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Fake-News

13.12.2016

Die Gemütlichkeit der steuerfinanzierten Diskurshoheit ist vorbei.

Seit ein paar Wochen überschlagen sich die Aktivitäten der Herrschenden geradezu, wenn es um die Rückeroberung ihrer ureigenen Deutungshoheit geht. Da schwirren plötzlich brandgefährliche »russische Hacker« durch die Gazetten, die, wie der Tendenzbetrieb CIA festgestellt haben will, sogar US-Wahlen manipulieren können. Harte Beweise bleibt man dafür allerdings schuldig. Und auch im beschaulichen Deutschland möchte man lieber an Manipulationsversuche bei der kommenden Bundestagswahl glauben, als sich den (mutmaßlichen) Wahlverlust mit eigenem Versagen erklären zu müssen. Die Angst vor diesem wahrscheinlich desaströsen Wahlereignis ist so enorm, dass einige Schlausprecher sogar eine offene Zensur fordern, falls sich die veröffentlichte Meinung der Staatsbediensteten so gar nicht mit der ihres Fußvolkes – mitunter blumig als »Pack« beschrieben – deckt. Insbesondere Fakebook und Twitta genießen momentan die zweifelhafte Aufmerksamkeit diverser Noch-Meinungsinhaber, so als bestünde das halbe Internet nur aus diesen beiden asozialen Netzwerken.

Nun will man sogenannte »Fake-News« zukünftig unter Strafe stellen, schreibt die FAZ. Was Fake-News sind und wer darüber befindet, wie sie eingeordnet werden, ist ziemlich nebulös bisher. Ganz sicher meinen unsere Hochwohlgeborenen auch nicht solche Fake-News wie z.B. seinerzeit beim Irak-Krieg und dem vorausgegangenen Informations-Gemetzel (vor allem durch Colin Powell bei der UN). Oder dass »unsere Freiheit am Hindukush verteidigt wird«. Oder die penetrante (weil endlos wiederholte) Propaganda, dass es »den Menschen in Deutschland noch nie so gut ging wie jetzt« (Merkel).

Ach ja, immer dieses böse Internet: Wie ich schon öfter mal schrieb, erleben wir mit den »Neuland«-Technologien eine Art »Buchdruck 2.0«-Phänomen. Wie sich einige historisch Interessierte vielleicht erinnern, war die Erfindung des Herrn Gensfleisch aka Gutenberg im 15. Jahrhundert eine der wichtigen Voraussetzungen für die Entstehung der Moderne. Mit dem Buch als Massenprodukt wurde die für damalige Verhältnisse rasante Ausbreitung kritischer Ideen überhaupt erst möglich. Die Auflage der Luther-Bibel lag gegen Ende von Luthers Wirken bei etwa drei Millionen, während in den Jahrhunderten zuvor Bibeltexte nur einigen Privilegierten vollumfänglich zugänglich waren. Was folgte, war wie heutzutage ein langer Kampf um Deutungshoheiten, um Meinungen und damit um Machtansprüche. Natürlich ist auch das Phänomen »Fake-News« nicht wirklich neu, wenn wir z.B. an den teils beachtlichen Anteil der Presse an der Kriegsrethorik im 20. Jahrhundert denken.

Folgerichtig verwenden die Herrschenden auch erhebliche Ressourcen dafür, um ihre eigene Deutungshoheit gegenüber den politischen Entwicklungen durchzusetzen. Für ein paar Jahre – genauer nach dem Wegfall des Eisernen Vorhangs – schien die Informationshoheit für die Herrschenden eine gemütliche Angelegenheit zu sein. Man musste mit dem vermeintlichen Feind informationstechnisch nicht mehr konkurrieren und entledigte sich des Rechtfertigungsdrucks, der sich aus der prinzipiellen politischen Andersartigkeit, aber auch aus der nackten, ideologisch angetriebenen Repression gegen eine freie Informationsverbreitung im Osten ergab. Mit anderen Worten: Weil es im Ostblock eine offensichtliche Meinungsmanipulation gab, fühlte man sich in verschiedenen westlichen Presseorganen öfter als heute aufgefordert, mit Glaubwürdigkeit und Vollständigkeit zu kontern. So war es vor dem Fall der Mauer: Es gab respektable Magazine wie »Panorama« oder »Report« und sogar den »Spiegel«, die sich in Sachen Glaubwürdigkeit eine gewisse informationstechnische Reputation erarbeitet hatten. Danach allerdings, also vorwiegend während der Jahre des Zusammenbruchs im Ostblock, entfiel der Zwang zur journalistischen Gründlichkeit und zu einer investigativen, möglichst alle Meinungen berücksichtigenden Berufsauffassung. Ob die zunehmende Monopolisierung der Presse in wirtschaftlicher Hinsicht dafür ursächlich war, lasse ich mal dahin gestellt. Sicherlich hat sie einen erheblichen Anteil an der Prekarisierung des Journalistenberufs, aber auch an der Prekarisierung ihres ureigenen Kernprodukts, der Nachricht.

