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Frauenstaat Ruanda

03.08.2011

Von: Narrowitsch

Über den Feminismus als Exportschlager in Entwicklungsländern

Im Forum »Wieviel Gleichberechtigung verträgt das Land?« (WGvdL) verwies kürzlich ein Stammposter, der sich Dampflok nennt, auf eine Mitteilung aus dem Jahre 2010 von IPS, die er, ganz anders als ich, als zynisch empfindet.

 

Doch zunächst: Wer ist IPS? Die Wiki führt »Inter Press Service (IPS)« als »Dritte Welt Nachrichtenagentur« auf der »Liste der internationalen Organisationen in Bonn« und ist nur eine von vielen dort aufgeführter NGOs. Und mit einigen NGOs ist der Sachverhalt, den der vorgesellte Artikel beschreibt, wie wir sehen werden, verknüpft.

 

Worum geht es?

»Ruanda, ein kleiner Binnenstaat im Osten Afrikas, hat nach dem Völkermord von 1994 mit einer Vielzahl positiver Entwicklungen auf sich aufmerksam gemacht« - so erfahren wir - und: »In keinem anderen Land der Welt ist der Anteil von Frauen im Parlament höher als hier, und auch wirtschaftlich befindet sich Ruanda im Aufwind.«

 

Zweifellos eine erfreuliche Entwicklung, wenn sich ein Land nach einem Völkermord wirtschaftlich im Aufwind befindet. Offensichtlich - so suggeriert jedenfalls die Autorin - hat dieser Aufschwung etwas mit dem weltweit höchsten Anteil Frauen im Parlament zu tun. Diesen bemerkenswerten Umstand sollte sicher jeder, dem das Wohl und Wehe (s)eines Landes am Herzen liegt, durch den Kopf gehen lassen, selbst dann, wenn er sich zur kleinen Minderheit Antifeminsten zählt; vermeintliche oder tatsächlich existierende geschlechtertheoreitischer Unbilligkeiten dürfen da in die zweite Reihe rücken. Welche Lehren kann/darf er aus der jüngsten Vergangenheit eines Landes ziehen, welches vor 16 Jahren zwischen 500.000 und einer Million Menschenleben Krieg und Genozid opfern musste (Zahlen siehe Wiki)?

 

»Nach dem Verlust der vielen Männer im Zuge des Völkermords erkannte die Regierung von Staatspräsident Paul Kagame das ungeheure Potenzial der Frauen und begann mit einer Politik der positiven Diskriminierung. Das Ergebnis: Frauen belegen inzwischen 55 Prozent aller Parlamentssitze.« - lässt uns Frau Hope Mbabazi, Autorin des Artikels, wissen und berichtet weiter: »Ob in den Städten oder den Dörfern - überall im Lande stellten Ruanderinnen ihr Know-how und ihre Führungsqualitäten unter Beweis und verschafften Ruanda eine überraschend schnelle Entwicklung.«

 

Mit Paul Kagame stand, so scheint es, der richtige Mann zur richtigen Zeit, an der Spitze Ruandas. Männer wie Kagame bezeichnen Medien der westlichen Hemisphäre, wenn ich den Wiki-Eintrag richtig deute, gern wahlweise als Warlord, Aufständischen, Terroristen oder Rebellenführer:

 

»Im Jahr 1990 erhielt Kagame eine Militärausbildung am ›Command and General Staff College‹ in Fort Leavenworth, USA, einer militärischen Eliteakademie der United States Army. Im selben Jahr begann er mit der RPF, deren Führung er am 2. Oktober 1990 übernahm, erste Invasionsversuche nach Ruanda. Im darauf folgenden Bürgerkrieg von 1990 bis 1993 kämpfte er als Führer der RPF zusammen mit der Armee Ugandas gegen die Truppen Ruandas.

