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ZEIT-Online: Unser täglich Gehirnwäsche gib uns heute

29.02.2012

Von: Donna Amaretta

Ich lese ja gern und oft lese ich sogar viel. So öffnete ich heute auch einen Artikel in der »Zeit online«, um mein tägliche Lese- und Informationsbedürfnis zu stillen. Das Thema »Arbeitsschutz« interessierte mich, also las ich los.

Der »Zeit online« fällt zum Thema Arbeitsschutz vor allem eines ein: Wie geht es den Frauen? (klicken für Vergrößerung).

Auf den ersten Blick schien es sich um einen neutralen Text zu handeln. Im Jahr 2010 kamen 674 Menschen bei ihrer Arbeit ums Leben, was ein Anstieg um 8% sei. Von Menschen ist die Rede, eine Unterscheidung zwischen Branchen und Geschlechtern wird nicht gemacht, will man genaueres erfahren, so muss man den verlinkten jährlichen Bericht der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) öffnen.

Dem Text weiter folgend, erfährt man beim herunterscrollen noch, wie hoch die Kosten durch Ausfälle wegen Arbeitsunfähigkeit seien, einen Satz über Wegeunfälle und etwas über tödliche Berufskrankheiten gibt es auch. Und neben sowie unter diesen trockenen Sätzen wird der Blick des Lesers angezogen von mit Fotos garnierten fetter gesetzen Zeilen: Armut- alt, arm, weiblich.

 

Gleich daneben die ernste untere Gesichtshälfte einer Frau über dem Futtertext: Frauenquote: Nur wenige schaffen den Aufstieg. Und zur Krönung gibt es unter dem Arbeitsschutz-Artikel dann »Mehr zum Thema«, illustriert von einem weiblichen Wesen unter einem gelben Helm, auf jeden Fall ein Arbeitsschutzhelm, sei es nun für Hoch-, Tief- oder sonst was für Bau.

 

Öffnet man den Link zur BAuA, so kommt man zu orange unterlegter Pressemitteilung, öffnet man die, so findet man den Bericht »Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit 2010«, an dessen Ende man dann den Link zu dem genannten Bericht als PDF findet. Und das PDF umfasst 199 Seiten. Allerspätestens hier wird der an einer Aufschlüsselung von Arbeitsunfällen und Berufsrisiken nach Geschlecht interessierte Leser die Geduld verloren haben.

Die neben und unter dem Arbeitsschutz-Artikel jedoch sind schnell angeklickt und lassen einen wie gewünscht über weibliche Armut und weitere Benachteiligung lesen. Ziel erreicht: Gehirnwäsche. Im Gehirn der Leser werden sich die 674 Toten bei Arbeitsunfällen mit den drei weiblichen Fotografien verbinden und die Botschaft »die armen Frauen!« festsetzen.

 

Tödliche Arbeitsunfälle nach Bereich, Deutsche gesetzliche Unfallversicherung
Ein erster Blick auf die jeweiligen Branchen, verbunden mit einem Nachdenken über den Anteil weiblicher und männlicher Arbeitnehmer, könnte hilfreich sein. Heft 38, Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten aus der Reihe »Gesundheitsberichterstattung des Bundes«. Hier wird das Bild noch klarer: Eine hübsche farbig unterlegte Statistik, die Abbildung 5.

 

Zitat:

»Die höchsten Raten (Tödliche Arbeitsunfälle je 1000 Vollarbeiter) liegen 2003 in den Wirtschaftszweigen Verkehr, Landwirtschaft, Steine und Erden und Bau.

Hochgerechnete Zahlen der gewerblichen Berufsgenossenschaften zeigten für das Jahr 2003, dass 79% der Arbeitsunfälle, 83% der Arbeits- Unfallrenten und 92% der tödlichen Arbeitsunfälle auf Männer entfielen.

Werden nur die Arbeitsunfälle bei betrieblicher Tätigkeit (d.h. kein Straßenverkehrsunfall und kein Arbeitsunfall auf Dienstwegen) betrachtet, so zeigen die Hochrechnungen der gewerblichen Berufsgenossenschaften , dass im Jahr 2003 ca. 80% dieser Arbeitsunfälle auf Männer und 20% auf Frauen entfielen. Im Jahr 1992 betrug der Frauenanteil noch 16,8%. Dieser Anteil ging zunächst leicht zurück und stieg in den Jahren 1997 bis 2003 von 16,3% auf 20% an. Die Abnahme der Arbeitsunfälle betrug zwischen 1997 und 2003 bei den Männern 33% und bei den Frauen 13%. Hinsichtlich der Arbeitsunfallrenten (nur Arbeitsunfälle bei betrieblicher Tätigkeit) der gewerblichen Berufsgenossenschaften zeigt sich ein ähnliches Bild. Seit 1998 steigt hier der Anteil der Frauen leicht an. 1992 betrug der Anteil 15,8%, ging bis 1998 auf 14,2% zurück und liegt im Jahr 2003 bei 16,2%. Auch hier gehen die Unfälle der Männer deutlicher zurück als bei den Frauen. Die Abnahme von 1998 nach 2003 beträgt bei den Männern 26% und bei den Frauen 13%.

Der Anteil der Frauen an den bei den gewerblichen Berufsgenossenschaften gemeldeten tödlichen Arbeitsunfällen bei betrieblicher Tätigkeit betrug im Jahr 2003 6,7% (32 Arbeitsunfälle) und war damit etwas höher als 1992 (5,3%). Aufgrund der geringen Fallzahlen sollten die Schwankungen hier nur mit Vorsicht interpretiert werden. Diese Angaben können nur bedingt über die Risiken der beiden Geschlechter Auskunft geben, da sie die unterschiedliche Verteilung der Geschlechter auf Branchen mit hohen bzw. niedrigen Unfallrisiken nicht beachten und sie sich zudem von Branche zu Branche unterscheiden. In der Landwirtschaft beispielsweise betrug 2003 der Anteil der Frauen an den Arbeitsunfallrenten 28,6% und an den tödlichen Arbeitsunfällen 10,1%. Aufgrund der verfügbaren Informationen kann jedoch von einem deutlich höheren Risiko der männlichen Beschäftigten ausgegangen werden. So arbeiten Männer gerade in Branchen mit hohen Arbeitsunfallrisiken deutlich häufiger als Frauen (z.B. Bauwirtschaft, Forstwirtschaft).«

Zitat Ende.

Nach Erhalt dieser zusätzlichen Informationen, könnte man sich da nicht fragen, warum der ZEIT Artikel zum Arbeitsschutz soviel weibliches Unbill als Randdekoration liefert? Angesichts der Zahlen wäre das Foto eines Mannes mit Bauarbeiterhelm angemessener gewesen, anstelle eines Artikels zu weiblicher Armut hätte ich einen Bericht über die verfrühte Sterblickeit der Männer als Folge gesundheitsschädigender Arbeitsumstände erwartet- wer früher stirbt, ist im Alter weniger arm, weil schon tot... - und um das Thema Frauenquote bissiger abzuhandeln, wo bleibt die Frauenquote für tödliche Arbeitsunfälle? Wenn nur 20% der Arbeitsunfälle auf Frauen entfallen, ist das dann nicht eine furchtbare Benachteiligung?

 


Kategorie: Male, Female, Politik, Gesellschaft

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