Mit der Gemütlichkeit der Redaktionsstuben war es allerdings schlagartig vorbei, als neue Techniken weltweit die Informationsverbreitung übernahmen, allen voran das Internet. War schon der traditionelle Buchdruck seinerzeit mitverantwortlich für tiefgreifende politische Umwälzungen gewesen, so kann man vom »digitalen Zeitalter« ganz ähnliche Effekte erwarten – allerdings in einer extrem gesteigerten Geschwindigkeit. Während es den Herrschenden in vergangenen Zeiten immer wieder gelang, Meinungen in ihrem eigenen Sinn zu dominieren (Kriegspropaganda z.B.), so dürfen wir trotz der relativ frischen Erfahrungen zum Charakter der modernen Informationsverbreitung erwarten, dass erstens die monopolisierte Deutungshoheit der herrschenden Nomenklatura in der bisherigen Form keine Zukunft mehr hat und sich zweitens eine neue Entwicklungsstufe der gesellschaftlichen Konsequenzen auf lange Sicht ergeben wird, die wir noch gar nicht abschätzen können. Denn mit jeder neuen Stufe der Informationswirtschaft ergaben sich in den vielen Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte ganz erhebliche Veränderungen. Schon die Etablierung der Schrift in grauer Vorzeit war eine solche Umwälzung – die zwar einerseits neue Konflikte erzeugte, andererseits aber einen zuvor undenkbaren ökonomischen und kulturellen Fortschritt anstieß. Man muss keine Kristallkugel befragen, wenn man also die zu erwartenden Veränderungen im Hinblick auf heutige moderne Techniken einschätzen will. Sie werden ähnlich grandios sein, im Guten wie im Schlechten.

Insofern ist die Illusion unserer geliebten Politiker, mit ein paar zensorischen Eingriffen ihren eigenen Deutungsverlust aufhalten zu können, ziemlich naiv. Das liegt u.a. auch an der technischen Struktur der Internettechniken selbst. Denn dieses Netzwerk war aus einem gravierenden Grund erdacht worden: Immer dann, wenn eine Information (durch ausgefallene Server z.B.) nicht direkt übermittelt werden kann, sucht sie sich alternative Wege. Was zunächst nur wie ein technisches Feature daher kommt, prägt in Wahrheit den gesamten Charakter dieses Mediums. Wer also versucht (wie die etablierten Parteien z.B.), dieser Informationsverbreitung einen Riegel vorzuschieben, hat im Grunde schon verloren, weil er das Medium im Grundsatz nicht verstanden hat. Im Umkehrschluss bedeutet das auch, dass der Aufwand, den man als Staat betreiben muss, um systemkonforme Meinungen zu beherrschen, nicht nur extreme Ressourcenfresser sind. Auch sind die wirtschaftlichen Nachteile einer offenen Zensur des Netzes so eklatant, dass sich die Machtfrage langfristig trotzdem stellen wird. Es ist jedenfalls keine Rückkehr zum Zustand vor der Einführung des Internets vorstellbar, denn die damit verbundenen Nachteile (politische Friedhofsruhe resp. nackte Repression und Zensur) stehen in keinem Verhältnis zu den ökonomischen Möglichkeiten, die sich durch moderne Informationstechniken ergeben.

Wenn die Entfremdung der Herrschenden gegenüber ihrem vermeintlichen Souverän (dem Wähler) als Fakt erkennbar ist (ich denke, das ist so), dann stellen sich natürlich auf lange Sicht erhebliche Fragen zur Ausgestaltung der politischen Willensbildung. Denn rein bauchgefühlt ist der Abstand zwischen den Erkenntnismöglichkeiten unserer Vorturner gegenüber der informationstechnisch sehr agilen jungen Generation schon jetzt uneinholbar. Und es bleibt nicht bei dieser Diskrepanz: Möglicherweise bringen die neuen Techniken mit sich, dass es mit den bisherigen Formen der politischen Lenkung zu Ende geht. Eine leise Ahnung von den neuen Möglichkeiten der Informationsverbreitung und -verarbeitung lieferte seinerzeit die noch junge Partei »Piraten«. Selbst wenn man in Betracht zieht, dass diese Partei das Opfer ihres eigenen Chaos (nicht zuletzt auch durch feministische Störfeuer) geworden ist, war die prinzipielle Offenheit in ihrer Anfangszeit, die sich aus der umfassenden Nutzung moderner Techniken ergab, durchaus interessant. Möglicherweise würde durch eine permanente Beteiligung des Souveräns an den ihn betreffenden politischen Entscheidungen der heutige Parlarmentarismus gänzlich überflüssig. Die Pflicht zum Kadavergehorsam innerhalb solcher anachronistischen Institutionen wie den Parteien würden allerdings dann ebenfalls obsolet.

Es gibt halt viel zu spekulieren, wenn es um die Themen Internet, Fake-News und so weiter geht. Aber: Das, was die Dampfplauderer in der FAZ als Antwort auf ihren eigenen Bedeutungsverlust halluzinieren, ist so ziemlich das Letzte, das wir brauchen können, nämlich eine allumfassende Verbotspolitik. Natürlich steht für sie der persönliche Existenzverlust an vorderster Stelle. Aber spätestens in der nächsten Generation wird es solche vernagelten Besitzstandswahrer kaum noch geben (können); davon gehe ich aus. 

 


Kategorie: Politik, Gesellschaft

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