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Schmutzige Kriege

17.02.2016

Über eine Reportage aus 2013.

Oft erreichen einen die wirklich interessanten Hintergrundberichte leider erst verspätet. Wenn wir uns in der Welt umsehen, so gibt es etliche Dinge, die in unserer Presse völlig verzerrt und sinnentstellend widergegeben werden. Häufig erweisen sich »Verschwörungstheorien« als noch viel zu milde, um die bekannten Konfliktsituationen adäquat aufzuarbeiten. Die Wahrheit ist meist um Längen grausamer.

Mag sein, dass der in 2013 publizierte Film »Dirty Wars« schon lange im Internet verfügbar war; das habe ich nicht recherchiert. Auch in der ARD lief er anscheinend einmal (ich vermute zu nachtschlafender Stunde). Der Streifen landete dieser Tage eher zufällig auf meiner Festplatte und war für mich persönlich einer der überzeugendsten Demontagen unserer »westlichen Werte« in letzter Zeit. Er ist dies in mehrfacher Hinsicht. Nicht nur entlarvt er einmal mehr den Westen als Hauptaggressor bei allen aktuellen Großkonflikten. Er ist ebenso ein Menetekel dafür, wie einseitig unsere Presse mit Kriegsverbrechen unserer Verbündeten (wie auch mit unserer eigenen logistischen Beteiligung daran) medial umgeht. Hat man den Film gesehen, reichen Reizwörter wie »Verschwörungstheorien« oder »Lügenpresse« bei weitem nicht aus, um die menschenverachtende Politik, die kriminelle Energie dahinter und die völlig fehlende Gerichtsbarkeit gegenüber den Verantwortlichen zu entlarven. 

Kriegsreporter Jeremy Scahill verfolgt zunächst mehrere Ereignisse in Afghanistan, bei denen unschuldige Menschen als Kollateralschäden durch US-amerikanische Sondereinsätze ums Leben kamen. Ihm fiel allerdings auf, dass es sich bei den beteiligten Soldaten fast nie um reguläres NATO-Personal handelte. Nicht mal die nächste NATO-Basis wusste etwas von den meist nächtlichen Einsätzen der Spezialeinheiten. Trotz vieler Nachfragen bei offiziellen Stellen wollte niemand der Schreibtischtäter, die Todeslisten der zu erschießenden »Kombattanten« zusammenstellen, irgendwelche Informationen zu den Vorgängen herausgeben. 

Nun sind Geheimaktionen neben den offiziellen Truppen keine Neuigkeit mehr; »Blackwater« ist hier sicher eine der berüchtigsten Söldnertruppen, von denen man bisher hören konnte. Sie waren jedoch formaljuristisch kein Teil der regulären Armee und somit waren auch ihre militärischen Aktionen kein Fall für die offiziösen Verlautbarungen der US-Administration. Doch nachdem Scarhill über lange Zeit viele Einzelereignisse untersucht hatte (u.a. auch ein verheerendes Dronenbombardement auf Zivilisten in Somalia), kristallisierte sich immer mehr das Bild einer Armee neben den offiziellen Streitkräften heraus. 

Diese Geheimarmee hat einen Namen: JSOC (Joint Special Operations Command). Sie wurde 1980 gegründet und erfuhr eine erste besondere Aufwertung als persönliche Schutztruppe für G.W. Bush (trotz vorhandenem Secret Service). Doch die Geschichte der JSOC nahm hier erst ihren Lauf. Sie wurde unter dem sogenannten »Friedensnobelpreisträger« Obama zur universellen Einsatztruppe für Tötungsaktionen gegen jeden, den man US-seitig als Terroristen einstufte. Eine besondere »Berühmtheit« erlangte sie durch zwei Fälle: Einmal die Ermordung des amerikanischen Immans Anwar al-Awlaki und ein zweites Mal bei der Tötung Osama bin Ladens. Al-Awiki war US-Staatsbürger und hätte – jedenfalls nach Recht und Gesetz – nicht ohne Gerichtsverfahren einfach getötet werden dürfen. Besonders bitter dabei ist (darauf weist auch der Film hin), dass nicht nur er getötet wurde, sondern einige Zeit später auch sein 16-jähriger Sohn. Auch der hatte nie eine Straftat begangen, nie eine Anklageschrift gesehen und war mit Sicherheit kein Terrorist. Nur weil sein Vater sich im Laufe der Zeit radikalisiert hatte, brachte man auch seinen Sohn um. Eine Vorsichtsmaßnahme, falls der Sohn sich aufgrund des erlittenen Unrechts ebenfalls radikalisieren würde. 

Aber ist harte Kritik ein Grund für die Todesstrafe ohne Gerichtsverhandlung? Das ist gegen alles, was man uns jemals an »westlichen Werten« beigebracht hat. Jemand, der nach dem Sinn solcher Aktionen fragt, ist alles andere, aber kein Verschwörungstheoretiker.

