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Ehec und ich

22.06.2011

Von: Stadtmensch

Es ist zwar schon wieder etwas aus dem Fokus, aber neulich in einem dieser neumodischen kulturellen Schmelztigel namens »Schnellbäckerei« gab's einen handfesten Zoff - mit mir.

© Holger Gräbner, pixelio.de

Eigentlich war mir diese neue SB (Schnellbäckerei) sehr sympathisch: Preiswert und gut. Das erwartet man heutzutage als Geiz-Bürger einfach. »Die Körnerbrötchen sind besonders gut«, sagte meine Tochter, doch da kann ich nicht mitreden, denn ich bin nicht so ein Körnerfreak, nie gewesen. Aber auch die normalen, belebten - äh belegten - Papp-Brötchen hatten einen ordentlich dicken Belag und waren somit nicht billig, sondern wirklich preiswert.

 

Auch das Personal war okay: Freundlich und kundenorientiert, man schob sich süffisante Bemerkungen im morgendlichen Kaufritual zu und ich konnte immer dieses verdammte Rotgeld dort lassen. Verdammt deshalb, weil ich die Zwei-Cent-Münzen in dieser hektischen Konsumwelt - vor allem an den Turbo-Kassen bei Aldi oder Lidl, wenn einem der nächste Kunde schon auf den Hacken steht - nie von den Fünfern unterscheiden kann.

 

Die älteren Damen an der Kasse der SB hatten außerdem noch das ganze Repertoire von belanglosen, aber doch notwendigen Respektbekundungen wie »Danke, Bitte, Wiedersehen« drauf und waren so mancher pampigen Jungtriene aus anderen Etablissements damit haushoch überlegen.

 

Doch an diesem Morgen war die SB-Brötchenwelt komplett gegen mich. Ursache war die größte Epidemie seit der Erfindung der Beulenpest, nämlich Ehec. Die Zeitungen waren voll davon. Schlimmste Befürchtungen geisterten durch die Gazetten und es hörte sich an, als stürbe Europa binnen weniger Wochen kollektiv den Durchfalltod. Es wurden Katastrophenzirkel gebildet, arme spanische Gurken falschbeschuldigt, die ganze Palette wie beim Jahrhunderthochwasser wurde aufgefahren mit Krisenstäben, stundenlangem Expertenschnack im Fernsehen, Betroffenheitsminister usw. Man konnte schon Fieber allein vom Zusehen bekommen. Was für eine neumodische Scharlalalatanerie!

 

Tatsächlich waren nämlich nicht mal 50 Leute an der Krankheit gestorben. Das ist wenig im Vergleich zu den Tausenden, die jährlich an einer ganz normalen Grippe sterben und es sind Menschen, die oft sowieso schon alt und/oder angeschlagen waren. Das bedaure ich natürlich und ich meine es ernst! Und dennoch, wie bei den Grippetodesfällen waren auch bei Ehec überwiegend ältere, insbesondere weibliche Personen von diesem Bazillus betroffen. Oft waren sie weit über 80 und hatten zudem altersübliche Gebrechen, die den Krankheitsverlauf erschwerten. Aber bitte: 83, 86 Jahre - ist doch ein schönes Alter? Nur die Tatsache, dass »Frauen besonders betroffen« waren, lässt mich etwas ratlos zurück. Ein männerrechtlicher Terroranschlag? Darüber wird sicherlich Dr. fem. Schwarzer noch ausführlich in der »Omma« berichten.

 

Wie jeden Morgen fingerte ich »mein« Brötchen aus dem Regal und stiefelte zur Kasse. Ich schwöre, dass ich nie, nie, niemals etwas anderes anfasse als genau das Brötchen, das ich zu erwerben beabsichtige. Es steht außerdem über dem Regal: Anfassen verpflichtet zum Kauf. Damit gehe ich durchaus d'akkordeon, kein Problem. Aber dann raunzte mich eine Kassiererin an, ich sollte doch bitte irgendwelche Plastikhandschuhe, die den ganzen Tag von wildfremden Leuten befingert werden, für die Brötchenentnahme benutzen. Normalerweise bin ich ein sehr gutmütiger Mensch, aber ich hatte schlecht geschlafen, es war schwül (ich hasse das) und so raunzte ich zurück, dass mir die ganze verdammte Hysterie auf den Senkel ginge und dass wegen all dieser hasenfüßigen Bedenkenträger all over Germoney auch nichts voran ginge in unserem Land. Wow! Da war Stimmung in der Bude! Mit so einem Frontalangriff hatten weder die Bediensteten, noch die übrigen Kunden gerechnet. Eine junge, aufgebrezelte Kundin guckte mich ganz böse an und ich wusste genau: »Baby, so geleckt wie du aussiehst und so panisch, wie du jedes Bakterium umkreist, sollte es dir einmal in deiner sterilen Behausung begegnen, bist du eine 1a-Kandidatin für Allergien«. Also glotzte ich giftig zurück und zischte »WAS?«

 

Die ältere Dame an der Kasse hatte schon verstanden, worauf ich hinaus wollte. Aber mir reichte das nicht. Als ich bezahlte, bemerkte ich schnippisch »Nehmen Sie denn mein angefasstes Geld überhaupt an?« Sie druckste und schob »der Chef hat gesagt« vor - es war ihr sichtlich peinlich.

 

Den Laden zu meiden, ist keine Kunst, weil es Bäckereien in Stadtmenschhausen wie Sand am Meer gibt. Überhaupt scheinen die meisten Innenstädte nur noch aus Fressbuden, Frisören und diesen merkwürdigen Nagelstudios zu bestehen. Jedenfalls haben auch andere Bäckereien schöne Angestellte, äh Brötchen meine ich.


Kategorie: Kultur, Politik, Gesellschaft

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