Header

Artikel Detailansicht

< Overeducated Bullshit
   

Vorsicht Kultur • Heute: Whiplash

08.06.2015

Sehenswert, dieser Film.

Hier zunächst der Inhalt des Films, wie er bei Wikipedia steht:

Andrew ist ein talentierter 19-jähriger Schlagzeuger am (fiktiven) Shaffer Conservatory of Music in New York City, wo er vom Leiter der Studioband, Terence Fletcher, entdeckt wird. Der Bandleader versucht durch stete Erniedrigung seiner Studenten diese zu Höchstleistungen anzuspornen, wodurch sich Andrew immer größer werdender psychischer und physischer Gewalt durch seinen Lehrer ausgesetzt sieht. Der ehrgeizige Schüler durchschaut die Methoden seines Lehrers und lässt sich auf diese ein. Er verlässt seine Freundin, um sich auf seine Musikerkarriere zu konzentrieren, die sein Leben endgültig einnimmt.

Andrew erscheint nach einem Autounfall verletzt zu einer Aufführung. Da Andrew in seinem Zustand nicht spielen kann, wirft Fletcher ihn aus der Band. Andrew rastet aus und schlägt auf Fletcher ein, worauf er des Konservatoriums verwiesen wird. Unterdessen erfährt die Aufsicht nach dem Suizid eines ehemaligen Schülers durch dessen Eltern von Fletchers Methoden. Andrew sieht die unwürdigen Methoden seines Lehrers ein und sagt anonym gegen ihn aus. Fletcher verliert daraufhin seine Stelle am Konservatorium.

Einige Monate später hat Andrew seinen Traum aufgegeben, sein Buddy Rich-Poster in den Müll geworfen und sein Drumset eingemottet. Zufällig trifft er auf Fletcher, der ihn nach einer Aussöhnung überredet, als Schlagzeuger von Fletchers neuer Band ein Konzert zu spielen, bei dem viele Talentscouts anwesend sein werden. Auf der Bühne stellt Andrew fest, dass Fletcher ihm aus Rache absichtlich falsche Noten gegeben hat. Seine musikalische Karriere scheint durch den blamablen Einsatz endgültig zerstört. Doch Andrew geht zurück auf die Bühne, übernimmt die Band und spielt meisterhaft sein Schlagzeug. Fletcher erkennt begeistert das musikalische Genie Andrews an und dirigiert ihn in der Schlussszene des Film zu einem phänomenalen Schlagzeugsolo.

 

Man kann diesen Film durchaus losgelöst von der Musik als eindringliches Drama über die völlige Hingabe für eine Sache verstehen, bei der nur die Allerbesten heraussstechen, die, die für ihre Leidenschaft zur Selbstaufgabe neigen, bei denen das Ziel eine gewisse autistische Fixierung bedeutet. In diesem Sinn ist ein grundsätzliches Talent für eine Sache zwar vorteilhaft, vieles hängt aber vom reinen Fleiß ab.

Der Film bezieht, was die Aufopferungsbereitschaft des Nachwuchsdrummers angeht, eine eindeutige Stellung: Nur diejenigen, die bereit sind, sich ihrer Herzensangelegenheit mit einer gehörigen Portion Masochismus zu unterwerfen, werden zu denen werden, über die man auch in Zukunft noch sprechen wird. Dass der perfektionistische Bandleader Fletcher wegen seiner sadistischen Methoden vom (fiktiven) Schaffler-Konservatorium fliegt, untergräbt dessen Standpunkt nicht wirklich. Nicht einmal der Selbstmord eines ehemaligen Schülers kann ihn dazu bewegen, an seinen herrischen Methoden etwas zu ändern. Das war für mich der einzige Kritikpunkt in diesem Film. Denn was bleibt vom Wesen der Musik übrig, wenn sie hauptsächlich von Hochleistungsautomaten dominiert wird? Letztendlich ist diese Sicht auf das Phänomen Erfolg das uramerikanische Märchen: Jeder kann es schaffen, wenn er sich nur genug Mühe gibt. An dieser Stelle verharrt der Film in genau dieser typischen Unglaubwürdigkeit, wie sie hauptsächlich von Hollywood-Streifen transportiert wird. Denn in unseren globalisierten Zeiten sind Erfolg oder Misserfolg eben oft keine Frage der Begabung oder der Leistungsbereitschaft. Erfolg als Prinzip hängt oftmals davon ab, wie sehr man protegiert wird und sie findet oft genug unter dem Damoklesschwert der eigenen Korrumpierbarkeit statt. Gerade die Schlussszene, das genial inszenierte Drumsolo des 19-jährigen Andrew, wirkt deshalb leicht unglaubwürdig. Denn augenscheinlich kommt es dem Lehrer Fletcher nur auf technische Perfektion an, auf etwas, das gerade in der Musik nicht immer zwangsläufig den Funken überspringen lässt. Dazu kenne ich zuviele Musiker, die mich trotz ihrer fehlenden Virtuosität zu Tränen gerührt haben, einfach weil sie eine Musikalität besaßen, für die es keine Worte gibt.