 

Bei den Präsidentschaftswahlen am 9. August 2010 wurde Kagame erneut im Amt bestätigt. Er erhielt nach Angaben der nationalen Wahlkommission 93,08 % der abgegebenen Stimmen. Die Wahlen fanden allerdings weitestgehend unter Ausschluss der Opposition statt, die drei zugelassenen Gegenkandidaten Kagames galten als ihm nahestehend. Bereits im Vorfeld der Wahlen sei es nach Oppositionsangaben zu Einschüchterungsmaßnahmen durch die Regierung gekommen. Mehrere Oppositionspolitiker und Journalisten fielen Mordanschlägen zum Opfer. Auch während des Wahlgangs sei es zu Unregelmäßigkeiten gekommen.

 

Zusammen mit Yoweri Museveni, dem Präsidenten von Uganda, wird Kagame seit den späten 1980er Jahren zu den engsten Verbündeten der USA in der Region gezählt« (Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Paul_Kagame; auch im Weiteren)

 

Im Übrigen droht Kagame bei Einreise in die EU die Verhaftung. 2008 ereilte Kagames Protokollchefin Rose Kabuye dieses Schicksal am Flughafen Frankfurt. Beide sollen in den Abschuss des Flugzeugs des seinerzeit amtierenden Präsidenten Ruandas, Juvénal Habyarimana, die zum Völkermord führten, verstrickt sein. Frau Kabuye war unter anderem mehrfach in Deutschland tätig, der Haftbefehl ist nach dipolmatischen Verwicklungen inzwischen aufgehoben. Trotz allem schreibt man (wer eigentlich?) Herrn Kagame »eine maßgebliche Rolle für die Stabilisierung des Landes und den wirtschaftliche Aufschwung Ruandas« zu. »Gleichwohl geschah dies sowohl unter Umgehung der Demokratisierung im eigenen Land als auch auf Kosten des Kongo, von dessen illegaler Rohstoffausbeutung größtenteils Ruanda profitiert«.

 

Kagame, der rechte Mann zur rechten Zeit, an der richtigen Stelle, besaß also mindestens zwei erfolgreiche Rezepte für den Aufschwung: illegale Rohstoffbeschaffung und positive Diskriminierung. Von Ersterem weiß Frau Hope Mbabazi nicht oder hält es nicht für erwähnenswert, so wenig wie den Leumund des segensreichen Präsidenten. Sie interessiert anderes, etwas, von dem sie höchst redundant berichtet: Von Erfolgen nämlich, die allein oder in erster Linie Frauen zu danken sei.

 

Als exemplarischen Beweis für die unglaublichen wirtschaftlichen Leistungen ruandischer Frauen führt Frau Hope Mbabazi die Kaffebäuerin Abena Mukamana an, die nun 6 Arbeiter (!) beschäftige und die »viermal so viel Kaffee wie zuvor ihr Vater und ihr Mann« produziere. Es müssen, wirtschaftlich gesehen, Einfallspinsel gewesen sein, der Vater und der Gatte.

 

Michel Murindahabi, der die Kaffeebauern von Ndego vertritt, bestätigt, es sei »nicht weiter verwunderlich. Frauen seien eher bereit, neue Techniken auszuprobieren, um die Qualität ihrer Erzeugnisse zu verbessern und ihre Erträge zu steigern. Eine solche Innovationsbereitschaft sei bei den männlichen Farmern eher selten.« Und Frau ruft fix auch den Mikrokreditbeamte Alfred Rukundo zum Zeugen, der mache eine Erfahrung immer wieder. »In Ruanda entpuppten sich die Frauen als Unternehmerinnen, die mit Geld umgehen und es auch vermehren können. Männer seien schnell mit ihren Raten im Rückstand, Frauen hingegen zahlten ihre Raten in der Regel zügig zurück.« Beeindruckend, fast unglaublich nicht wahr?

