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I told you so...

12.08.2011

Von: Stadtmensch

Bereits vor längerer Zeit hatte meine Wenigkeit vor mafiösen und gewalttätigen Strukturen gewarnt, die die Antwort auf die zunehmende Korruption weniger Profiteure und die Ausgrenzung der unteren Bevölkerungsschichten sein würden. Es ist nicht immer schön, Recht zu bekommen.

Auch auf die Gefahr hin, als x-ster neunmalkluger Artikel zum Thema »Ausschreitungen in England« zu enden, kann man solche Ereignisse nicht immer unkommentiert lassen. Hier soll jedoch versucht werden, von den aktuellen tagespolitischen Aufgeregtheiten zu abstrahieren.

Es ist ziemlich egal, von welcher Seite man das betrachtet: Das Hauen und Stechen, der Kampf um soziale Stati ist weltweit in vollem Gang. Einige wenige haben sich über Jahrzehnte durch die Umverteilung des Profits von unten nach oben bereichert, die Realeinkommen der Mittel- und Unterschichten sind signifikant gesunken. Ihre Arbeitskraft wird immer weniger gebraucht, um die Produktivität eines Landes zu gewährleisten und die Konsensfähigkeit in einem solchen Spannungsfeld ist einem aggressiven Gegeneinander gewichen.

 

Die Chaostheorie lehrt uns indes plausibel, dass solche verfahrenen Zusammenhänge regelmäßig implodieren, anschließend Strukturen eingerissen und unter dem weitreichenden Verlust bisheriger Ressourcen neu organisiert werden müssen. Was in der Natur große Biotope vernichtet, um anschließend neues Leben zu generieren, hat in einem Sozialgefüge beträchtliche Menschen- und Kulturverluste zur Folge.

Auf diesem Hintergrund betrachtet, sind Unruhen wie in England nur eine Vorstufe zu größeren Konflikten und beileibe kein Schlusspunkt einer bestimmten Entwicklung. Der Konflikt ist allerdings längerfristig mit einer erhöhten »Law and Order«-Doktrin, wie sie z.B. Cameron vorschlägt, nicht lösbar. Wenn der englische Premier also von verwahrlosten Bevölkerungsschichten spricht - die zweifellos den Hauptteil der kriminellen Plünderer stellen - dann mag er damit gleichgesinnte Kleingeister und obrigkeitsgläubige Memmen für ein paar Tage in wohliger Rechthaberei wiegen, aber die kriminellen Banden, die tatsächlich wie die Wildschweine durch ihre eigenen Viertel marodiert sind, erreicht er damit nicht. Sie werden sich die Dinge immer wieder holen, von denen sie meinen, dass sie ein Recht darauf haben und zwar völlig unabhängig davon, ob sie damit selber Unrecht begehen oder nicht. Das subjektive Gefühl der ungerechten Behandlung, der faktischen Chancenlosigkeit in einem Land, das Luxus und Übersättigung zum Fetisch gemacht hat, wiegt im Tunnelblick dieser Ausgegrenzten derart, dass sie auf das Rechtsempfinden ihrer vermeintlichen Gegner nichts geben.

Nun wäre es allerdings ebenso fatal, nur mit einer Appeasement-Politik solchen Entwicklungen begegnen zu wollen. Bestimmte Grundsätze wie der Respekt vor Privateigentum können nicht zur Disposition stehen. Das bedeutet: Selbst wenn man aus sozialromatischer Sicht dazu neigt, solche Ausbrüche als Produkt noch viel größerer Ungerechtigkeiten auf den goldenen Parkettböden einiger weniger Überbevorteilter zu bezeichnen, können Dinge wie der Respekt vor dem Wohl der Mitmenschen nicht einfach außer Kraft gesetzt werden. Käme es dazu, würde es natürlich auch irgendwann die »Benachteiligten und Ausgegrenzten« selbst treffen.

Dennoch steht uns als Gesellschaft ein Paradigmenwechsel bevor, denn die Alternative, es auf einen sozialen Kampf ankommen zu lassen, ist keine wirkliche Alternative, da ein solcher Konflikt letztendlich nicht steuerbar wäre. Die Eskalation und Potenzierung des bisherigen Konfliktes hieße dann irgendwann Guerillakrieg, völlige Ghettoisierung sowohl der Besitzenden wie der Besitzlosen - alles Dinge, die wir in der Geschichte bereits tausendfach als untauglich und letztendlich auch unwürdig erleben mussten. Eine neue Betrachtungsweise unserer Binnenverhältnisse ist notwendiger denn je.

