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The Daily Show

12.02.2015

Jon Stewart, der Mastermind von Amerikas informativster Nachrichtensatire, hört dieses Jahr auf. Das ist nach dem Ende des Colbert-Reports nun schon der zweite Satire-Einbruch im US-TV in diesem Jahr.

Warum sollte man ausgerechnet einer amerikanischen Satiresendungen nachweinen, werden sich manche fragen. Als hätten wir nicht in unserer eigenen Welt in Deutschland bzw. Europa und genügend Stoff, den man satirisch unter die Lupe nehmen kann. Das stimmt natürlich. Aber ich schwöre: Wenn man ein paar Mal die Daily Show gesehen hat, dann weiß man, dass das deutsche Franchise-Duplikat namens »heute show« ein müder Abklatsch und Moderator Welke oft nur ein weiterer (linker) Propagandist einer gutmenschelnden Einheitspresse ist. Was Jon Stewart u.a. auszeichnet, ist seine Integrität gegen jeden politischen Übereifer, egal ob von links oder von rechts. Wobei natürlich »links« und »rechts« im US-Alltag eher die Reduktion auf die beiden ziemlich ähnlichen großen Parteien Demokraten und Republikaner bedeutet. Eine klassische linke Bewegung, wie wir sie in Europa kennen, existiert in den USA quasi nicht.

The Daily Show bot dem europäischen Zuschauer einen authentischen Einblick in die Denkweise unseres geliebten und siegreichen Brudervolkes auf der anderen Seite des Atlantiks. Denn die Sendung lebte von unzähligen, bizarren TV-Zitaten, wobei insbesondere Fox-News – unter die Lupe von Jon Stewart gezerrt – fast jeden Abend der Nachrichtenblamage überführt wurde. Fox-News ist nicht irgendwer. Der Sender ist einer der Hauptpfeiler des Presseimperiums von Rupert Murdoch, ein nicht gerade zimperlicher, rechtskonservativer Medientycoon. Ihm gehören auch viele Revolverblätter in Großbritannien, die sich u.a. rühmen dürfen, die Telefone von etlichen Politikern und Prominenten abgehört zu haben, um »Sensationelles« berichten zu können. Murdochs Medienimperium ist viel mehr als nur eine Nachrichten-Verwertungsmaschinerie. Wenn man eine wesentliche Quelle für den ganzen weltweiten Irrsinn nennen kann, dann gehören Murdochs sendungsbewusste Verdummungsorgane fest zum Waffenarsenal US-amerikanischer (und britischer) Indoktrinationsversuche.

Es geht das Gerücht, dass Stewart gerade unter jungen Leuten einen Anteil von etwa 70 % hat, die sich die »echten Nachrichten« in seiner Daily Show abholen. Sie trauen ihm und seinem kongenialen Team mehr Wahrhaftigkeit zu als allen anderen, hochglanzpolierten Nachrichtensendungen. Aber was sagt das über die öffentliche Meinung aus, wenn eine Satiresendung – auch noch unter dem Etikett »Comedy« – für Millionen Amerikaner glaubwürdiger erscheint als (fast) alles, was die Presse sonst zu bieten hat?

Wenn man verstehen möchte, welche Überzeugungen die USA antreiben, mit denen sie weltweit ihre aggressive Einflussnahme betreiben, dann ist The Daily Show sicherlich die ergiebigste Quelle im Nachrichtendschungel. Denn die genialste aller Satiresendungen lebt natürlich dadurch, dass die von ihr Kritisierten ihrerseits soviel Dummheit und Arroganz an den Tag legen, dass das für sich genommen schon wieder eine eigene (wenn auch traurige) Kunstform darstellt. Sender wie Fox-News, die sich den Anspruch geben, aufklärerische Pressearbeit zu betreiben und die Öffentlichkeit zu informieren, leben in einer komplett abgeriegelten Welt der US-amerikanischen Selbstbezogenheit, in der schon die Frage nach dem richtigen Präsidentenoutfit zur politischen Botschaft mit globaler Relevanz erhoben wird. Wenn man nach Stereotypen und Vorurteilen wie amerikanische Oberflächlichkeit und aggressives Hegemonialdenken sucht, dann wird man bei solchen Sendern fündig. Dann versteht man zum Beispiel, weshalb es derzeit in der Ukraine drunter und drüber geht oder warum die Einflusspolitik der USA kein Maß und kein Innehalten kennt. The Daily Show war der richtige Filter, wenn man verstehen wollte, wie Amerika tickt.