 

Und das, obwohl der Völkermord  - laut Autorin - ein traumatisiertes Land hinterlassen habe: »Neben den Massakern kam es zu zahlreichen anderen Übergriffen und systematischen Vergewaltigungen. (…) Unterschiedlichen Untersuchungen zufolge wurden in Ruanda zwischen 250.000 bis 500.000 Mädchen und Frauen sexuell missbraucht. Viele verheiratete Frauen mussten zudem den Verlust ihrer Männer hinnehmen«

 

Ein hartes Los, neben sexueller Gewalt auch noch den Verlust ihrer Männer hinnehmen zu müssen. Bezeugt diese wunderbare Empfindung des Verlustes eines oder vieler Menschen, selbst wenn männlichen Geschlechts waren, nicht eine äußerst ausgeprägte hochstehende Kultur des Humanismus? Männer, potenzielle Vergewaltiger  - ein Verlust? Erfuhren wir nicht soeben aus dem Bericht von Frau Hope wie wirtschaftlich unzuverlässig und dazu konservativ - innovationsabgeneigt diese Kerle sind und waren? Kerle einer Gesellschaftsstruktur, die der »positiven Diskriminierung« bedarf um Männer in Schach zu halten - ein Verlust? Was für ein Maß an Großmut!

 

Und trotz alldem: »Die Wirtschaftsleistung Ruandas habe sich seit 1994 verdreifacht, und das alljährliche Wirtschaftswachstum legt bei durchschnittlich sechs Prozent« Wie geht das,- frage ich mich? 1994 tobte das große Schlachten. Auch ohne über das Wissen eines Wirtschaftsfachmanns zu verfügen gehe ich davon aus, viel wirtschaften war da nicht; die scheinbar eindrucksvollen Zahlen, sind vielleicht gar nicht so eindrucksvoll, wie sie erscheinen sollen. Das Dreifache von fast gar nichts - ist fast gar nichts. Und dann lese ich diesen Satz: »….Außerdem konnten sie sich in Kursen qualifizieren - oftmals mit Hilfe der vielen ausländischen Organisationen, die nach dem Völkermord nach Ruanda kamen.« Mit Hilfe ausländischer Organisationen also kam der Aufschwung. Für die Frauen. NGOs am Werke - das sollte spätestens seit dem Wirken jener Organisationen in Haiti Männer misstrauisch werden lassen. Damals gaben sie nach eigenem Bekunden Reis nur an Frauen und Kinder aus; Männer passten nicht in die überbordende Hilfsbereitschaft der großen Hilfsorganisationen.

 

Also lese ich den Artikel nochmals. Ganz am Ende kommt mir die Erleuchtung, wessen Geistes Kind die Autorin und ISP sind. Es steht geschrieben:

 

»Dieser Beitrag ist Teil eines Kooperationsprojekts mit den PeaceWomen Across the Globe (PWAG), dem deutschen Frauensicherheitsrat, der OWEN-Mobile Akademie für Geschlechterdemokratie und Friedensförderung und dem Global Cooperation Council. Anlass des Projekts ist das zehnjährige Bestehen der UN-Resolution 1325.«

 

Interessant, wer da so kooperativ Feder führt: PeaceWomen Across the Globe - auf Deutsch: Friedensfrauen weltweit - ist eine schweizerische Organisation, die in der Friedensbewegung aktive Frauen unterstützen und bekannter machen möchte. Sie entstand aus der Kampagne 1000 Women for the Nobel Peace Prize 2005, die 1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005 nominierte. Kampagne und Organisation wurden von der Schweizer Nationalrätin Ruth-Gaby Vermot-Mangold initiiert. Frau Ruth-Gaby Vermot-Mangold agiert als Feministin. Mit der OWEN-Mobile Akademie für Geschlechterdemokratie und Friedensförderung will sich Vermot-Mangold  »gemeinsam auf die Suche begeben nach Geschichten, Sichtweisen und Weisheiten der Schwestern, Großmüttern und Enkelinnen im Europa von gestern, heute und morgen. Folgende Frage(n) stehen dabei im Vordergrund: Was verstehen wir unter Emanzipation?

