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Das Wort zum Alltag

24.02.2013

Von: Stadtmensch

Ein TV-Bericht des hessischen Staatsfunks hatte sich mit den Arbeitsbedingungen bei den deutschen Vertretungen des Turbo-Versandhauses Amazon beschäftigt und haarsträubende Zustände entdeckt.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Behandlung der Amazon-Mitarbeiter soll hier nicht noch einmal detailliert ausgebreitet werden. Dazu gibt es seit geraumer Zeit ausführliche Berichte, wie etwa diesen hier. Und natürlich ist Amazon auch nur eines von unzähligen Beispielen dafür, dass Moral und Gesetz im Arbeitsleben oft nichts miteinander zu tun haben. Ich nenne hier nur Foxconn (bzw. generell die chinesischen Arbeitsgaleeren) oder auch die abgebrannten Textilfabriken (»Textilkrematorien« wäre treffender) in Bangladesh. Man kann natürlich achselzuckend über unmenschliche Behandlungen der Werktätigen hier und anderswo hinweg gehen - das ist ungefähr die Grundsatzposition unserer Politiker. Schließlich haben diese modernen Arbeitssklaven ihr Schicksal selber vertraglich besiegelt, gelle, diese »mündigen Bürger«. Was geht uns das also an? Uns, die wir lieber einen Pulli aus Indien bei C&A für 6,- Euro ergattern, statt mal fünf Minuten darüber nachzudenken, wie so ein Dumpingpreis überhaupt möglich ist. Dass hiesige Hungerlöhne oftmals tsunamiartige Preisverfälle über den gesamten Globus nach sich ziehen, ist mit dem lapidaren Hinweis auf schicksalhafte Umstände allerdings nur eine schwache Ausrede. Wir sind unser eigenes Schicksal. Jedenfalls die meiste Zeit.

Es gibt noch andere Aspekte. Der Kauf teurerer Produkte bedeutet ja schon lange nicht mehr zwangsläufig, dadurch höherwertigere, langlebige Produkte zu erwerben, die den Produzierenden wiederum eine faire Bezahlung oder kundenfreundliche Serviceleistungen für die Konsumenten verschaffen. Wer z.B. glaubt, mit den überteuerten iPhones und Co. Produkte zu erwerben, die einen realistischen und langfristigen Gegenwert bieten, hat sich noch nie mit dem Thema geplante Obsoleszenz oder mit dem »Glühbirnenkartell« beschäftigt.

Schnitt. Hier kommt die sentimentale Passage dieses Artikels: Vor ewigen Zeiten auf dem Weg in den Portugal-Urlaub nahmen wir einmal einen jungen Mann mit, der als Soldat in Spanien stationiert und per Anhalter zu seinem Elternhaus im Norden von Portugal unterwegs war. Dieses Haus lag mitten in der Pampa, hatte einen riesigen Garten und sogar einen kleinen Stausee für dessen Bewässerung. Das kleine Gehöft war ärmlich, die Einrichtung karg und auf das Notwendigste beschränkt. Strom gab es nicht, fließendes Wasser ebenfalls nicht. Aber die Eltern unseres Tramps zögerten keine Sekunde und machten uns Fremden aus dem reichen Norden ihr Ehebett zur Übernachtung frei. Wir blieben dort zwei Tage und waren am Ende beschämt über die grenzenlose Großzügigkeit, die diese Menschen uns entgegen brachten. Seit diesen Tagen bin ich überzeugt, dass Armut die Menschen auf eine Art und Weise zusammenschweißt, die man mit keinem Geld der Welt wettmachen kann. Und es gab noch mehr als dieses eindrucksvolle Erlebnis.

