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Weil's grad so schön ist: Noch 'ne Runde Sarrazin

07.09.2010

Von: Stadtmensch

Spiegel-Autor Matthias Matussek hat zu Sarrazin einen schlüssigen Artikel geschrieben.

In meinem letzten Beitrag hatte ich mich überhaupt nicht großartig um Sarrazins Gen-Theorien gekümmert; aus gutem Grund. Biologistische Begründungen taugen nämlich fast nie als Universalwaffe gegen kulturelle Fehlentwicklungen und sie sind leider in unserem Land derart vorbelastet, dass ein souveräner Umgang auf dieser Argumentationsebene nicht neutral stattfinden kann. Die Gendebatte wäre besser als Kulturdebatte angezettelt worden, denn aus der Genetik weitreichende und allgemeingültige Schlüsse für unser Land und seine Bewohner zu ziehen, ist nach derzeitigem Wissensstand unseriös. Bleibt also vorerst nur, sich mit kulturellen Auffälligkeiten auseinanderzusetzen. Jedoch hat Sarrazin in dieser Hinsicht überhaupt nichts Neues erzählt und eine solche Kultur-Diskussion taugt auch nicht als Aufreger für bedeutungsschwangere Headlines, weil sie öffentlich nicht gedacht oder ausgesprochen werden darf (z.B. laut Staatsdoktrin einer Frau Merkel).

Dass Muslime - im Vergleich zu anderen Einwanderergruppen - deshalb oft so tragisch scheitern auf ihrem Weg zum Normalbürger, hat weniger mit ihren Genen als mit ihren kulturellen Vorbedingungen zu tun. Man kann sich lange darüber streiten, ob Sarrazins Mittel der genetischen Provokation den Zweck einer momentan breiten Debatte über Integrationspolitik rechtfertigt. Offensichtlich braucht es in diesem Land eines Empörungsjournalismus, damit Denkblokaden aufgehoben werden. Anscheinend braucht die Presse und die ihr angegliederten Meinungspäpste reißerische Headlines, um überhaupt thematisch aufzufallen.

Womit wir auch schon am eigentlich wunden Punkt der Debatte sind, welchen Matussek vortrefflich herausgearbeitet hat: Es ist die ideologische Gleichschaltung von allem, was in der öffentlichen Diskussion gedacht, gesagt und natürlich publiziert werden darf.

 

Die letzten Jahrzehnte waren vor allem davon geprägt, dass die Presse sich als ehrwürdige »vierte Macht im Staate« schlichtweg in Wohlgefallen aufgelöst hat. Information als Korrektiv zu den demokratischen Organen war einst ein hohes Gut; investigativer Journalismus galt als Garant für die Teilnahme aller an der politischen Meinungsbildung. Dieses Gut erodierte. Information wurde zur Ware, Redaktionen wurden dem Diktat des ökonomischen Zwangs geopfert und ihre Tätigkeit wurde auf das Weiterreichen von gleichförmigen Pressemeldungen an die Konsumenten reduziert. Dass die meisten Printmedien technische Entwicklungen wie das Internet seelig verschlafen haben, will ich nur insofern erwähnen, als sich dieses Versagen mittlerweile böse rächt. Ein beruflicher Fauxpass ist es allemal, und wahrscheinlich verschieben sich zukünftig die meinungsbildenden Schwergewichte in mediale Bereiche, auf die die klassischen Verlagshäuser keinerlei Zugriff mehr haben. Dass sie diesen unfreiwillig hinzugewonnenen Freiraum in ihrem originären Tätigkeitsfeld für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle nutzen werden, darf allerdings bezweifelt werden.

Man kann also an der Aufregung über Sarrazin und den damit einhergehenden, hektischen und überflüssigen Rausschmissverfahren nur gutheißen, dass sie deutlicher als früher aufzeigen, warum Meinungsbildung in Deutschland eher »Meinungsmache« bedeutet. Beispiele zu solchen Gesinnungsverfahren findet man nicht erst seit Thilo Sarrazin. Ohne inhaltlich irgendeine Übereinstimmung zu empfinden, so war der Rufmord an Eva Hermann z.B. keine Sternstunde der deutschen Demokratie, sondern eine lupenreine Hinrichtung freier Meinungsäußerung. Sie ist leider nicht die einzige gewesen, der es so ging.