 

Hinter dem »deutschen Frauensicherheitsrat« verbirgt sich nichts anderes als das das Gunda-Werner-Institut (für Feminismus und Geschlechterdemokratie) der »Heinrich-Böll-Stiftung«, die den erklärtermaßen feministisch orientierten Grünen nahesteht. Sie alle sehen sich der UN-Resolution 1325 verpflichtet, eine Resolution, die den Einfluss feministischer Lobbys bis weit in die UN hinein, veranschaulicht. Sie alle teilen und propagieren Anschauungen, die Frau Ruth-Gaby Vermot-Mangold als »Co-Präsidentin von Friedensfrauen Weltweit«, unter die Leute bringt: »Es ist kein Geheimnis: Die Welt der Waffen, der Proliferation und Kriegsfinanzierung ist eine Welt der Männer, von Generälen, von sogenannten Kriegshelden.« Sie gab zu, dass Frauen nicht besser seien als Männer: »Sie unterstützen oft den Krieg und die Zerstörung, stellen sich hinter die Kriegshelden und denken nicht an die Konsequenzen.« Jedoch seien es vor allem Frauen, welche die »Verantwortung wahrnehmen, die vom Krieg zerstörte Gesellschaft wieder aufzubauen und sich um die traumatisierten Opfer zu kümmern.«

 

Bislang hörte ich reichlich solche und ähnliche Behauptungen, nur gelang es mir nicht, belastbare Studien auszumachen, die diese Tatsachenbehauptung aus dem Reich der Behauptungen ins Reich der Tatsachen überführten. Es sei denn, man ließe Meldungen, wie die hier in Rede stehende, als Bericht über Tatsachen gelten. Aber angesichts der Erkenntnis, wer dort die Feder führt ist mit Argwohn geweckt. Denn, so suchte ich vor kurzem nach einer Definition des Feminisms, außerhalb seines selbstdefinierte Verständnisses:

 

Feminismus bezeichnet gleichermaßen Ideologie und einen losen Zusammenschluss vorrangig von Frauen, aber auch einigen Männern, zum Zweck der Zerstörung oder Veränderung sämtlicher gesellschaftlicher Strukturen, soweit sie herkömmliche Geschlechterverhältnisse betreffen, insbesondere der Traditionen, Sitten und Gebräuche, zugunsten der Gesamtheit aller Frauen

(Quelle: »Feminismus - Versuch einer allgemeingültigen Beschreibung, Klärung eines Begriffes«)

 

Wenn Feministinnen Nachrichten verbreiten, werde ich hellhörig. Nein, nicht das ich aus Prinzip Fortschritt verneinte, nur weil Feministinnen ihre Hand im Spiele haben, doch habe ich mir angewöhnt in solchen Fällen genauer zu lesen. Also in medias res!

 

Zunächst fällt auf, mit welcher Lässigkeit unsere kooperierende Autorin über Führungstätigkeit im Krieg die vermutete Verstrickung beim Ausbruch des Genozids des Herrn Präsidenten hinweggeht. Verwunderlich, weil die Stimme von PeaceWomen Across the Globe, Ruth-Gaby Vermot-Mangold, doch so eindrücklich die Welt der Waffen, der Proliferation und Kriegsfinanzierung als Welt der Männer, der Generälen und sogenannten Kriegshelden anklagte. Und nicht nur sie. Dass dieses Weltbild im feministischen Diskurs üblich ist, kann jedermann schnell ergoogeln. Von dorther fand es längst Eingang in zahlreiche NGOs. Da gestatte ich mir schon die Frage, ob dieses teuflische Tun keine Erwähnung findet, sobald ein solcher Kerl »positive Diskriminierung« zum wichtigen Teil innenpolitischen Handelns erklärt. Wiegt das Positive an der positiven Diskriminierung - also eine Diskriminierung, die nach feministischer Lesart Frauen privilegiert - so schwer, dass sie den Verdacht auf Verbrechen zu einem nicht weiter erwähnenswerten Leichtgewicht schrumpfen lässt, zu vernachlässigen im Dienst der guten Sache?

