Header

Artikel Detailansicht

< Karriere und Kinder
   

War okay

21.10.2015

Die gestrige »Anstalt« im ZDF.

Schon der Einstieg der gestrigen Satiresendung »Die Anstalt« war durchaus amüsant. Von Wagner und Uthoff begannen mit einer nachgestellten Loriot-Szene, die schon optisch sehr gelungen war.

Das große Thema war – wie könnte es anders sein – die Flüchtlingskrise. Nun kursieren ja ständig völlig gegenteilige Meldungen zu diesem Thema durch die Gazetten, die Bandbreite reicht von naiven »Wir schaffen das«-Parolen bis zu Horrorszenarien über den Untergang des Abendlandes. Das Ganze wird wie immer auch gerne mal mit Nazi-Vorwürfen und sonstigen Beleidigungen wie »Rattenfänger« oder »Pack« gewürzt. Insgesamt werden so ziemlich alle Themen, egal ob Außen- oder Innenpolitik, derzeit von einer seltsamen Endzeitstimmung begleitet, so als sehnten sich allüberall die menschlichen Urinstinkte nach einem finalen Showdown unter Bemühung möglichst martialischer Phrasen. Für moderate Stimmen und Pragmatismus ist offenbar gerade wenig Platz in der Welt. Vor allem unsere aktuellen Politikdarsteller haben sich in diesem Punkt in den letzten Wochen nicht gerade mit Ruhm bekleckert und geben sich auffallend dünnhäutig.

Aber zurück zur Sendung. Was mir an dieser Folge »Die Anstalt« besonders gefiel, war die Szene, in der sich ein vermeintlicher bayerischer Außenminister (von Wagner) bei unseren amerikanischen Freunden (Uthoff) um Klärung und Ursachenforschung bzgl. der Lage im Nahen Osten – also um die eigentlichen Gründe für die Flüchtlingsströme – bemühte. Diese Analyse war selten so eindeutig in einer öffentlich-rechtlichen zu hören wie gestern: Die westliche Nahostpolitik, hauptsächlich das US-amerikanische Vorgehen der Destablisierung vieler Länder im Nahen Osten, ist selbst Grund für die diversen Folgeerscheinungen, mit denen wir derzeit in Europa zu kämpfen haben.

Es sind unsere großartigen Verbündeten, die weite Teile des Nahen Ostens destablisiert haben. Es sind unsere Waffenfabriken, die autoritäre Regime wie Saudi-Arabien und ihren Krieg gegen den Jemen stützen. Es ist das Säbelrasseln unserer NATO in Osteuropa, das seit vielen Jahren eine völlig unnötige Verschärfung in der Weltpolitik provoziert. Es ist unsere Regierung, die mit Ramstein aktiv den grundgesetzwidrigen Drohnenkrieg unterstützt – ein Krieg, der nachweislich mehr Islamisten erzeugt, als er jemals beseitigen kann. Es sind unsere Politiker, die trotz völlig gegenteiliger Rechtslage weiterhin Atomwaffen ins Land holen und damit – selbstverständlich – an der Wettrüstungsspirale drehen bzw. geltende Verträge brechen. An solchen zentralen Widersprüchen, an solchen Doppelstandards wird Politik gemessen, aber nicht an der Frage, wie gut Politiker ihre telegene Selbstvermarktung beherrschen. Die Kanzlerraute von Merkel oder die bedeutungsschwangere Stirnfalte eines Gabriel sind eben keine Politik, sondern Show. Von deren üblichen Phrasendrescherei will ich erst gar nicht anfangen.

