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Heute lesen wir mal selektiv

15.09.2010

Von: Stadtmensch

Ein paar leicht verdauliche und tendenziöse Infohäppchen...

Der graue Herr Sarrazin aus Berlin mit den grauen Untergangsgedanken und einem gewissen Hang zu »Blackouts« hat sich seinen Abschied von der Bundesbank versilbern lassen. Schlappe 1.000,- Euro zusätzliche Pension erhält Herr Sarrazin nun, weil er der Meinung ist, er »habe einen Anspruch darauf«, obwohl er seinen eigentlich bis 2014 geltenden Arbeitsvertrag freiwillig gekündigt hat. Das sieht für gewöhnliche Arbeitnehmer wie unsereins ein bisschen anders aus. Denn kündigt man seine Stelle aus freien Stücken, gibt's erstmal als Strafe vom Staat eine dreimonatige Sperre des Arbeitslosengeldes und zwar ganz egal, ob man sich gegen Arbeitslosigkeit »versichert« hatte, welche Schweinereien der Kündigung vorausgingen oder ob im Grundgesetz von der »freien Berufswahl« schwadroniert wird. Eine wie immer geartete Pension für ein rein hypothetisches Arbeitsverhältnis gibt's schon mal gar nicht. Soviel zu »Ansprüchen« von gewöhnlichen Arbeitnehmern. Im Kern erhält also Sarrazin Geld aus unseren Steuern für eine nicht erbrachte Leistung. Gleichzeitig empfiehlt dieser Mann aber Langzeitarbeitslosen, sich doch einen dicken Pulli anzuziehen, um Heizkosten zu sparen. Das ist wirklich schräg, nein dummdreist. Aber er ist nicht der einzige Raffzahn, der sich in diesem neoliberalen Schmierentheater blamiert hat. Bundespräsident Wulff war hier »man in the middle« und hat diesen Deal höchstselbst mit eingefädelt. Wie sagte meine Tochter dazu: »Um Bundespräsident werden zu können, muss man eh nur das richtige Alter haben und winken können«. Ich muss sagen, für eine 17-Jährige ist das eine absolut respektable Analyse.

Doch ein solches Feingefühl, gepaart mit dem Charme einer Kreissäge in Gerechtigkeitsfragen, ist nicht allein das Privileg von Sarrazin. Auch Finanzminister Wolfgang Schäuble spielt in dieser Überheblichkeits-Liga eine tragende Rolle. Der hat zwar dieser Tage Verständnis dafür gezeigt, dass Otto Normalbürger auf den erneuten Finanzbedarf der Pleitebank HRE in der Größenordnung von 40 Milliarden und angesichts der bekannten Streichorgien im Sozialbereich möglicherweise sauer reagiert. Aber natürlich ist das nach seinem Dafürhalten »alternativlos«. Das verstehen wir natürlich, Wolfie! Doch, wirklich: Die Heizperiode hat angefangen und bestimmt ist diesen armen Büro-Bankstern einfach ein bisschen frisch um den Oberkörper. Vielleicht könnten die ja mal beim Pulloverfabrikanten Sarrazin nachfragen? Ich mein ja nur.

Ebenfalls dusselig hat sich unsere geliebte Bundesregierung beim Geheimvertrag mit der Atomlobby verhalten. Können die denn nicht mal lesen? Es stand doch dick und fett auf dem Vertrag drauf: GEHEIM! Das bedeutet, dass man die Abmachungen unter den Teppich kehrt, liebe Regierung! Das blöde Volk muss doch nicht wissen, was der allwissende Staat für es beschließt. Aber statt die Papiere sorgfältig zusammenzuhalten und nicht jede x-beliebige Büroschnepfe mit Layoutwünschen zum Machwerk zu beschäftigen bzw. irgendeinen Praktikanten-Hansel mit der Umsetzung in Powerpoint zu beauftragen, kursieren die Atom-Geheimabsprachen nun munter durch die Medien. Das müssen wir nochmal üben, gelle. Für eine geringe Gebühr von, sagen wir, 1.000,- Euro/Std. könnte ich evt. noch einen Dozententermin freischaufeln, um dieses Malheur aus der Welt zu schaffen. Immer noch billiger als Herr Sarrazin, denn die Zeit bis 2014 brauche ich dafür nicht. Ehrlich!

Aber all diese Nachrichten sind natürlich nur Peanuts angesichts der wichtigen Frage, ob Herr Kachelmann nun seine Ex-Freundin vergewaltigt hat oder nicht. Für Frau Schwarzer, diese ehemals linksrevolutionäre Kampflesbe mit neuerlichem Hang zum rechtskonservativen Meinungsmonopolisten Bild-Zeitung, spielt diese unscheinbare Frage gar keine Rolle. Frau Schwarzer interessiert es als »Gerichtsreporterin für Bild« mehr, ob Herr K. es getan haben könnte. Damit will sie wahrscheinlich dasselbe Schicksal für den Beschuldigten erreichen, das auch vor Jahren Fernsehmoderator Andreas Türck erwischt hatte: Obwohl nachweislich des damals erhobenen Vergewaltigungsvorwurfs unschuldig, war es mit der Medienpräsenz des Herrn Türck schlagartig vorbei. Unabhängig vom Ausgang der Verhandlung oder von läppischen Fragen nach der Beweisbarkeit für die Anschuldigungen gegen Kachelmann ist es ebenso undenkbar, dass der Mann seinen prominenten Beruf weiterhin ausüben kann. Das nennt man dann glaube ich »Rechtsstaat«.


Kategorie: Politik, Gesellschaft

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