 

Weiter lese ich von sexuellen Gräueln, unter denen hunderttausende Frauen leiden mussten, wohlgemerkt neben dem Leid, welches Frauen wegen des Verlustes ihrer Männer erduldeten. Die hunderttausenden männlichen Toten spielen in dieser Art Weltsicht eine marginale Rolle und natürlich nur im Bezug auf Frauen. Über vergewaltigte Jungen und Kindersoldaten oder Männer, denen die Geschlechtsteile abgeschnitten wurden, ist nur sporadisch zu hören - nicht aber von Vertretern der NGOs. Vielleicht existieren ja solche Scheußlichkeiten ausgerechnet in Ruanda nicht. Von anderen Kriegsschauplätzen, auch aus dem 2. Weltkrieg, sind sie jedoch bezeugt. Mir will nicht in Kopf, warum es in Ruanda anders sein sollte. Auf dem Auge scheinen Femistinnen, NGOs samt UN schlecht zu sehen, es widerspräche dem gängigen Klischee von der Mordmaschine Mann. Nun will ich ja der Frau Autorin nicht unterstellen, sie sei auf besondere Art und Weise in ihren Betrachtungen, etwas, sagen wir, einseitig. Nein, diese Weltsicht ist weit verbreitet, Feministin und US-Außenministerin Clinton hat sie vorgebetet. Frauen, so posaunte sie in die Welt, seien immer die ersten Opfer von Kriegen, weil sie ihre Männer verlören.

 

Was mich zu einer weiteren Frage bringt: Was, zum Teufel, reitet Staatspräsident Paul Kagame, gewiss kein lupenreiner Demokrat, knallhart die Reformen der Geschlechterverhältnisse in seinem Land anzugehen? Dass er aus der Not eine Tugend machen will oder muss, also vormals männlich besetzte Posten nun mit Frauen besetzt, könnte einleuchten. Doch scheint mir ein anderer Gedanke für ihn noch lohnender. Als Garant US-amerikanischer Interessen und in den USA ausgebildet, weiß er selbstverständlich, welche Aktivitäten in der westlichen Welt auf Beifall, nicht nur seitens der Regierungen, nicht nur von Presse und Fernsehen, nicht nur in den Kirchen, sondern auch in den Gremien zahlreicher NGOs und anderer, weitgehend feministisch inspirierter Institutionen bis hin zu den Unterorganisationen der UN, hoffen dürfen. Und damit auf moralische und finanzielle Unterstützung. Die Förderung des »Gender Mainstream« und der Frauenpower zählen in jedem Falle dazu, gelegentliche Blicke in die Presse des Westens sprechen da mehr als ein paar Bände. Unterstellen wir Herrn Kagame, dass er das Wohl seines Landes im Auge hat, so kann es niemanden wundern, wenn er statt auf Stammes- und Volkstraditionen, statt auf Althergebrachtes, auf die modernen Vorstellungen des vergleichsweise reichen, aber »gegenderten« Westen setzt. Sollte sich diese Annahme als zutreffend erweisen, leuchtet vielleicht mein Verdacht ein, dass seine PRO-Frauen-Politik unter Umständen weniger aus Notwendigkeiten der Demografie, weniger aus den Wünschen der Völker, die er regiert, entwachsen, als vielmehr aus dem Import feministischer Vorstellungen, die im Westen den Ton angeben. Oder sollte ich mich irren, täuschen die Indizien?

 

Bei Frau Hope Mbabazi meine ich eine unterschwellige Genugtuung herauszulesen, wenn sie ohne weiteres Bedauern darauf verweist, dass die Abwesenheit von Männern, also deren massenhafte Ermordung (so sagt sie es freilich nicht), erst die Voraussetzungen schuf, um Frauen endlich die Chance zu ihrem segensreichen, wirtschaftlich erfolgreichen und sozial berührenden Schaffen, zu geben. Mal abgesehen von der Männerverachtung, die aus dieser Beschreibung der Verhältnisse sprechen könnte, erinnert mich diese Genugtuung an Deutschland.