Viel wäre schon erreicht, wenn sich die gesellschaftlichen Gruppen auf konsensuale Bescheidenheit einigen könnten. Es ist z.B. absurd, dass es in unseren Ländern mehr Handys als Einwohner gibt - und dies ist noch ein harmloses Beispiel kompletter Sinnfreiheit. Es geht z.B. um eine gerechtere Aufteilung des Faktors Arbeit, nicht zuletzt i.S.v. »Gebrauchtwerden«, denn die Produktivität, die immer weiter fortschreitet, wird von immer weniger Menschen erbracht. Es geht um die Befriedigung der Grundbedürfnisse aller im Sinne eines existenzsichernden Bürgergeldes ohne staatliche Drangsalierung und/oder gesellschaftlicher Stigmatisierung. Wer mehr Einkommen erwirtschaften will, kann ein solches Minimalgehalt natürlich durch persönlichen Arbeitseinsatz erhöhen. Die meisten anderen Subventionen - auch die für angeblich »systemische« Körperschaften - gehören abgeschafft. Es geht um eine weitgehende Dezentralisierung in Machtfragen, wenn sie sich als zu unbeweglich herausstellen. Es geht um den schonenden Umgang mit Ressourcen, wozu eben auch die Frage gehört, ob ein kontinuierliches Wachstum ohne die Frage nach der Lebensqualität sinnstiftend ist. Und es geht um das Zusammenführen aller konstruktiven Ideen, was vorrangig Aufgabe der Politik wäre.

In der deutschen Geschichte gab es schon einmal einen Staatenlenker, der sich für eine elementare soziale Absicherung stark gemacht hatte und dabei keinesfalls im Verdacht stand, aus purer Menschlichkeit zu handeln: Otto von Bismarck. Für ihn war die Einführung der allgemeinen Rentenversicherung nicht aus Mitleid geboren und auch kein Produkt seiner persönlichen Angst vor Aufständen, die er sicherlich mit militärischen Mitteln über Jahre hätte in Schach halten können. Ihn trieb vielmehr reiner Pragmatismus an und er hat damit eine Entwicklung in unserem Land in Gang gesetzt, von deren Grundlagen wir heute noch profitieren. An dieser Stelle beantwortet sich die Frage »Wo kämen wir da hin?«, wenn wir solche kühnen Überlegungen anstellen, also ganz von selbst.

Mit Sozialromantik hat das alles nichts zu tun. Im Gegenteil: Das größte Verbrechen bei der Diskussion möglicher Alternativen ist nicht die Abwesenheit von Utopien, sondern die Tatsache, dass es niemanden mehr gibt, der Utopien überhaupt als Diskussionsbasis ohne Vorbedingungen akzeptiert. Heutige Politiker beschränken sich aus Gründen der persönlichen Machtsicherung auf das Verwalten von Missständen über extrem kurzlebige Phasen, ohne langfristige Effekte überhaupt in Betracht zu ziehen. Eine intellektuelle Schicht oder philosophische Vordenker wie in früheren Epochen gibt es heute nicht mehr. Nein, solche Zitate-Automaten wie Sloterdijk oder Kaffesatzleser wie Horx sind es nicht.

Wir werden es nicht schaffen, wenn wir ausschließlich darauf setzen, missliebige Gegner entweder zu eliminieren, permanent zu überwachen oder zu entmenschlichen. Egal, auf welcher Seite der Gesellschaft man steht, es ist dumm und verantwortungslos, einer Konfrontation das Wort zu reden. Es gehört zu den Basics einer Kriegsführung, dass man einen vermeintlichen Gegner nur dann schlagen kann, wenn man ihm mehrfach überlegen ist und ihn vollständig ausrottet. Das wäre allerdings ein Fanal und überaus menschenunwürdig. Von einer solchen Überlegenheit ist zudem jede betroffene gesellschaftliche Gruppe in diesem elementaren Konflikt um Lichtjahre entfernt. Einen Gegner innerhalb des eigenen Sozialgefüges zu schlagen, gelingt wie bei allen Konflikten also nur, wenn man ihm die Chance lässt, sein Gesicht zu wahren und ihm ermöglicht, unter neuen und für ihn profitablen Bedingungen einen Platz in eben diesem Gefüge zu finden. Alles andere wäre saudumm.


Kategorie: Politik, Gesellschaft

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