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Über Operettengeneräle und anderes

24.02.2011

Von: Stadtmensch

Wieso schimpfen eigentlich alle über den Lügenbaron zu Guttenberg und seinen erschwindelten Doktortitel? Bei Gaddafi hat man es mit Lug und Trug doch auch nicht so ernstgenommen. Okay, der oberste Camper Libyens ist schon ein anderes Kaliber als unser geleckter Verteidigungsminister. Insofern hinkt der Vergleich. Dennoch sind der Verfall politischer Integrität und die Erosion politischer Vorbildfunktionen in letzter Zeit geradezu schwindelerregend.

Arroganz hat die unangenehme Eigenschaft, dass sie sich selber nicht erkennt. Egal, was man arroganten Leuten vorwerfen mag, es erreicht sie nicht, weder intellektuell (also auf Sachebene) noch emotional (also auf dem Hintergrund moralischer Integrität). Zu Guttenberg sieht beispielsweise zwar ein, dass er bzgl. seiner windigen Doktorarbeit nicht sauber gearbeitet hat, so wie es die allgemein anerkannten Prinzipien des Wissenschaftsbetriebes eigentlich verlangen. Aber das ist für ihn nicht etwa eine grundsätzliche Schmach, sondern »vorbildlich«. Er findet, dass die Rückgabe seines erschwindelten Doktortitels das doch zeige. Dass ihm der Titel sowieso aberkannt worden wäre, ist für ihn unbedeutend.

Nun rafft hinter seinem Rücken eine ebenso verlogene Presse von »Bild« bis »eigentümlich frei« allerlei Pro-Argumente zusammen, um dem armen Adligen das Fortsetzen seiner angekratzten Karriere schönzureden. Das Blut- und Busen-Blatt »Bild« tut dies wahrscheinlich, weil Friede Springer unseren Karl-Theo (plus seine gefühlten 45 Vornamen) so sexy findet. Die schnarchnasigen, selbst erklärten »Libertäre« der Empörungsplattform »eigentümlich frei«, die sonst so gerne ihre medienpolitische Eigenständigkeit wie eine Monstranz vor sich hertragen, tun dies, weil die anderen Politiker ja wahrscheinlich auch schon mal was falsch gemacht haben. Natürlich sind speziell die von ihnen kritisierten linken Palavermentarier mitnichten frei von Heuchelei und Selbstgerechtigkeit! Nur: Hier gibt es nichts »aufzurechnen«, das eine ist so unerträglich wie das andere. Man könnte meinen, in einer medienpolitischen Irrenanstalt zu wohnen.

Das einzige, was man zu Guttenberg zugutte halten kann, ist die Tatsache, dass es die Uni Bayreuth war, die den akademischen Verwaltungsakt »Doktortitel für Adlige« ursprünglich versaubeutelt hat. Man kann nur hoffen, dass das wissenschaftliche Personal dort nur in diesem besonderen Fall von einem akuten Büroschlaf übermannt worden ist und ansonsten mit der zu erwartenden Akribie bei der Vergabe ihrer universitären TÜV-Plaketten vorgeht. Das Gegenteil davon anzunehmen, wäre indertat ein Menetekel, das langfristig ebenso zu Revolten gegen Selbstgefälligkeit (und Selbstbedienung) führen muss, wie das derzeit in Arabien der Fall ist.

Was nämlich kulturübergreifend phänomenal ist, und zwar ganz unabhängig von ideologisch motivierten Mechanismen und/oder politischen Tagesaufregern, ist die unglaubliche Entfremdung der herrschenden Klassen von ihren Fußvölkern. Wären unsere bundesrepublikanischen Vortänzer nicht so arrogant, wären sie durch die aktuellen Ereignisse in bestimmten staubigen Gegenden dieser Welt gewarnt. Aber ich denke, sie sind selbst davor immun oder sie sind schlichtweg zu dämlich, derartige Zusammenhänge zu erkennen. Blitzlichtgewitter und Mikrofongalgen, Fernsehkameras und Übertragungswagen paralysieren scheinbar jeden, der sich wichtig und unentbehrlich fühlen möchte. Macht und Geld korrumpieren jeden Charakter - vorausgesetzt natürlich, man hat überhaupt einen. Charisma und Überzeugungskraft speisen sich heute aus fetten Gehaltsschecks und einer üppigen Altersversorgung (wie bei Palavermentariern z.B.), Ego und Selbstillumination gehen vor Gemeinschaftssinn und Demut, Integrität hält maximal solange, wie das Abpudern der Halbglatze vor einem TV-Auftritt hält. Tingeltangel im Schweinewerferlicht ist der Tanz ums goldene Kalb der Moderne.

Schnitt. Ich möchte an eine Phase der Weltgeschichte erinnern, in der ein kleiner Handwerker eine Erfindung schuf, mit der er seinerzeit den Oberen überaus schmerzhaft gegen's korrupte Schienbein trat: Gutenberg (nicht verwandt mit dem gegelten Sich-Verteidigungsminister). Seine Erfindung der Druckerpresse hat so einiges an Umwälzungen beschleunigt und bestimmte Entwicklungen - auch negative - erst möglich gemacht. Dazu gibt es heutzutage Parallelen und sie sind überaus spannend. Wieder sind es Informationstechniken, die die Herrschenden vor sich hertreiben. Ohne Internet, Facebook und Twitter wären die rasanten Entwicklungen bei den Bürgerprotesten in Nordafrika wesentlich schwieriger gewesen. Angesichts der sekundengenauen Verfügbarkeit von Informationen entwickeln heutige Kommunikationsmittel sogar eine weitaus größere Dramatik als das inzwischen als behäbig verklärte Medium Buch. Interessant ist, dass die Zyklen von der Entstehung arroganter Machenschaften unserer politischen Sonnenkönige/Pharaonen bis zur Aufdeckung derselben immer kürzer werden. Schön, dass unsere Generation dies auf die Schienen gesetzt hat! Das ist zwar durchaus ausbaufähig, aber letztendlich nicht mehr aufzuhalten.

Es wäre natürlich naiv zu glauben, dass die Kulturen nun wegen ein paar Youtube-Videos automatisch und ganz von selber zu demokratischen Reinraumlaboren mutieren. Die Pflicht eines jeden, um Redlichkeit bei sich selber und bei anderen zu kämpfen, ist ungebrochen und durch nichts zu ersetzen. Aber für die Herrschenden und ihre Lakaien/Zuflüsterer wird es zunehmend schwieriger, sich der unmittelbaren Diskussion und der Überprüfung ihrer Selbstherrlichkeit in der TCP/IP-Sphäre zu entziehen. Nicht nur das. Die Gruppe Anonymus z.B. hat durch vergangene Aktionen gezeigt, dass Protest und Einmischung zwar gewaltlos, aber nicht unbedingt harmlos vonstatten gehen können.

V for Vendetta.

 


Kategorie: Politik, Gesellschaft

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