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Eine ganze Generation verloren

05.10.2011

Von: Stadtmensch

Eigentlich sollte man sich nicht runterziehen lassen von tauben Nüssen, die meinen, dass Geschlecht »nur ein soziales Konstrukt« sei und dass es unbedingt staatlicher Eingriffe bedarf, damit alle Menschen miteinander glücklich werden können. Aber manchmal ärgert man sich halt über diese ewig Gestrigen, wenn sie ihre gendergerechte Propaganda mal wieder in den Gazetten verbreiten.

In der Telepolis feierte ein Schreiber das gesamte Feuerwerk feministischer Phrasen ab, u.a. weil endlich im fernen Australien niemand mehr sein Geschlecht im Pass stehen haben muss. Ein epochaler Meilenstein in der gendergerechten Menschheitsgeschichte, wie man lesen kann:

 

Allmählich werden die neuen Geschlechts- und Reproduktionsverhältnisse auch offiziell anerkannt. Wir entfernen uns von der Ideologie, dass Heterosexualität die Norm ist, dass Familien aus Mann und Frau bestehen, dass die Natur festlegt, wer Mann und Frau ist und bleiben wird, dass nur heterosexuelle Paare Kinder kriegen können. Die Wirklichkeit ist, auch dank Medizin, also der Möglichkeiten der Geschlechtsumwandlung und der künstlichen Befruchtung, pluraler geworden.

Das geschieht parallel zu den Gesellschaften, die nicht mehr von einer Ethnie, einer Sprache oder einer Religion dominiert werden, sondern durch Multikulturalismus gekennzeichnet werden. Gegen beide Entwicklungen setzen sich Konservative entgegen, die die Welt so behalten wollen, wie sie einst auch nur in der Ideologie bestanden hat. Schon immer haben sich die Völker durchmischt und neue Kulturen hervorgebracht, schon immer haben Menschen sich nicht ins Korsett von Mann oder Frau und Heterosexualität zwängen lassen.

 

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre auch so doof und könnte mich mit billigen Heilsversprechen aus irgendwelchen mystischen Genderseminaren abspeisen lassen. Es ist doch schön, wenn man noch an etwas zweifelsfrei glauben kann, wenn man eins ist mit der ganz, ganz großen Idee; wenn man sagen kann »Studien haben gezeigt, dass...« oder wenn man in seinen Texten übermäßigen Gebrauch von solchen Floskeln wie »scheint es so zu sein, dass...« machen kann, ohne etwas belegen zu müssen. Und - natürlich - wenn man alle anderen, die nicht so ticken wie man selber, schnell noch der dunklen Seite der Macht zurechnet. Vom »Konservativen« bis zum »Nazi« ist es bekanntlich sowieso nicht weit und auf diese simple Weise hat man nullkommanix die Welt gerettet, sein Gewissen beruhigt und ist auf der Seite der Guten.

Wir lesen also von den »neuen Geschlechts- und Reproduktionsverhältnissen«. Wo bitte sollen die sein? Hat der Staat die Reproduktionsverhältnisse übernommen und einer DIN-Vorschrift unterzogen? Pflanzen sich die Menschen neuerdings tatsächlich überwiegend durch künstliche Befruchtung fort? Gibt es irgendwelche Parteiprogramme, in denen dieses Teufelszeug »Heterosexualität« zur Staatsdoktrin erklärt wurde und repressiv angewandt wird (in Europa meine ich)? Haben wir totalitäre Verhältnisse wie in manchen afrikanischen Staaten, in denen auf Homosexualität die Todesstrafe oder Gefängnis steht? Haben sich Gesellschaften womöglich anno dunnemals durch homosexuelle Völkerwanderungen »durchmischt« - und keiner hat uns was davon im heteronormativ indoktrinierten Geschichtsunterricht erzählt?

Völlig wirr werden die Vorstellungen vom Verhältnis Staat vs. Geschlechterfragen, wenn man den hehren Absichten der tapferen Genderkrieger lauscht. Denn sie behaupten unentwegt, dass das Vorhandensein von Heterosexualität, also seine bloße Existenz, schon diskriminierend ist, dass es zu keiner Zeit irgendeine Rolle im Zusammenleben der Menschen zu spielen hat und dass neuerdings vor allem Kinder weit vor der Pubertät mit den bunten Nebenformen menschlichen Miteinanders belästigt werden müssen. Wer macht also sexuelle Präferenzen zum penetranten Dauerthema? Rethorische Frage.

Wenn Heterosexualität so überaus unwichtig, ja sogar kontraproduktiv für die geschlechtliche Identitätsfindung »zu sein scheint«, warum sind die anderen Lebensformen wie Homosexualität, (serielle) Polygamie, Patchwork-Familien u.a. dann so überaus heilsversprechend - und natürlich soviel wichtiger beim Argumentieren und beim Politik machen? Weil es gesellschaftlich mal wieder »alternativlos« ist? Weil es z.B. logischen Notwendigkeiten entspricht und nicht nur die Meinung zahlenmäßig unbedeutender Genderexoten bedeutet? Weil es sonst beim Staat kein Wachstum mehr gibt und weil damit verlässlich Massenarbeitslosigkeit, Korruption, Wirtschaftskrisen und Ehec bekämpft werden können? Wir haben ja keine anderen Probleme als die Frage, wer bei wem im Bett landet, newahr.