Als wir nämlich wieder aufbrachen, hielt uns nur wenige Kilometer weiter ein wild gestikulierender Mann mitten auf einer Durchfahrtsstraße in einem Dorf an. Wir, die nordeuropäischen Urlaubssnobs, dachten zunächst »Überfall«. Heute schäme ich mich dafür, denn es war letztendlich nichts weiter als die Bitte, drei Bauersfrauen eine Mitfahrgelegenheit ins nächste Dorf zu geben. Wir waren die Misstrauischen, die sich zwar locker einen Urlaub leisten konnten, aber denen das Prinzip der gegenseitigen, menschlichen Hilfe und des Grundvertrauens anderen Leuten gegenüber irgendwie abhanden gekommen war. Ich bin überzeugt, es hatte unmittelbar mit unserem relativen Reichtum zu tun. Anscheinend verdirbt Geld und die Gier danach den Charakter und lässt uns vergessen, was wirklich zählt im Leben. Ich weiß durchaus, dass solche Begebenheiten sehr vielen Zeitgenossen als rührseliger Quatsch erscheinen werden, aber so ist das nicht. Quatsch ist außerdem, daraus zu folgern, wir müssten alle arm werden, um den tieferen Sinn unserer Existenz erfahren zu können. Natürlich nicht. Aber ein überteuertes Smartphone oder das klavierlack-polierte Gadget aus dem Elektronikmarkt? Oder die unglaubliche Neuigkeit, dass man im neuesten Hausfrauenpanzer von BMW sofort ein iPod anschließen kann? Ist es das, was zählt?

Mag ja sein, dass menschliche Gier ein Grundübel (nein, nicht Grun-Dübel, ihr snobistischen Pfeifen) ist, dem man schicksalsbedingt bis in alle Ewigkeiten begegnen wird. Aber es geht mir hier nicht um Hippie-Plattitüden, um eine »Wir-teilen-alles«-Naivität. Bezogen auf Amazon und diverse andere Körperschaften, die alles, was man vom Arbeits- bis zum Steuerrecht, bis zum Anschlag ausnutzen kann, und denen jeder Hauch von Großzügigkeit und jede Verantwortung ein Fremdwort ist, lautet die schlichte Antwort »Verweigerung«. Denn so wie Amazon und Konsorten behandelt man Menschen nicht, selbst wenn es wortwörtlich so im Gesetz steht. Und auch das sollten die Großkopferten, die meinen, alles, was legal ist, sei auch moralisch nicht zu beanstanden, wissen: Der Weg von der Verweigerung durch Abscheu über die Sabotage bis zum gesellschaftlichen Chaos kann außerordentlich kurz sein. Es gibt nichts Gefährlicheres als den Mob, der sich an die Wand gedrückt fühlt.

Wie bereits erwähnt, ist Amazon nur ein relativ isoliertes Irrlicht im Farbenrausch des Konsumwahns und der Geiz-Mentalität. Dasselbe passiert bei »Stuttgart 21«, bei der hässlichen Elbphilharmonie in Hamburg oder dem lächerlichen Berliner Flughafenprojekt, bei denen ein paar größenwahnsinnige Schlips- und Kostümträger - allen voran unsere Herren und Damen Politiker - jegliches Maß für Effizienz verloren haben. Selbst eindringlichste Warnungen zu dieser eklatanten Verschwendungssucht (auf dem Rücken derer, die von ihrer Arbeit nicht mehr existieren können) werden als Lappalie abgetan. Solange man z.B. in Hamburg an Ampeln Zettel findet, die 1.000,- Euro für die Vermittlung einer stinknormalen Wohnung ausloben - plus Kaution, Umzugskosten und horrenden Mietpreisen, die darauf zwangsläufig folgen - ist der Gegenwert, den überzogene Prachtbauten für eine mikroskopisch kleine Kaste der Geldbesoffenen darstellen, einen Dreck wert.

Manchmal fällt es selbst mir, der viele Widrigkeiten mit Zynismus und Sarkasmus wegbügeln kann, schwer, die Dämlichkeit der geleckten Entscheidungsträger in diesem Land auszuhalten. Ich kann sie einfach nicht mehr ertragen, diese eingebildeten Wichtigtuer mit ihren klinisch-sterilen Worthülsen, ihrem belanglosen Gefasel und mit ihrer Feigheit, die Dinge beim Namen zu nennen. Ein kluger Unternehmensberater fasste seine Firmenphilosophie einmal (sinngemäß) so zusammen: Ein Unternehmen ist dann langfristig erfolgreich, wenn es auch für den einfachsten Mitarbeiter in diesem Unternehmen fair zugeht. Eigentlich banal und auch nicht neu.

 

Autos kaufen eben keine Autos.

 


Kategorie: Politik, Gesellschaft, Diverses

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