Die Faktenlage wurde gestern jedenfalls wunderbar eingedampft und vor allem einem größeren Publikum bewusst gemacht. Das ist schon was, wenn man es mit den diversen Quasselrunden bei Will, Maischberger, Jauch und wie diese selbstverliebten Informationsclowns alle heißen mögen, vergleicht. Erstaunlich ist auch, dass alle sattsam bekannten Versuche, kritische Analysen sofort unter die Label »Antiamerikanismus« oder gar »Rechtspopulismus« zu verbannen, letzendlich fehlschlagen. Auch dazu hat die gestrige Sendung ihren Teil beigetragen. Sie reiht sich damit ein in eine Liga verschiedener investigativer Nachrichtenportale im Internet wie die »Nachdenkseiten« oder auch »KenFM« (u.v.a.), die seit längerer Zeit für die Wiederbelebung eines ernstgemeinten Journalismus sorgen. Noch viel erstaunlicher ist, dass dort die strikte Links-Rechts-Trennung, die über weite Strecken die Diskussion in den Mainstreammedien dominiert, schon lange nicht mehr greift. Da diskutieren CDU-Urgesteine wie Willy Wimmer mit selbsterklärten Anarchismus-Fans wie Ken Jebsen – und kommen sehr oft zu deckungsgleichen Ergebnissen.

Das ZDF war aber anscheinend gestern sowieso in Kritikerlaune. Denn gleich im Anschluss an »Die Anstalt« sprach Fernsehprofessor Lesch über die Phänomene Geld und Finanzwirtschaft. Dabei war vor allem interessant, dass es neurologische Grundvoraussetzungen für die teils völlig irrationale Gier gibt, die bei vielen Hochfinanzakteuren vorherrscht. Aus anderen Untersuchungen weiß man, dass die Erfolgserfahrungen, die solche Akteure bei ihren Geschäften erleben, fast deckungsgleich mit bestimmten neurologischen Vorgängen sind, wie man sie z.B. auch bei Drogensüchtigen vorfindet. Vielfach sind solche Gestalten ja mit beiden Symptomen, also Geld- und Drogensucht konfrontiert. Auch der Rausch einer vermeintlichen Macht über Menschen (bis zur Größe von ganzen Ländern) muss enorme Auswirkungen auf das menschliche Belohnungszentrum im Gehirn verursachen. Als Außenstehender ist man ja oft einerseits vollkommen konsterniert über den Wiederholungsdrang, mit dem offensichtlich völlig falsche Entscheidungen durch den politischen Alltag gepeitscht werden (besonders krass die »Bankenrettung«), andererseits über die roboterhafte Attitüde, mit der solche Mechanismen immer wieder gleich und auf einem intellektuell erbärmlichen Niveau abgespult werden. Nicht mal bestehende Gesetze (s.o.) halten die Herrschenden davon ab, sich immer wieder an den schlechtesten Varianten ihrer potenziellen Handlungsmöglichkeiten abzuarbeiten.

Wer das Ausmaß an intellektueller Kleingeisterei intensiver studieren möchte und sich über die Verfasstheit speziell unserer Presse (als Erfüllungsgehilfe für allmachtsbesoffene Sonnenkönige) informieren will, dem sei der hervorragend geschriebene Artikel von Katrin McClean bei Telepolis empfohlen. Sie erzählt von einer Veranstaltung beim Spiegel, zu der das Blatt auch verschiedene Medienkritiker wie sie selbst eingeladen hatte. Hintergrund waren die seit Jahren kursierenden Vorwürfe, die Mainstreammedien würden viel zu einseitig über wichtige gesellschaftliche Themen referieren. Um es kurz zu machen: Selbst Argumente und Fakten prallten an den Machern dieses Blattes vollkommen ab. Das fragwürdige Event war eine reine Alibi-Veranstaltung, dessen einziger konkreter Nutzen wahrscheinlich in seiner steuerlichen Absetzbarkeit bestand. Man verschanzt sich in den Redaktionen lieber wie in einer Wagenburg und reagiert auf jede Kritik mit einer dünnhäutig-großkopferten Abwehrhaltung, die für sich betrachtet schon vollkommen würdelos ist. Eine solche Arroganz wäre auf privater Ebene völlig indiskutabel, beim Spiegel gehören sie anscheinend zum Berufsethos. Die Redakteure degradieren sich damit selbst zu lächerlichen Worthülsenakrobaten in bester Untertanenmentalität.

 


Kategorie: Kultur, Politik, Gesellschaft

<- Zurück zu: Beiträge

 

Nach oben

12.08.2019

Ich bin krank.

Kat: Diverses