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Tante Ursel kapiert's nicht

19.04.2011

Von: Stadtmensch

Schon wieder so ein Flop der Zensursula: Niemand in diesem doofen Prekariat will ihre Bildungsgutscheine haben. Also versucht es die Ursel mit dem Spruch, den sie am besten kann: »Aber die Kinder!«

Lächerliche zwei Prozent der Empfangsberechtigten haben Gelder aus dem Hartz-IV-Paket beantragt. Der Plan von Arbeitslosenministerin Ursel von der Fönen sah dagegen vor, dass die Schmuddelkinder der Ärmsten wie verrückt auf die Musikschulen, Sportvereine oder in sonstige kulturstiftende Einrichtungen geschickt werden, so dass wenigstens die Kinder der sonst so verachteten Unterschichten später nicht allzu grob auffallen, wenn man den ausländischen Beobachtern etwas von der bundesdeutschen Hochkultur vorgaukeln will. Aber irgendwie will dieses gutmenschelnde Paradeprojekt der von der Leyen nicht so funktionieren. Die Ärmsten spielen nämlich lieber weiter unbeeindruckt Playstation, geben die staatliche (nicht stattliche) Kohle für Alk und Zigaretten aus und lassen ihre Nachkommen lieber ohne Vivaldi oder Mozart aufwachsen. Zumindest ist es das, was Leute aus dem Politikerstand gemeinhin glauben.

Vielleicht haben aber auch die betroffenen Empfangsberechtigten gemerkt, dass sie mit der Beantragung der Bildungsgutscheine zwar nicht ihren Kindern etwas Gutes, aber der Ursel ein paar historische TV-Auftritte beschert hätten. Und es stimmt: Seit ihrem Flop beim stümperhaften Verstecken von hochkriminellen Kinderporno-Webseiten hatte diese Blondine schon länger keinen Tschingderassabumm-Aufmarsch im Blitzlichtgewitter mehr. Insofern kann man ihre Entzugserscheinung nachvollziehen. Angesichts der »Höhe« der von-der-Laien-Bildungszuschüsse kann man durchaus mutmaßen, dass die Selbstbeweihräucherung dieser ministerialen Unperson die eigentliche Absicht hinter der jovialen Großzügigkeit war.

Vielleicht liegt es aber auch an der Höhe der staatlichen Zuwendungen. Denn ehrlich: Was will jemand mit 26 Euro Zuschuss im Monat für Schulessen oder 10 Euro im Monat für Bildungsförderung anfangen? Das sind 0,87 Euro für Schulessen pro Tag und sage und schreibe 0,33 Euro für Weiterbldung pro Tag und prekärem Wunderkind. Umgerechnet wären das etwa zwei einfache Joghurts und eine viertel Gitarrensaite pro Tag - sofern man nur die Melodiesaiten kauft, keine Basssaiten. Okay, Gitarrensaiten könnte man evt. gebraucht erstehen, aber gebrauchte Joghies?

Natürlich ist Tante Ursel ganz furchtbar traurig, weil die blöden Unterschichtenfuzzies die eigenen Kinder so vernachlässigen. Dabei hatte sie ihr zutiefst mütterliches Anliegen doch so formschön und zweckfrei angepriesen. Seit Wochen schon tönt einem jedesmal, wenn man sich z.B. einen Nachrichtenclip auf Spiegel Online ansehen will, ein Werbefilmchen aus Ursels Ministerium entgegen. Darin sieht man einen zunächst missmutigen Jungen, wie er eine Getränkedose durch die trostlose Gegend kickt, um dann kurze Zeit später in voller Vereinsmontur plötzlich auf ein Fußballtor zuzustürmen, wo er ein Hartz-IV-Jahrhunderttor schießt. Liebste Tante Ursel, zum Einen: Getränkedosen sind sowas von verboten! Da kannst du dich bei diesem ehemaligen Schmuddelkind Trittin von den Grünen bedanken. Zum Zweiten: Für die paar Euro aus deinem Bildungspaket bekommt der Junge aber kein so schickes Vereinsdress, höchstens ein Paar Schnürsenkel für seine ebenfalls unbezahlbaren Fußballschuhe. Und drittens: Du hast doch glatt die vergessen, die du sonst immer so gerne bevorzugst, nämlich die Mädchen. So kennen wir dich ja gar nicht. Sollen die etwa weiterhin mit gebrauchten, kopf- und vaginalosen Barbies aus der Dritten Welt spielen müssen? Und viertens: Wurde dieser bedauernswerte H4-Lümmel in deinem Gutmenschen-Porno eigentlich angemessen entlohnt? Stichwort »Kinderarbeit«? Drehtage sind lang!

