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Sarrazin nervt einfach nur

31.08.2010

Von: Stadtmensch

Geschäftstüchtig ist er durchaus, aber ansonsten geben seine Provokationen nichts her, was dieses Land wieder auf Kurs bringt.

Natürlich provoziert dieser Mann. Natürlich fällt auf, dass wieder einer, der seit Jahren u.a. von den Vorzügen im Berliner Kuschel-Palaverment lebte und sich über politische Pöstchenverteiler (Wowereit) in einen Bundesbanksessel reingedrängelt hat, sein Elitär-Gen mit Juden-Genen, Einwanderer-Genen und HartzIV-Genen usw. abgleicht - und sich schwer benachteiligt fühlt.

Natürlich soll dieser kränklich aussehende Mann seine Meinung sagen dürfen. Das dürfen andere schließlich auch. Aber er soll bitte nicht so tun, als hätte er ultimative Lösungen im Gepäck, denn die hat er nicht. Es ist einfach ermüdend, seine bizarren Vergleiche zu hören. Er möchte jegliche soziale Unterstützung rigoros kürzen, wenn möglich ganz abschaffen. Ganz bestimmt hat er seinen eigenen Vorschlag, man könne von 136,- Euro Stütze/Monat existieren, lange an sich selber ausprobiert - sonst sähe er nicht so angeschlagen aus, wie er halt aussieht. Okay, mittels HartzIV-Kasernierung könnte das mit dem Hungergeld sogar für eine Weile fluppen.

Sarrazin behauptet z.B. folgendes: Bill Clinton, dieser Oral-Office-Cowboy, Lügenbär und Vorbild aller selbstgerechten Zeitgenossen, hätte es richtig gemacht. Sozialhilfe nur noch für eine begrenzte Zeit und schwuppdiwupp gibt es plötzlich keine Arme mehr. Das ist ein Treppenwitz, denn Menschen, die nach gewissen Fristen nichts mehr von der Fürsorge bekommen, tauchen natürlich auch in keiner Fürsorge-Statistik mehr auf und somit ist das Problem Armut statistisch gelöst. Yippie! Ob diese Leute dann in Knästen landen (in den USA ein besonders hervorstechendes Phänomen), im Wochenrhythmus Amok laufen, schwarzarbeiten, klauen oder ein Leben unterhalb von Tierheimstandards leben - wen interessiert denn sowas? Oh, und weil wir grad gedanklich in »God's Own Country« sind: Geht's den wirtschaftlichen Interessen dieses Landes an die Substanz und verlieren all die sagenhaften Tellerwäscher-Millionäre ein bisschen von ihrem Lack, dann darf natürlich der minderwertige Outcast den Achsen des Bösen hinterher jagen. Denn Reiche gehen nicht zum Militär (von einigen Alibi-Aristokraten von den kritischen Inseln mal abgesehen). G.W. Bushs Militär-»Karriere« ist so ein Beispiel, er ist einer dieser klassischen Drückeberger.

Was leisten eigentlich selbsternannte Leistungsträger, also Leute, die nach eigenem Verständnis all die schönen Standortfaktoren in unserem (noch) sozialfriedlichen Land weitestgehend selber geschaffen haben und sie alsdann selbstlos z.B. all diesen komischen H4-Versagern überlassen? In letzter Zeit beachtlich viel: Bankenkrisen, Kapitalvernichtung, Sozialisierung ihrer hausgemachten Verluste. Einer der namhaften Vertreter, der den prekären Wirtschaftsverlierern in unserem Land »spätrömische Dekadenz« attestierte, blamierte sich jüngst mit historischem Analphabetismus - nicht die überzeugendste Art und Weise, andere Menschen über ihre kulturelle Eignung zu belehren.

Natürlich ist das Thema Arbeit das zentrale Thema, um das es geht - soweit muss man mit Leuten wie Sarrazin konform gehen. Natürlich ist der rein monetäre Abstand zwischen Geringverdienern und H4-Beziehern klein und sicherlich kann man bestimmten Bevölkerungsgruppen eine Resignation gegenüber der Tatsache attestieren, dass sich ehrliche Arbeit bei eben diesen unteren Einkommensgruppen immer seltener lohnt. Nur: Es gibt jene fabelhaften Arbeitsplätze in dem ausreichendem Ausmaß gar nicht, die auch einfachen Leuten ein Auskommen ohne staatliche Unterstützung ermöglichen könnten. Die Lohndrückerei, die sich z.B. in einem drastisch zunehmenden Niedriglohnsektor manifestiert, dessen Ausweitung ohne Skrupel durch alle Branchen mit dem Segen des Gesetzgebers zum Fakt wurde, ist nicht die Lösung, sondern die Ursache des Problems. Auch die sich immer weiter öffnende Einkommensschere ist kein göttliches Event, gegen das nur inständiges Beten hilft, sondern bewusst gewollte, ökonomische Diktatur. Wo sind die Antworten darauf?

Die Besitzstandsaktivisten sollten sich keiner Illusion hingeben, denn ein »seht zu, wo ihr bleibt« ist in diesem Zusammenhang vollkommen naiv. Es ist ein strategischer Fehler, der sich rächen könnte. Populistische Lösungen vom Schlage Sarrazins verkennen, dass eine komplexe Situation Eigendynamiken entwickeln kann, die für alle Beteiligten, egal ob besitzend oder nicht, durchaus desaströs enden können. Die Chaostheorie erklärt plausibel, dass komplexe Systeme mir-nichts-dir-nichts kippen können. Aber sicher hoffen solche Provokateure auf staatliche Interventionen, um ihre Zweit- und Drittwagen sowie die Eigentumswohnung für die standesgemäße Maitresse vor dem Zugriff des Pöbels zu schützen. Wenn es dann noch einen Staat gibt, Herr Sarrazin.

Mit ein bisschen gutem Willen könnten wir alle an den Tisch bringen und sicher wären angesichts der gemeinschaftlichen Probleme und mit der Bereitschaft zu Konzessionen, die die Bezeichnung »gerecht« auch verdienen, tragfähige Lösungen herstellbar. Eigentlich, wenn ich es recht überlege, führte kein Weg daran vorbei. Eigentlich. Doch dazu bedarf es kreativer, ungewöhnlicher Lösungsansätze. Was wir auf keinen Fall brauchen, ist Menschenverachtung und Verächtlichmachung, sind weinerliche Anklageschriften oder ökonomischer Zynismus.

»The only way to get there is together.«
(The Oracle)


Kategorie: Politik, Gesellschaft

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