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Filmtipp: City of God

05.07.2011

Von: Stadtmensch

Für einige mag es nichts Neues sein, für mich war er einer der spannendsten Filme der letzten Jahre: City of God, eine Chronologie über eine Favela in Rio de Janeiro. Eine Filmempfehlung.

»City of God« umfasst die Entwicklung einer ursprünglich aus guten Absichten errichteten Trabantenstadt bei Rio, die sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem Brennpunkt brachialer Gewalt, Drogenkriminalität, Korruption und sozialer Hoffnungslosigkeit entwickelt. Die Geschichte wird im wesentlichen an zwei zentralen Figuren aufgezogen. Zum einen ist das Buscapé, der schon immer von der Fotografie fasziniert war und im Laufe des Films es auch tatsächlich schafft, eine Anstellung als Pressefotograf bei einer Zeitung zu bekommen. Dies erreicht er - aufgrund seiner Herkunft aus diesem Armenviertel - durch authentische Fotos von den täglich stattfindenden Gewaltorgien, den Drogenkriegen und Überfällen in der »City of God«. Demgegenüber steht ein gewisser »Locke«, der seit seiner Kindheit Gefallen am Töten findet und sich im Laufe der Jahre zum führenden Bandenboss hochschießt. Ihre Wege kreuzen sich gegen Ende des Films.

 

Der Film ist vordergründig sehr brutal und stellenweise verstörend. Eine von vielen markanten Szenen ist die, in der Locke ein aufstrebendes Bandenmitglied (das selber noch ein Kind ist), auffordert, noch kleinere Kinder, die die Bande für allzu dreiste Überfälle in ihrem Einflussgebiet zur Rechenschaft ziehen will, zu erschießen. Für ein paar Sekunden deutet der Film an, dass der junge Schütze Skrupel haben könnte, auf die nicht mal Zehnjährigen zu feuern. Doch solche Vorbehalte gibt es in diesem Viertel nicht, denn sie wären tödlich für den, der sie hegt. »Die oder ich« ist die einfache Formel, nach der in der »City of God« gehandelt wird.

 

Es gibt fast nichts, was der Film auslässt. Neben der extremen Brutalität kommen vor allem die Polizisten nicht besonders gut weg. Korruption ist nämlich nur eine weitere von vielen Überlebenstaktiken, mit denen sich die Jugendlichen des Viertels über Wasser halten können. Justiz oder Rechtssicherheit haben in dieser Welt keinen Platz. Dennoch erzählt der Film an keiner Stelle seine Geschichte in einer moralisierenden Weise, und man begreift, dass auch die Bullen nur Spielfiguren in einem durch und durch korrupten System sind, das bei einfachen Bandenmitgliedern beginnt und vor höchsten Amtsträgern nicht Halt macht.

 

Aber auch den Hauptakteuren des Streifens kann man nur zum Teil den Vorwurf machen, sie verkörperten allein aufgrund ihrer charakterlichen Eigenschaften oder aufgrund ihres Drogenkonsums »das Böse«. Es ist genau dieser Aspekt, der »City of God« glaubhaft macht. Angesichts der Situation in den Favelas Rio de Janeiros bedeuten Mord, Erpressung, Drogen und Prostitution nicht mehr als eine fast zwangsläufige Überlebensstrategie für sie. In einer Welt, in der es keinerlei Perspektiven gibt und in der ein Dahinvegetieren der lebenshungrigen Youngsters nicht in Frage kommt, wird die Gewalt zum Beruf und die Gang zum Familienersatz. Das Töten und die Kriminalität fühlen sich eher an wie ein gewöhnliches, den Umständen angepasstes »Management«. Nicht zuletzt werden die Heranwachsenden des Streifens befeuert von den Versprechungen einer Konsumwelt, von materialistischen Glücksverheißungen, die sie ohne zu töten niemals erreichen können. »City of God« gelingt es jedoch immer, nicht in plumpe Sozialromantik zu verfallen oder politische Forderungen nach einer Verbesserung der Situation seiner Protagonisten zu stellen. Konklusionen überlässt er dem Betrachter. Wenn ich diese persönliche Bemerkung einfließen lassen darf: Dieser Film enthält sich zwar einer politischen Stellungnahme, aber er schildert m.M.n. genau das, was dabei heraus kommt, wenn Sozialdarwinismus auf die Spitze getrieben wird. Dass speziell Brasilien inzwischen zu den aufstrebenden Staaten gehört - und zwar trotz und mit all den sozialen Diskrepanzen - ist dabei weder ein Trost noch eine Perspektive, sondern vielmehr eine Warnung. Der Preis, der dafür gezahlt wird, ist viel zu hoch und die Gewissheit, dass man sich in so einer Welt stets auf der Gewinnerseite befindet, ist äußerst fragil.

 

Der Film wurde mit hunderten Laiendarstellern besetzt (wenn auch nicht in den Hauptrollen) und das Regiegespann Fernando Meirelles/Kátia Lund arbeitet mit schnellen Schnitten, vielen Zeitrückblenden, unterschiedlichen, wiederholten Perspektiven bestimmter Situationen, wie man sie z.T. auch in Tarantino-Filmen sehen kann. Zwar gibt es die »Cidade de Deus« tatsächlich, doch ist sie nicht der Originaldrehort des Films, was diesem aber keinen Abbruch tut. Glaubhaft ist er allemal.

 

Prädikat: Sehenswert.

 

Wikipedia zu »City of God«

Filmkritik auf Moviemaze

 

Das Youtube-Video unten ist immerhin 10 Minuten lang. Angesichts der Urheber-Hysterie seitens Gema und Konsorten wundert es mich, dass dieser Ausschnitt noch »in meinem Land verfügbar ist«. Also schnell nochmal kostenlos reinschauen und keine schlafenden Hunde wecken!

 

 


Kategorie: Kultur

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