 

Dort lese ich seit Jahrzehnten von den Frauen, die in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg den Wiederaufbau des Landes in ihre Hände nahmen und von aus Kriegsgefangenschaft zurückkehrenden, ehemals faschistischen Soldaten, die jene Frauen um die Früchte ihrer Leistungen brachten. Ich las solcherlei Betrachtungen zuerst in feministischen Schriften, später in zahlreichen Publikationen und schließlich tönten sie auch in Dokumentationen in den audio-visuellen Medien. Immer schwang dort ein Unterton des Bedauerns über die verpassten Chancen zur vollen Emanzipation der Frau mit, so als wäre die Rückkehr der Heimkehrer eine Katastrophe für den Zivilisationsprozess Nachkriegsdeutschlands gewesen. Schon weil Männer nun die Frauen, die sich ohne Männer längst in Selbständigkeit, Unabhängigkeit emanzipiert hatten, der damit gewonnenen Freiheiten beraubten.

 

Wer sich der Mühe unterzieht, filmisches Dokumentarmaterial mit ausgeblendetem Ton genau zu betrachten, wird einiger anderer Tatsachen ansichtig:

 

  1. Nicht nur Frauen rückten der Trümmerwüste zu Leibe, nein auch Greise, Versehrte und sehr junge Männer.
  2. In den Ruinen der Industriebetriebe sind (abermals zumeist ältere) Männer zu sehen, die aus dem Schrott, den die Bombergeschwader und Artillerieeinwirkungen übrig ließen, etwas Ähnliches wie eine Produktion in Gang brachten.
  3. In jenen Dokumenten sind Massen Frauen zu besichtigen, die auf Bahnhöfen nach ihren heimkehrenden Ehegatten, Brüdern und Söhnen fahndeten, höchst berührende Szenen des Wiedersehens und noch berührender die Verzweiflung jener Frauen, die erfolglos suchten. Oft Jahre lang. Der Weltkrieg war aus, der Geschlechterkrieg noch nicht entbrannt, niemand dachte daran, aus den zwischenmenschlichen Tragödien, die Krieg und Gefangenschaft mit sich brachten, ideologischen Gewinn für neue »Geschlechterrollen« zu ziehen. Es gab wohl Wichtigeres zu tun.

 

Wer sich sodann der weiteren Mühe unterzieht, ein wenig in der Wirtschaftsstatistik jener Zeit umzutun, wird schnell den Zusammenhang zwischen Rückkehr männlicher Fachkräfte an angestammte Arbeitsplätze und dem Wirtschaftswunder erkennen. Womöglich auch die Kraft der Fantasie innerhalb frauenrechtlerisch erdachter Wirtschaftsgeschichte.

 

Aber die Parallelität der klammheimlichen, mühsam verschleierten Freude über eine (zeitweilig) demografische Schwäche des männlichen Geschlechts, sollte vielleicht jedermann aufmerken lassen. Ist der Verdacht wirklich abstrus, es könne sich, anders als suggeriert, eben nicht um parallele, unabhängige Entwicklungen handeln, sondern um »sanfte« vorrangig deutscher Entwicklungshilfe hin zu einer schönen, neuen, feministischen Welt? Afrika als neue Speerspitze im Kampf um die Meinungshoheit an allen Stammtischen der Welt, die da lauten soll: Lasst endlich die Frauen ran, die Männer können es nicht!

 

Mag sein, meine Erfahrungen führen mich zu einem falschen Verdacht, dennoch widerhole ich die Frage: Könnte es zutreffen, dass deutsche Feministinnen ihr Wunschbild nach Afrika projizieren, das Bild weiblicher Omnipotenz in einer männerreduzierten Welt? Soll von Afrika her ein (konstruierter) Präzedenzfall den Weg in die westliche Welt nehmen, einer, der die Richtigkeit feministischer Heilslehren nun beweist?

 

Schauen wir uns also den wirtschaftlichen Aufschwung Ruandas noch einmal an, den Mbabazi so eindrücklich - leicht als pars pro toto zu verstehen - an der Kaffeeplantagenbesitzerin Abena Mukamana, demonstriert.

