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»Nur die Frauenquote wird die Arbeitswelt verbessern«

27.01.2011

Von: Stadtmensch

Geradezu zwanghaft wird diese These immer wieder in der Öffentlichkeit ausgebreitet. Ein Trendforscher namens Horx, der schon mal für uns in die Zukunft gereist ist, will das herausgefunden haben.

Matthias Horx muss ein Mann aus einem Science-Fiction-Roman sein. Er ist einer der wenigen, die heute schon wichtige gesellschaftliche Entwicklungen voraussehen können. Dazu hat er in der »Welt« seine orakelhaften Thesen von der seligmachenden Verweiblichung der Wirtschaft halluziniert. Trendforscher Horx fängt wie immer zunächst mal damit an, dass er alle bisherigen wirtschaftlichen Errungenschaften der überwiegend männlich geprägten Leistungsgesellschaft madig macht. Für ihn sind Männer, die in zentralen Bereichen für unser aller Wohstand sorgen, nichts weiter als unverbesserliche, testosterongesteuerte Workaholics, die sich einen Dreck um Familienfragen scheren und die die generelle Ursache für alle negativen Begleiterscheinungen einer modernen Gesellschaft verkörpern. Gut für die Zukunft sind laut ihm lediglich die Frauen. Diese etwas spastisch anmutenden Reaktionen auf eine immer komplexer werdende Welt sind für sich genommen eigentlich eine putzige Angelegenheit, denn sie sind simpel und haben für einfache Gemüter in medizinischer Hinischt eine durchaus ruhigstellende Wirkung. Das haben Märchen generell so an sich, denn wir ahnen: Das Gute wird schließlich immer siegen!

Leider funktioniert diese Simplizität, wie sie sich Horx vorstellt (und viele andere, die nicht mal einen Nagel in die Wand hauen können), nur in umfangreichen, bedeutungsschwangeren Word-Dateien oder in bunten Powerpoint-Folien, jedoch selten im rauen Überlebenskampf einer global ausgerichteten Industriegesellschaft. Vor allem verortet er die Produktivität und die ökonomische Basis unseres Bruttoinlandsproduktes vorwiegend in den Chefetagen. Das ist ein altbekannter Missgriff: Er ist nicht der einzige, der hauptsächlich auf eine nebulös herbei fabulierte »Dienstleistungsgesellschaft« als kommende ökonomische Allroundwaffe setzt. Davon, dass man durch grassierenden Homepage-Verkauf oder gegenseitiges Haareschneiden in einer Gesellschaft z.B. kein Kraftwerk betreiben und keine Straßen bauen kann, redet er erwartungsgemäß nie. Dass Dienstleistungen einen zunehmend gewichtigeren Part in der ökonomischen Ausgestaltung unserer Gesellschaft einnehmen, ist ein alter Hut. Schließlich muss irgendwer die vielen Flachbildschirme, 3D-Gadgets, Schmier-Telefone usw. an den Mann resp. die Frau bringen. Soweit d'accordeon. Aber wer produziert eigentlich all die formschönen und zweckfreien Waren, die die kommende Dienstleistungsgesellschaft - neuerdings zu einer »Informationsgesellschaft« gehypet - für das Seelenheil ihrer Bürger bereit hält? Man ahnt: Die industrielle Produktion, das Veredeln von Rohstoffen und vor allem die schmutzigen, gesundheitsschädlichen Kernbereiche, auf denen unsere westlichen Werte bisher basieren und in denen sich vorwiegend Männer verschleißen, fallen bei der horxschen Analyse der zu erwartenden Zukunft komplett unter den Tisch. Müssen wir also alle Frisöre werden. Naja, genug Chinesen gäbe es ja, dass wir davon leben könnten - theoretisch. Über die Reisekosten müsste man dann natürlich noch verhandeln.

Nur mal so als persönliche Randbemerkung: Angenommen, ich hätte meiner notorisch arbeitsscheuen Ex seinerzeit erzählt, sie müsse nun »Karriere machen« und damit unsere kleine Familie am Kacken halten, während ich mich intensiv um Wohnungsgestaltung, Kochrezepte und ähnliches Gedöns kümmern werde - ihr Blick wäre unweigerlich zum Nudelholz gewandert.

Horx ist durchaus ein typisches Kind seiner Zeit. Methodisch genügt ihm nämlich das Copy&Paste-Verfahren, um von den frauenfokussierten Gesellschaftsentwürfen in Schweden oder Norwegen auf hiesige, bundesdeutsche Gegebenheiten zu extrapolieren. Ihn kümmern landesspezifische Besonderheiten nicht. Dass Norwegen in Geld schwimmt und sich den Luxus eines am Reißbrett entworfenen genderpolitischen Experiments schlichtweg locker leisten kann, spielt für ihn keine Rolle. Dass in Schweden die Selbstmordraten im Vergleich zu anderen Ländern galoppierend sind (was einiges über das zwischenmenschliche Klima dort verrät), stört ihn genauso wenig wie die sattsam bekannten Sex- und Alkohol-Wochenendtrips vieler Schweden in die baltischen Länder. Und solche Banalitäten wie unterschiedliche Bevölkerungsstruktur oder die geografische Lage all dieser Länder interessieren ihn gleich gar nicht. So betrachtet, marginalisieren sich seine »Forschungen« zu feministischen Tagträumen, die jede Seriösität bezüglich wissenschaftlicher Arbeit ins Reich der Fabeln verbannen. Nicht, dass das etwas Neues wäre. Die feministische Zukunft als Abwandlung eines Rosamunde-Pilcher-Romans mit Happy-End-Garantie zu entwerfen, ist der running gag unserer Epoche.

Horx könnte im Grunde seine Thesen jederzeit an sich selber ausprobieren. Er könnte z.B. die Müllabfuhr nach Hause schicken oder auch die Straßenarbeiter, die die Schlaglöcher des vergangengen Winters vor seiner Haustüre beseitigen, bis endlich all die leistungswütigen, feministischen Stoßtruppen sich seiner banalen, alltäglichen Bedürfnisse annehmen. Er könnte sich sogar selber entbehrlich machen, indem er seine Zukunftsforschung genau den Übermenschen überlässt, für die er sich so devot in Szene setzt: den Frauen. Schließlich müssten Frauen naturgegeben doch am besten wissen, was für die Menschheit im Allgemeinen und für Herrn Horx im Besonderen gut ist - das suggeriert er jedenfalls dauernd.

Der Horxsche Kosmos, seine Voraussagen und Prophezeiungen, haben leider ein ähnliches Verlässlichkeitspotenzial wie Wahlforschungen oder wie die Ergüsse der berüchtigten »fünf Wirtschaftweisen« (wieso eigentlich nur fünf?). Sie sind marketingtechnisch sehr professionell aufgezogen, aber sie dienen eher der Unterhaltung einer ebenso gutgläubigen wie doofen Gutmenschenfraktion, die sich alles Mögliche wünscht, aber nichts davon jemals realisieren wird. Mehr Substanz ist da leider nicht.


Kategorie: Male, Female

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