Wie schon im letzten Beitrag über diesen Thilo aus Berlin, in dem es um die arg verkürzten Sichtweisen des Bankers gegenüber sozialen Problemen ging, gibt es auch in der »Integrationsdebatte« etliche Argumente, die so nicht stimmig sind. Herr Sarrazin fürchtet z.B., dass in grauer Zukunft Deutschland islamisiert wird und die deutsche Kultur in der Versenkung verschwindet. Was für ein Hasenfuß! Deutschland hat zig Einwanderungswellen in seiner Geschichte bewältigt und war aufgrund seiner zentraleuropäischen Lage schon immer vielen verschiedenen kulturellen Einflüssen ausgesetzt; hat sie teilweise sogar selbst initialisiert. Warum soll man Angst vor einem islamischen Kulturkreis haben, der in seinen Herkunftsländern schon nicht in der Lage ist, feudalistische Strukturen gegen demokratische auszutauschen, der nichts dafür tut, Wohlstand (den es partiell in überbordendem Maße gibt) an die Masse der Menschen weiterzureichen, der in Forschung und Lehre fast keine Rolle spielt, dessen Innovationsfähigkeit, höflich gesprochen, entwicklungsfähig ist? Damit ist nicht gemeint, die Integrationsprobleme in unserem Land zu verniedlichen, aber es zeugt keineswegs von Souveränität, wenn man mit selektiver Statistik Drohszenarien entwickelt, die eine Verhärtung der Fronten provoziert, anstatt genau denen die Leviten zu lesen, die dereinst die feuchten multikulturellen Träume i.S.v. »Wir ham doch alle auf der Welt lieb« in handfeste Gesetze gegossen haben. Dabei darf die SPD, also die sarrazinische politische Heimat, keinesfalls hintenan stehen. Immerhin will Herr S. sein SPD-Parteibuch mit ins Grab nehmen, sagt er. Nun denn, wenn er so ein Pathos braucht, sei's drum. Aber er ist merkwürdig vergesslich, wenn er die »Verdienste« um eine vergeigte Integrationspolitik seiner eigenen politischen Vortänzer großzügig ausspart.

Dies findet sich natürlich auch dort wieder, wo er die Gebärunwilligkeit bundesdeutscher Frauen anmeckert und sie der Fertilität muslimischer Frauen gegenüberstellt. Wir lesen parallel zum Thema Frauen im SPD-Parteiprogramm: »Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden«. Es ist vielleicht nur ein mikroskopisch kleiner Satz in einem eh schon blümeranten Parteiprogramm, aber er spiegelt wider, dass Kinderlosigkeit, die sich auf eine femizentrierte Ideologie gründet, ursächlich dazu beigetragen hat, dass muslimische Frauen scheinbar erfolgreicher vögeln. (Ups. Hoffentlich gibt das jetzt keine Fatwa gegen Stadtmensch-Chronicles.)  Eine Vertiefung der Diskussion darüber, wie Männer in diesem Land diskreditiert werden - maßgeblich von der SPD des Sarrazins - erspare ich mir hier; sie ist in einigen anderen Beiträgen hier nachzulesen.

Sarrazins Verdienst ist also in meinen Augen weniger eine inhaltliche Verbesserung der Integrationsdebatte. Sein eigentlicher Verdienst besteht darin, dass der Umgang mit ihm nun einigen medialen Schwergewichten wie eben Matussek oder Broder sauer aufstößt und das zu Recht. Hoffen wir, dass diese Diskussion noch nicht zu Ende ist. Und was die persönliche Situation des auch von mir kritisierten Herrn S. aus B. betrifft: Er soll bleiben, wo er ist - wenn er denn will (ich würde allerdings aus dieser heuchlerischen SPD sofort austreten). Alles andere wäre eine Schande für die Diskussionskultur, die in unserem Land inzwischen nur noch als Lippenbekenntnis geführt wird.


Kategorie: Politik, Gesellschaft

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