An dieser Stelle muss man ausdrücklich darauf hinweisen, dass die JSOC US-Präsident Obama direkt unterstellt ist. Er persönlich verantwortet und befiehlt solche Tötungsaktionen, ebenso die Dronenangriffe. Selbst wenn wir seinen Vorgänger Bush als womöglich schlimmsten und kriegslüsternsten Präsidenten in Erinnerung haben, der nach internationalen Maßstäben (zusammen mit Tony Blair) vor ein Strafgericht gehört, so ist Obama derjenige, der die militärische Willkür perfektioniert und ins Extreme gesteigert hat. Inzwischen sind die Todeslisten der US-Regierung derart umfangreich, dass »jeder Mann zwischen 17 und 70 Jahren« in Krisengebieten als Terrorist eingestuft werden kann – völlig unabhängig davon, ob er jemals für Terroraktionen angeklagt wurde. 

Ich möchte empfehlen, den Film anzuschauen, denn alle Details daraus zu nennen, wäre hier eindeutig zu viel. 

Was hat das alles mit uns zu tun? Man könnte ja meinen, dass die USA aufgrund ihrer traumatischen Erfahrungen mit 9/11 »verständlicherweise« Satisfaktion suchen und möglicherweise bei einzelnen Feldzügen über das Ziel hinaus geschossen sind. Doch dem ist nicht so, denn die Absicht der Destabilisierung im Nahen Osten (oder Jugoslawien, oder Ukraine, oder, oder) waren schon sehr lange in der Planung. Sie haben ihren Ursprung in diversen geostrategischen Pamphleten, die gegen Ende des vorigen Jahrhunderts bereits verfasst wurden.

Die willkürlichen Dronenkriege im Nahen Osten sind z.B. nur möglich, weil sie hierzulande über Ramstein laufen (aus geotechnischen Gründen; Erdkrümmung). Das bedeutet, dass Deutschland die wichtigsten logistischen Voraussetzungen für den »War On Terror« der USA bereitstellt. Hätten die so strapaziös bemühten Sonntagsreden von der »Bekämpfung der Flüchtlingsursachen« also irgendeinen realen Bezug, so wäre die Bundesregierung geradezu verpflichtet, Ramstein zu schließen. Denn die US-amerikanische Vorgehensweise im Nahen Osten ist nach allen üblichen Maßstäben eine permanente Verletzung völkerrechtlicher Regeln sowie die Hauptursache für unsere aktuellen innenpolitischen Probleme.

Um nicht missverstanden zu werden: Es gibt viele Situationen, in denen man nicht mit dem Terminus »Recht und Gesetz« argumentieren kann. Ein Tyrannenmord an Adolf Hitler hätte z.B. selbstredend außergesetzlich stattfinden müssen und auch der Tod von bin Laden ist sicherlich kein Verlust für die Menschheit. Doch inzwischen hat sich die oben beschriebene willkürlich-militärische Praxis zu einem galoppierenden Standard entwickelt und zwar in einem solchen Ausmaß, dass man Tötungsaktionen oder geheime Terroraktionen (pervertiert als »Anti-Terrormaßnahme«) eine Hauptschuld für die zahlreichen Krisenherde (oder auch für ihre Folgen wie die unzähligen Flüchtlinge) zuschreiben muss. Deren schieres Ausmaß lässt befürchten, dass bei entsprechender Gemengelage »Spezialaktionen« nicht nur auf ferne Gegenden beschränkt bleiben. Das Wort »Aggressor« bekommt dadurch ein gänzlich anderes Gewicht.

Eine besondere Rolle kommt natürlich auch den Medien zu. Sie verdienen die Beschimpfung »Lügenpresse« nämlich zurecht. Sie halten trotz überprüfbarer Gegeninformationen stoisch an den vorgegebenen Feindbildern unserer westlichen Verbündeten fest. Bezeichnenderweise ist deren Argumentationskette äußerst emotionalisiert (»alles von Putin gesteuerte Verschwörungstheoretiker«) und nur selten faktisch unterfüttert. Kritische Berichte wie die Reportage von Scahill finden kaum Gehör und dienen höchstens als Feigenblatt für eine halluzinierte »unabhängige Berichterstattung«. Das Trommelfeuer, das gegen die gängigen »Feinde des Westens« aufgefahren wird, ist mehr als redundant und lädt angesichts des unerträglichen Gleichklangs von Regierungs- und Pressemeinungen zu Misstrauen und Skepsis geradezu ein. Und sie hat weitreichende Folgen: Denn die alternativen Informationsmöglichkeiten im Internet sind das nächste Angriffsziel staatlicher Kontrollversuche. Warum sonst haben wir schon wieder eine Vorratsdatenspeicherung (die ja eigentlich schon mehrfach gerichtlich gekippt wurde)? Warum sonst soll es plötzlich bei Facebook und Co. Zensurgremien gegen Hassreden geben? Die bisherigen Gesetze gegen Volksverhetzungen, Beleidigungen oder üble Nachreden würden de jure völlig ausreichen. 

Es ist längst überfällig, sich für eine Seite zu entscheiden, denn die Fakten liegen auf dem Tisch. Vor allem ist es längst überfällig, die Zuarbeiter dieser zutiefst menschenverachtenden Politik zur Verantwortung zu ziehen. Damit ausdrücklich eingeschlossen sind die herrschenden deutschen US-Vasallen, seien es nun das Parlament, die Regierungsverantwortlichen oder die Vertreter der Hauptmedien. 

In diesem Sinne: Schaut euch den Film an; »viel Spaß« kann ich euch allerdings dabei verständlicherweise nicht wünschen.

 


Kategorie: Politik, Gesellschaft

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