Wann immer sich die Menschen über die Höhe der staatlichen Zuwendungen streiten, trennt sich die Diskussion darüber sehr rasch in zwei unversöhnliche Parteien. Die einen wollen rigoros alles einstampfen, was nach »bedingungslosem Grundeinkommen« auch nur riecht, die anderen beklagen die gewollte Ausgrenzung großer Bevölkerungsgruppen und ahnen, dass über kurz oder lang ihre eigene Situation ebenfalls bedroht sein könnte. Schließlich kann man heutzutage sehr leicht aus dem existenzsichernden Arbeitsprozess heraus fallen; eine länger währende Krankheit reicht schon aus - und alle bis dato erworbenen (bezahlten und versteuerten) Güter schmelzen wie Eis in der Wüste und unter den Augen kaltherziger Formular-Akrobaten dahin. Oh, nicht, dass der Staat kein Herz hätte: Bei den maroden Banken war er sofort zur Stelle. Mich persönlich würde jedoch interessieren, ob die Bankster jemals Anträge dafür haben stellen müssen.

Das Problem hinter den staatlichen Zuwendungen ist allerdngs nicht so sehr, ob fünf, zehn oder vielleicht sogar zwanzig Euro von den Armen eingestrichen werden können oder nicht. Das eigentliche Problem ist die Gutsherrenmentalität, ist die unerträgliche Arroganz derer, die sich in der Politik (aber auch in der Wirtschaft) so gerne im Scheinwerferlicht sonnen. So lässt uns Tante Ursel wissen:

 

Das Bildungspaket kann man mit einem einseitigen „Ankreuzer“ beantragen, einfacher geht es wirklich nicht. Man sollte die Menschen auch nicht unterschätzen. Schließlich haben dieselben Leute bereits erfolgreich Anträge für Arbeitslosengeld, Wohngeld oder Kinderzuschlag ausgefüllt. Da sollte ein simples Zusatzformular zur Förderung der Kinder keine unüberwindliche Hürde darstellen. Staat und Eltern tragen gemeinsam Verantwortung dafür, dass das Bildungspaket zu den Kindern kommt. Es ist richtig, die Verwaltung hat eine Bringschuld, aber Eltern haben auch eine Holschuld. Schließlich haben sie ihre Erziehungsverantwortung nicht am Tresen des Jobcenters abgegeben.

 

Gerade im letzten Satz kann sie nur mühsam ihre Verachtung gegenüber den Zurückgebliebenen verstecken: Sie suggeriert damit, dass die Armen überwiegend keinen Wert darauf legen, sich um ihre eigenen Kinder zu kümmern.

Es ist, wie es immer ist: Die Herrschenden tun so, als zahlten sie die Stütze komplett aus der eigenen Tasche und als seien die Bedürftigen nur Bittsteller, die ihre Seele längst für die Erfordernisse einer ausschließlich an Humankapital und menschlicher Dispositionsmasse interessierten Herrscherklasse verhökert haben. Um es nochmal schärfer zu formulieren: Diese Menschen hatten überwiegend gar keine Wahlfreiheit, denn sie sind der bewusst in Kauf genommene Ausschuss, der benötigt wird, um solche angeblich unvermeidbaren Naturkatastrophen wie die beipsw. »immer größer werdende Einkommenskluft« aufrecht zu erhalten. Auch das ist auf lange Sicht »systemisch« (wie die so »bedauernswerte« Situation heruntergewirtschafteter Bankinstitute), nur will es keiner wissen. Lieber begegnet man dem Phänomen der Verarmung und der schleichenden Lohnentwertung mit noch mehr Verwaltung und mit noch mehr Angstszenarien bei denen, die von ihrer eigenen Hände Arbeit (noch) so gerade leben können.

Ein Bekannter von mir hat übrigens neulich eine Einladung in die hiesige Staatskanzlei bekommen. Sie kam in einem gefütterten Briefumschlag, und der hatte eine Prägung mit dem Landeswappen. Der Inhalt kam auf einem farblich nicht käuflichen Sonderpapier und war eingeschlagen in einen Karton, der ebenfalls eine Prägung mit den Landessymbolen besaß. Ich schätze den rein materiellen Verkaufswert dieser Einladung auf etwa fünf Euro pro Exemplar, und mein Bekannter ist nur einer von hunderten eingeladener Gäste. Ein anderer Bekannter erzählte mir einmal, dass die Arge Bewerbungen bezuschusst, allerdings nur soviel, dass man etwa zwei Bewerbungen im Monat davon schreiben kann - und das nur dann kostendeckend, wenn man schon einen eigenen Computer hat.

Wieso muss ich gerade an Arabien denken?


Kategorie: Male, Female, Politik, Gesellschaft

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