Header

Artikel Detailansicht

< Feminismus für Dummies • Heute: Gläserne Decken
   

Parallelwelten

22.10.2010

Von: Stadtmensch

Derzeit kommt die Entfremdung zwischen Bürgern und den Herrschenden besonders krass rüber. Europaweit.

Es mag dem einen oder anderen hierzulande unverständlich erscheinen, warum die Franzosen wegen einer im Vergleich moderaten Anhebung des Renteneintrittsalters so auf die Barrikaden gehen wie derzeit. Umso merkwürdiger ist dieser Umstand, weil die Gewerkschaften in Frankreich, die maßgeblich zur Verschärfung des Konfliktes beitragen, vergleichsweise viel weniger Mitglieder haben als hiesige Arbeitnehmerorganisationen.

 

Aber auch in unserem schönen Land hängt der Haussegen schief. Mit großem Erstaunen nimmt man das ansonsten ziemlich bieder wirkende Schwabenländle auf einmal als Keimzelle revolutionärer Umtriebe wahr. Plötzlich sieht alles so aus wie in den 1970er bzw. 1980er Jahren: Großdemonstrationen, überzogen gewaltsame Polizeieinsätze gegen wehrlose Demonstranten, Wasserwerfer, die rücksichtslos eingesetzt werden - gegen Rollstuhlfahrer und Kinder z.B., Provokateure der Polizei, die sich zwischen die Demonstranten mischen, um die Lage eskalieren zu lassen.

Aber Stuttgart ist längst nicht das einzige Phänomen, das dieser Tage von einer enormen Entfremdung zwischen der herrschenden Klasse und der gemeinen Bevölkerung zeugt. In Hamburg z.B. waren ca. 6.000 Leute auf den Straßen, um gegen die Schließung des Schauspielhauses wegen Geldmangels zu protestieren. Und auch dort ist es ein von den regierenden Institutionen angestoßenes Großprojekt, das weite Teile der Bevölkerung sauer aufstößt: Die Elbphilharmonie, die wahrscheinlich bei ihrer Fertigstellung eine halbe Milliarde Euro verschlungen haben wird und die somit zur »Elb-Kackophonie« wurde. Parallel dazu explodieren die Hamburger Mieten ins Unermessliche, werden ganze Stadtteile derzeit »aufgehübscht«, um zahlungskräftige Schickimickis, DINKS und ähnliche Bevölkerungsgruppen anzusiedeln.

Es ist nicht so, als fiele den Regierenden nicht auf, dass etwas gewaltig schiefläuft im Verhältnis Bürger vs. Staat. Nicht umsonst rührt Angela Merkel so vehement die Werbetrommel für das Stuttgarter Bahnhofsprojekt, denn sie ahnt, dass einsame Entscheidungen in den politischen Institutionen nur noch selten mit den Bedürfnissen und Erfordernissen der Leute in Einklang zu bringen sind, die letztendlich solche politischen Denkmäler finanzieren müssen.

Es sind jedoch nicht nur die modernen Paläste, die die völlige Loslösung der Eliten inkl. der politischen Entscheidungsträger kennzeichnen. Es war der Wirtschafts-Nobelpreisträger Krugman, der dieser Tage Deutschland eindringlich davor warnte, in Sachen Aufschwung einzig auf den Export zu setzen. Wir wissen, dass z.B. Wirtschaftsminister Brüderle derzeit völlig besoffen ist von den hiesigen Wachstrumsraten. Aber nicht nur er malt in rosa Farben seine Politik an die Wand. Auch Merkel und v.d. Leyen reden von der Konsolidierung des Arbeitsmarktes, die in der Realität jedoch den wenigsten Lohnabhängigen nachhaltige Effekte beschert. Im Gegenteil: So wie nie zuvor sind Arbeitsverhältnisse amerikanisiert und die Kaufkraft der einfachen Menschen marginalisiert worden. Eine langfristige Perspektive sieht anders aus. Nicht zuletzt agieren diejenigen, die noch vor gar nicht langer Zeit die Staatsfinanzen an den Rand des Abgrunds gebracht haben (nämlich die Finanzindustrie) inzwischen wieder genauso wie vor der Krise. Aber was hört man von der Politik? Sicherungsmaßnahmen gegen eine Wiederholung des jüngsten Finanzdesasters seien derzeit nicht durchsetzbar, heißt es. Stattdessen verweist man auf obskure, imaginäre Institutionen und Gremien wie die meilenweit vom Alltag entfernte EU samt ihrer Behörden oder den IWF oder, oder. Wann immer unsere nationale Politik die Ratlosigkeit überfällt, wie sie Schaden von unserem Land abwenden kann, geistern solche schwammigen, nicht greifbare Parolen wie »Globalisierung« oder »die Chinesen« durch die Medien. Nebenbei bemerkt: Wie können wir als Exportweltmeister Opfer der Globalisierung sein? Wie auch immer, dieser heuchlerischen, vorgetäuschten Ratlosigkeit und Schicksalshaftigkeit steht hierzulande eine handfeste Entschlossenheit der Behörden gegenüber, wenn es um die Durchsetzung von Großbaustellen geht. Überdies heftet sich die Politik an die Brust, gewählt worden und deshalb befugt zu sein, Entscheidungen mit der Brechstange herbei zu führen. Dass sie dies tun muss, ist allerdings weniger ein Zeichen ihres grundgütigen demokratischen Selbstverständnisses als vielmehr ein Indikator für ihr Inseldenken und für die Entfremdung gegenüber denen, auf deren Stimmen sie sich vorsorglich berufen. Das Thema Wahlbeteiligung spielt z.B. hier eine ganz eigene Rolle, die nicht sehr rühmlich für unsere »Volksvertreter« ist.

Die Politik täte gut daran, mit offenem Visier zu kämpfen. Denn wie jede antagonistische Entwicklung führt Starrsinn auf der herrschenden Seite irgendwann zu einem Erstarken von Bürgerbewegungen; letztendlich zur Radikalisierung breiter Bevölkerungsschichten. Diese Diskrepanz ist nur mit einem offenen und permanenten Dialog zu meistern, niemals mit Konfrontation und Provokation. Dabei gab es schon einmal kluge Leute, die das Prinzip des immerwährenden Interessenausgleichs erkannt hatten, Leute, die wussten, dass eine »soziale Martwirtschaft« langfristig billiger kommt als kurzfristige Strohfeuer, von denen nur einige Wenige profitieren. Mag sein, dass es in den Wirtschaftswunderjahren der BRD mehr verantwortlich denkende Firmen- und Staatenlenker gab als heute, wo Unternehmen von Share Holders angetrieben und von oftmals praxisfremden Wirtschafts-Apparatschiks »gemanaged« werden. Dennoch bleibt festzustellen: Die Warnungen, die derzeit auf Europas Straßen in Form von Protesten stattfinden, sollte die Politik ernstnehmen, auch wenn solche Proteste an der einen oder anderen Stelle über das Maß hinaus schießen. Wie immer empfehle ich, dass es nur einen Funken guten Willens bedarf; Verachtung oder Hass sind hingegen die schlechtesten Ratgeber, die man sich wünschen kann - das gilt für beide Seiten.

 


Kategorie: Diverses

<- Zurück zu: Beiträge

 

Nach oben

06.11.2019

Ein kleiner Zwischenbericht aus der Welt der Krankenhäuser, Pflegedienste und Krankenschwesterinnen.

Kat: Diverses