 

»Über 60% der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, davon wiederum 20% sogar unter der Grenze absoluter Armut. Ruandas Fähigkeit, privates und privatwirtschaftliches Kapital anzuziehen, ist noch sehr begrenzt. Mittlerweile sind jedoch auch beachtliche Fortschritte in der Stabilisierung und Wiederbelebung der Wirtschaft auf das Niveau vor 1994 erkennbar. Das Bruttoinlandsprodukt stieg in den letzten Jahren. Die Armut hat allerdings im selben Zeitraum zugenommen. Die Nahrungsmittelproduktion stellt nur 80 % des Bedarfs, so dass es regelmäßig regional und saisonal zu Hungersnöten kommt und es Gebiete und Bevölkerungsgruppen mit chronischer Unterernährung gibt.« – erfahre ich in der Wiki. Ganz so rosig, wie auf der besagter Kaffeplantage sieht es, trotz »positiver Diskriminierung« wohl noch nicht im ganzen Land aus. Weiter erfahre ich: »Das Wachstum scheint jedoch vor allem auf einen Bauboom vor allem in der Hauptstadt und Nationalparks (u. a. Großhotels wie das Intercontinental, Kivu Sun und Akagera Game Lodge; Gebäude von Versicherungen und Geschäftsleuten) sowie auf Großprojekte beim Straßenbau (2004: Kigali-Kayonza; Kigali-Butare-Akanyaru) zurückzugehen.

 

Landwirtschaft stellt nur etwa 40 % des BIP

Ruandas Wirtschaft ist stark landwirtschaftlich geprägt. Ungefähr 93 % der Bevölkerung arbeiten in diesem Bereich. Ein großer Teil der Erträge gelten allerdings der Selbstversorgung (90 %). Die Landknappheit ist groß. Über 90 % der vorwiegenden Familienbetriebe bewirtschaften eine Fläche von weniger als einem Hektar.«

 

Seltsamerweise verschweigt uns die Autorin die weiblichen Verdienste beim eigentlichen Träger des Wachstums, dem Bauboom. Oder verhält es sich doch nicht ganz so, wie uns die Meldung glauben lassen will? Sind Männer am Ende doch am Aufschwung beteiligt? Werden sie ausgeblendet um UN-Resolutionen nach Muster 1325 auf den Weg zu bringen? Oder UN-Papiere. wie sie die »Weltfrauenkonferenz« seinerzeit in Peking für Regierungen formulierte, die »Gender Mainstream« aus unterschiedlichsten Gründen als feministische Zuchtknute in den Händen wissen wollen?

 

Offen gestanden, glaube ich nach dieser Lektüre den feministischen Heilsversprechen kein Wort. Nicht dass ich an der Kaffeetante und ihren 6 Arbeitern zweifelte, doch nehme ich die offensichtlichen Intentionen der Schreiberin und ihrer KooperationpartnerInnen zur Kenntnis. Auch die Methoden, die sie für die Publikation ihrer Absichten wählen, lassen tief blicken: Verzerrung der Tatsachen, Verschweigen des Unerwünschten, Relativierung des Leids der Männer zugunsten der Betroffenheit gegenüber das der Frauen, damit Hand in Hand gehend, Lobpreisung des Weibes, Vernachlässigung des Männlichen. Zumindest dort, wo sie es nicht der Verachtung preisgeben. Feminismus nach westlichem Vorbild in Reinkultur.

 

Nein, ich halte diesen Artikel nicht für zynisch, ich halte ihn für zutiefst menschenverachtend. Solche Publicrelations liefern NGOs das argumentative Material für ihre Logos, die sie mit Worten wie »Girls first« versehen und sie sodann zum Programm erheben. Weite Teile Afrikas hängen am Tropf dieser NGOs.

 

Dies zu bedenken, wenn wir die Geldbörsen für sie im Namen des Hungers öffnen sollen, muss nichts Verwerfliches an sich haben. Die kritische Betrachtung legt nahe, dass es sich um nicht auszuschließende Versuche feministischer IdeologInnen handelt, die Not auf der Welt für ihre Zwecke zu nutzen. Und sei es auch nur mittels einer kleinen Presserklärung.

 

Quod erat demonstrandum.


Kategorie: Politik, Gesellschaft, Male, Female

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