Gab es jemals eine Volksbefragung darüber, wie die Bürger sich evt. einen regulativen Eingriff in die Geschlechterfragen vorstellen mögen? Gab es z.B. eine demokratische Diskussion darüber, ob ein gesetzliches Ungetüm wie Gender Mainstreaming politisch notwendig ist? Gibt es überhaupt einen sexualisierten Erziehungsauftrag von Seiten des Staates, der ihm erlaubt, seine Untertanen bis unter die Bettdecke zu verfolgen und moralisierend dazu Stellung zu nehmen, was seine Bürgerlein miteinander so treiben? Ach, ich vergaß: Stellt man solche Fragen, ist man konservativ, also quasi unbelehrbar. Cheapness!

Nein, diese Generation ist verloren; die Generation, die die feministischen Floskeln in sich aufgesogen hat, die Schmuddelthemen mit gesetzlichen Maximalforderungen verheiraten will und die findet, dass »Alice Schwarzer früher ihre berechtigten Verdienste hatte«. Es ist nicht einmal die geschlechtliche Disposition, über die man sich bei solchen Menschen Gedanken machen müsste, denn meistens gibt es keine reale Entsprechung für all die progressiven geschlechterpolitischen Heilsverkündigungen; das Gegenteil ist vielmehr der Fall und wenn man auch noch die feministische Küchenpsychologie in seiner Einschätzung dazu bemühen möchte, muss man bei solchen Verfechtern eine deprimierende Einsamkeit und innere Leere diagnostizieren. Aber kein erfülltes Sexualleben - im qualitativen, nicht quantitativen Sinne - und damit keine geschlechtliche Verbundenheit, keine Vertraulichkeit, keine Intimität, keine Liebe (ich weiß, ein ausgelutschter Begriff). Denn wir wissen: Alles nur ein Konstrukt.

Wenn Heterosexualität so überaus unwichtig für das Zusammenleben einer Gesellschaft ist, ja sogar kontraproduktiv, warum sollten es andere Formen des sexuellen Miteinanders besser bewerkstelligen? Welchen Beweis gibt es, wo gibt es historische Belege für eine solche Anmaßung? Wir reden hier ja nicht von irgendwelchen fehlgeleiteten Essgewohnheiten oder Ähnlichem.

Der Hebel, mit dem diese Landplagen »Feminismus und Gender Mainstreaming« ihren Siegeszug in Medien und Politik (und leider auch in die Gehirnwindungen einfach gestrickter und leicht zu überrumpelnder Zeitgenossen) geschafft haben, ist die impertinente Verquickung von politisierten Theorien mit Sexualität. Jeder, der schon mal mit jemandem im Bett oder sonstwo rumgezappelt hat, weiß, dass Sexualität niemals frei ist von Verletzbarkeit. Sexualität funktioniert nur auf vertraulicher Basis, sie setzt integres Verhalten voraus und kann nicht von außen glücksselig verordnet werden (schon gar nicht per Gesetz). Sie bedeutet eine gewisse Risikobereitschaft, sich einem anderen Menschen zu öffnen. Auf dieser emotionalen Ebene, dieser archaisch-urwüchsigen Preisgabe und dem bedingungslosen Anvertrauen der eigenen Intimität, gibt es kein fortdauerndes souveränes Handeln, sondern man ist stets gezwungen - im wahrsten Sinne - die Hosen runterzulassen, sich hinzugeben, etwas sehr Persönliches zu riskieren - und dies jedesmal neu (sofern man nicht gänzlich abgestumpft und beliebig rumknattert). Die Themen »Familie« und »verlässliche Partnerschaften« sind nochmal eine ganz andere Baustelle.

Gewisse Kreise mit einem ähnlichen Sendungsbewusstsein wie andernorts die »Zeugen Genevers« haben die Deutungshoheit von guter, richtiger und politisch korrekter Sexualität okkupiert. Man kann das z.B. an solchen überaus diffamierenden Phrasen wie »Männer sind potenzielle Vergewaltiger« festmachen. Nicht mal statistische Erhebungen geben her, dass die Männer als gesellschaftliche Gruppe auf diese Weise deklassiert werden müssten. Nein, die Absicht ist lediglich, Männer zu neurotisieren, ihre persönliche Intimität und Integrität anzuzweifeln und dies nicht nur in politischen Pamphleten, sondern vor allem im persönlichen, zwischenmenschlichen Kontext. Angesichts dieses sehr privaten Aspektes mag es verständlich sein, dass sich verunsicherte Menschen unter dem Eindruck feministischer Propaganda in abstruse Theorien von den »unzähligen Geschlechtern« flüchten und - noch viel schlimmer - ihre weitläufigen »Erkenntnisse« zum allgemein gültigen Credo erheben. Es würde jedenfalls erklären, weshalb verschiedene »progressive« Leute derartige Theorien bis aufs Blut verteidigen und jeden Abweichler am liebsten diskussionslos in die Nazi-Ecke bugsieren wollen. Aber letztendlich ist es dumm. Sie gewinnen außer allgemeiner Irritation und Desorientierung rein gar nichts dadurch. Wären sie in ihrer sexuellen Disposition gefestigt, d.h. frei von extern herangetragenen theoretischen Sexualkonstrukten, gäbe es diesen Bohei um das »richtige Sexualverhalten« überhaupt nicht. Aber »learning by doing« ist, wie schon gesagt, nicht die Stärke derjenigen, die Gender- und Femi-Quatsch permanent rezitieren.

Diskutieren ist komplett sinnlos. Man kann als persönliche Konsequenz aus dem Gesagten eigentlich nur das tun, was schon immer richtig war in Sachen Sexualität: Den Menschen, der sich einem anvertraut, anständig behandeln.


Kategorie: Diverses, Politik, Gesellschaft

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