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Music is the best

04.05.2012

Von: Stadtmensch

Von allen Errungenschaften der Menschheit ist Musik die Kommunikationsform, die für mich die größte Faszination ausübt. Ein ideologisches Bekenntnis der besonderen Art.

Der Anlass zu diesem Artikel (und auch zum Leitspruch im Header dieser Homepage) war ein Film namens »Noten und Neuronen«, den einmal der Sender »arte« ausstrahlte. Thema des Films war, was Musik eigentlich im menschlichen Gehirn bewirkt bzw. welchen kulturellen Stellenwert die Musik besitzt. Durch die Sendung führte der international bekannte und für seine Vielseitigkeit berühmte Bobby McFerrin, der sich mit verschiedenen Neuro-Wissenschaftlern, Hirnforschern, Musiktherapeuten, Komponisten, Musikern u.a.m. über die Auswirkungen von Musik sowohl bei Hörern als auch bei Musikschaffenden unterhielt.

Musik begleitet die Menschen seit jeher. Das älteste Musikinstrument, eine Knochenflöte, stammt von der Schwäbischen Alb und ist ca. 35.000 Jahre alt. Damit ist Musik ein fester Bestandteil der modernen Menschenkultur. Unzweifelhaft ist auch, dass es keine bekannte Kultur auf diesem Planeten gibt, die ohne Musik auskommt; unabhängig davon, ob man nun jede musikalische Ausprägung mag oder nicht. Für Westeuropäer mag asiatische Musik oder arabisches Gejodel gewöhnungsbedürftig sein, das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Musik aus dem Alltag der Menschen nicht wegzudenken ist.

Leider ist die Bedeutung der Musik als sinnstiftendes, kulturelles Element bisher nie richtig erforscht worden. Trotz ihrer Dauerpräsenz im Alltag wurden die Gründe für diese Dominanz eher als Nebensache behandelt. Insbesondere fehlt es noch an umfangreichen wissenschaftlichen Analysen, die die Auswirkungen von Musik beschreiben können. Zum Teil hängt das mit einem immer noch unvollständigen Gesamtverständnis der Hirnfunktionen zusammen, zu anderen ist die musikalische Vielfalt so komplex, dass die neurologische Fixierung und Generalisierung prinzipiell schwerfällt.

Musik ist weitaus mehr als bloße Unterhaltung. Während andere Kommunikationsformen wie Sprache, Gestus, Kunst u.ä. oft anfällig für Missinterpretationen sind, hat Musik als Verständigungsmittel einen höchst versöhnlichen bzw. vereinenden Charakter, dem in dieser Ausprägung eigentlich nur noch die menschliche Sexualität nahekommt.

Faszinierend ist auch, dass beim Musizieren z.B. mathematische Präzision (die einstudierten Bewegungsabläufe) und emotionale Ausprägung, zwei Elemente, die man gemeinhin als unvereinbar auffasst, mit Leichtigkeit zueinander finden. Dies leistet keine andere Kommunikationsform. Es ist bekannt, dass das »Corpus callosum«, also der Verbindungsbalken zwischen beiden Gehirnhälften, bei Musikern stärker ausgeprägt ist als bei Nichtmusikern. Man kann also annehmen, dass bei Musikern eine deutlich engere Verknüpfung zwischen überwiegend rational und überwiegend emotional geprägten Hirnregionen vorhanden ist - was aber keine Wertigkeit ausdrücken soll. Dennoch will ich hier anmerken, dass mir der Umgang mit völlig unmusikalischen Menschen subjektiv schwerer fällt, aber das ist eine individuelle Präferenz ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Nicht nur auf individueller Ebene findet musikalische Faszination statt. Im angesprochenen Film besuchte man z.B. einen afrikanischen Stamm, von dem man sicher wusste, dass er nie mit westlicher Musik in Berührung gekommen war. Dieser Stamm hatte (natürlich) seine eigene Musik und die entsprechenden Festivitäten dazu. Ihnen spielte man verschiedene Stücke europäischen Ursprungs vor mit der Bitte, diese Musik in bestimmte Stimmungen einzuordnen. Die Ergebnisse ihrer Einschätzungen deckten sich nicht nur mit den bekannten europäischen Hörgewohnheiten, sondern waren auch innerhalb der Stammesgemeinschaft unstrittig. Wenn man solche Ergebnisse z.B. mit dem Verständigungsgrad von Sprachen in Beziehung setzt, heißt das für die Musik, dass hier ein beachtliches Potenzial der Verständigung noch der Erforschung harrt. Es ist jedenfalls - bis hin zu philosophischen Überlegungen - äußerst interessant, sich mit den kulturellen und interkulturellen Auswirkungen von Musik zu befassen.

In den letzten Jahren hat auch die therapeutische Bedeutung von Musik zugenommen. In vielen Fällen, in denen die herkömmliche Medizin versagt, zum Beispiel bei Demenz oder Authismus, kann man Patienten mit Musik erreichen. Die Ergebnisse sind zum Teil erstaunlich (siehe nachfolgendes Video). Leider ist auch hier die Forschung noch nicht weit fortgeschritten, aber die Bedeutung für Medizin und Therapie ist anerkannt und so erhält die (neuronale) Musikwissenschaft einen immer größer werdenden Stellenwert.

Auch wenn die wissenschaftliche Erforschung von Musik immer die Gefahr der Versachlichung und der Kopflastigkeit in sich trägt, so ist es nur schwer vorstellbar, dass damit z.B. das Mysterium einer Bach-Fuge (aber auch eines gestandenen Rock-Songs) vollständig entzaubert würde. Fest steht jedenfalls, dass Musik der menschlichen Natur, die aus dem permanten Drang zur Mustererkennung (Wissenschaft/Ratio) und einer archaisch-emotionalen Rezeption besteht, am nächsten kommt. Wie man aus solchen Erkenntnissen praktikable Handlungen entwickeln kann, steht allerdings noch nicht fest. Aber einen Blick ist es sicherlich wert.

 

 


Kategorie: Kultur, Musik

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