Nicht alles war bzw. ist bei der Daily Show allerdings objektiv oder aufklärerisch. Insbesondere aus männerpolitischer Sicht war die Sendung eine Enttäuschung. Denn die vielen (quantifizierbaren) Lügen im Zusammenhang mit dem Geschlechterthema wurden auch bei Stewart ungeprüft weitergereicht. Themen wie »Gender Pay Gap« oder »Rape Culture« haben nie die aufklärerische Würdigung in der Daily Show erfahren, wie sie den meisten anderen politischen Themen dort zuteil wurden. Dieses Phänomen, dass die meisten Männer (vor allem in der Presse) sich devot der feministischen Hysterie ergeben, kennen wir hierzulande auch. Keine noch so abstruse Behauptung wird hinterfragt, selbst wenn alle Fakten gegen den feministischen Tunnelblick sprechen. Außer ein paar merkwürdigen, notorischen Querulanten im Internet (so scheint es) macht sich niemand die Mühe, die plumpen Thesen von der Unterdrückung der Frauen in westlichen Wohlstandsländern zu hinterfragen. Warum in diesem Bereich so bereitwillig auf Wahrhaftigkeit und Seriosität verzichtet wird, wäre eigentlich ein spannendes Gebiet für alle Psycho- und Sozioforscher. Was treibt Männer dazu an, sich mit Hurra-Gebrüll dieser widerlichen, auf reiner Boshaftigkeit und permanenter Faktenresistenz begründeten feministischen Sichtweise zu ergeben? Mutterkomplex? Heimliche Hoffnung auf weibliche Beachtung durch vorauseilende Bevorteilung der Frauen? Selbst bei Leuten, denen man eigentlich keine trivialisierende und simplifizierende Sichtweise nachsagen kann, stößt man im Zusammenhang mit Geschlechterthemen sehr oft auf diese extrem dümmliche, sogar peinliche Geisteshaltung. Ein Faszinosum, wenn auch nicht gerade erbaulich.

Es ist ein wirklicher Verlust, wenn Jon Stewart im Laufe des Jahres seinen Abschied nehmen wird. Von allen möglichen Nachfolgern wäre nach Meinung vieler John Oliver wahrscheinlich der beste Kandidat. Er gehörte lange Zeit zum Stammpersonal der Daily Show und hat inzwischen beim Sender HBO eine eigene Sendung (sehenswert). Es erscheint also unwahrscheinlich, dass er diese aufgibt. Stewarts Weggang ist auf dem Hintergrund einer (wie auch in Deutschland) unerträglich indoktrinierenden Einheitspresse ein schmerzlicher Verlust. Aber so ist Comedy, so ist Theater: Das lachende und das weinende Auge gehören fest zusammen und können nicht ohne das jeweils andere existieren.

Möglich, dass Stewart sich intensiver seiner Arbeit als Regisseur widmet. Letztes Jahr produzierte er den Film Rosewater, der das Schicksal eines iranischen Journalisten zu Zeiten der »grünen« Oppositionsbewegung ebendort zum Thema hat (nein, hat nichts mit unseren »grünen« Schlafmützen zu tun). Ich wünsche ihm jedenfalls alles Gute und möchte – ganz im Stil der Daily Show – mit dem Fazit enden: »Here it is, your moment of Zen«:

 


Kategorie: Politik, Gesellschaft, Kultur

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