die sich in vielen Fällen noch nie einem ökonomischen Konkurrenzkampf stellen mussten.

Um das mal auf die Spitze zu treiben: Will man hierzulande ein Café eröffnen, muss man über Räumlichkeiten mit OP-Qualitäten verfügen. Will man sich als Elternteil vor dem Damoklesschwert »Vernachlässigung der Aufsichtspflicht« schützen, lässt man sein Kind vor dem achtzehnten Geburtstag besser nicht aus dem Haus oder geht nur angeleint mit ihm in die Öffentlichkeit. Will man mit seinem Kleinstbetrieb auch nur überleben - also keine Reichtümer anhäufen - muss man seine Angestellten fast nach Manchester-Manier aussaugen. Wann immer ein Mensch mit seinem Enthusiasmus und seiner Schaffenskraft die Welt begeistern möchte, kommt ihm garantiert ein Formular entgegen.

Der Dirigismus bundesdeutscher Ausprägung steht dem der ehemaligen DDR in fast nichts nach; er hat nur etwas mehr Glitter und Lametta und die Preise bewegen sich in anderen Sphären. In der Relation spielt das jedoch keine große Rolle. Der Staat mischt sich in unerträglicher Weise in die Geschäfte und Vereinbarungen vermeintlich freier Bürger ein und er tut dies vielfach konzeptionslos und vollkommen willkürlich. Die politischen Vortänzer sollten sich indes keiner Illusion hingeben, denn die Lethargie vieler Bürger entspringt nicht aus allgemeiner Dummheit, sondern aus einer tiefen Abneigung gegenüber diesen Leuten und ihrem selbstherrlichen Etatismus.

»Wir sind das Volk.« Daran darf man ruhig mal erinnern.


Kategorie: Male, Female

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