Natürlich dominiert der Jazz diesen Film. Und leider wird nur ganz am Rande die Tragik vieler richtungsweisender Jazzmusiker angerissen. Leute wie z.B. John Coltrane (Saxofon) waren zwar Ausnahmeerscheinungen, haben sich ihre Position in der Musikgeschichte aber auch durch einen sehr exzessiven Lebenswandel teuer erkauft. Coltrane wurde nur 41 Jahre alt. Auch von Miles Davis weiß man, dass er trotz seiner unbestreitbaren Verdienste als musikalischer Impulsgeber privat eher schwierig war. Dieses Phänomen finden wir allerdings auch in der Rockmusik, wie z.B. bei Amy Winehouse. Ich persönlich hätte es wahrscheinlich keine fünf Minuten mit so einer Alkoholikerin ausgehalten, doch ihre Musik verlangt einem allen Respekt ab. Dasselbe gilt für Jim Morrison (The Doors), dessen Aufstieg und Fall in einem ebenfalls empfehlenswerten Biopic von Oliver Stone(d) verfilmt wurde, sowie für etliche andere, die sich dem »Club 27« angeschlossen haben.

Musikalisch bewegt sich der Film auf allerhöchstem Niveau und gehört zum Besten, was man in den letzten Jahren in Sachen Jazz hören bzw. sehen konnte. Als durchschnittlicher Musiker mögen einen die Arbeitsanweisungen, die Fletcher in den Übungsraum bellt, völlig überfordern (14/8tel-Takte und solche Scherze). Doch ich weiß, dass an vielen amerikanischen Konservatorien tatsächlich so ein militärischer Drill vorherrscht. Von einem Gitarristen, mit dem ich seinerzeit auf Tournée war, weiß ich z.B., dass sie wochenlang stur geübt haben, bis sie die Spielweise von Hendrix oder Lukather perfekt imitieren konnten. Technisch gesehen war der Junge erste Sahne, das muss man sagen. Aber nicht immer reicht technische Perfektion aus. Berühmt geworden ist er jedenfalls nicht. Könnte also sein, dass er sein Musikerleben auf irgendwelchen Kreuzfahrtschiffen fristet; wer weiß. Soviel zum Thema »Tellerwäscher und Millionär«.

Die Würdigung von guten Musikern unterscheidet sich in den USA generell von unserer europäischen Sichtweise. Wenn man hierzulande in einen Jazzclub mit Livemusik geht, hören die meisten Leute wirklich zu. Nicht so in Amerika. Oft genug verdienten sich »unsere« Musiker dort zwar auch eine bescheidene Gage als Clubmusiker, doch meistens waren sie lediglich Beiwerk. Die normalen Clubbesucher redeten einfach weiter und kümmerten sich nicht besonders um die Livedarbietung. Ebenfalls irritierend war, dass z.B. in größeren Stadien, in denen Konzerte stattfinden, häufig auch die Sitzplätze verkauft werden, die sich hinter der Band befinden. Mal abgesehen davon, dass man ständig nur die Rücken seiner Idole sieht, ist die Akustik wahrscheinlich nicht die allerbeste. So wurde mir das erzählt und einige von den Kollegen haben dann auch tatsächlich aus künstlerischen Gründen ihren ständigen Aufenthaltsort von den USA nach Deutschland verlegt.

Unabhängig von musikalischen Geschmäckern ist die schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarsteller in Whiplash grandios und die drei Oscars für diesen Streifen sind – vor allem angesichts der merkwürdigen Oscar-Preise vergangener Jahre – mehr als gerechtfertigt. J.K. Simmons, der den exzentrischen Musiklehrer spielt, war mir schon einmal als exzellenter Schauspieler aufgefallen, nämlich in der ersten Staffel der Spiderman-Filme. Darin spielte er den cholerischen Verleger der New Yorker Tageszeitung »The Daily Bugle«, in einer Art »Stromberg auf Amphetamin«. Herrlich überdreht!

Wer einen guten Film abseits von den üblichen CGI-Orgien der letzten Jahre sucht, ist beim kammerspielhaften Whiplash bestens aufgehoben; ausdrücklich auch dann, wenn man musikalisch sonst auf Hausmannskost steht. »Jazz is not dead. It just smells funny.« — Frank Zappa.

Hier der Trailer:

 


Kategorie: Kultur, Musik

<- Zurück zu: Beiträge

 

Nach oben

12.08.2019

Ich bin krank.

Kat: Diverses