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Inside Phoenix

13.07.2016

Ein paar lose Gedanken zum gestrigen Phoenix-Programm.

Das Buch kannte ich bereits: »Inside IS« von Jürgen Todenhöfer. Gestern gab's beim Spartensender Phoenix also den gleichnamigen Film und eine anschließende Diskussion mit verschiedenen Fachleuten, einschließlich Todenhöfer selbst. Wenn auch sonst das grässliche Phoenix-Mobiliar nur selten eine Politdiskussion zulässt, bei der man nicht nach einer Viertelstunde abschalten möchte, so blieb ich gestern wider Erwarten bei der Plapperrunde kleben. Es wurden viele interessante Argumente ausgetauscht und es wurde auch darauf hingewiesen, was dem Film gefehlt hat – insgesamt also eine recht offene Diskussion mit etlichen guten Aspekten. Unter anderem war die Rede von den Versprechungen des Daesh gegenüber neu rekrutierten Glaubenskämpfern. Todenhöfers Kontaktmann beim IS erzählte nämlich, dass die versprochenen Sexsklavinnen im »Islamischen Staat« schlappe 1500,- Dollar kosten würden, während er aber dort nur 50,- Dollar Sold im Monat bekommt.

Wäre da nicht der US-amerikanische Diskussionsteilnehmer (Name vergessen) gewesen, der fast stoisch darauf bestand, dass Todenhöfer doch bitte mehr Grausamkeiten seitens Daesh (IS) hätte zeigen sollen. Im Subtext hörte er sich danach an, als wollte er die Aktivitäten seiner Regierungen im Nahen Osten durch Einblendung von Horrorelementen durch Daesh nachträglich rechtfertigen. Auch war er sichtlich pikiert darüber, dass die gesamte Runde der Meinung war, die USA hätten mit ihrem Einmarsch in den Irak die Entstehung von Daesh erst angeschoben; vielleicht nicht aktiv, aber doch durch aktive Unterlassung bzw. eine unverzeihliche Blauäugigkeit in ihrer Nachkriegspolitik. Dass es vor allem geostrategische Gründe waren, die den Einmarsch der USA in den Irak auslösten, wollte der amerikanische Kollege ebenfalls nicht gelten lassen. Dazu bemühte er – sogar ziemlich bemüht – mal wieder irgendwelche angestaubten Anekdoten aus Weltkrieg I und II und die ruhmreiche Vergangenheit US-amerikanischer Militäraktionen. Es ist generell erstaunlich, wie oft in der angloamerikanischen Welt Nazi-Zombies aus der Mottenkiste geholt werden, um alles Mögliche in der Gegenwart zu rechtfertigen. Selbst durchaus liberale Kräfte in den USA scheitern regelmäßig daran, die eigentlichen Ursachen für einen Waffengang ihrer Adminstrationen offen anzuerkennen.

Die Präsenz der USA im Nahen Osten rechtfertigte besagter amerikanischer Diskussionsteilnehmer u.a. damit, dass sein Land doch damit die Öltransporte der gesamten Welt im Persischen Golf absichert. Aus seiner Sicht ist es natürlich dann ebenfalls gerechtfertigt, wenn die selbsterklärte Weltmacht den größten Nutzen aus ihren Aktivitäten zieht.

Es ist für die Befürworter von Kriegen von elementarer Bedeutung, dass sie die narrative Dominanz über politische Konflikte erlangen und behalten. Dazu gehört unbedingt die Steuerung der öffentlichen Meinung. Die Kampagnen, mit denen Feldzüge als lebensnotwendig erklärt werden, sind inzwischen genauso umfangreich und ressourcenhungrig wie die Feldzüge selbst. Ohne die entsprechende propagandistische Begleitmusik ist kein Waffengang über lange Zeit aufrechtzuerhalten. Krieg zu führen, ist schon sauteuer – ihn medial zu rechtfertigen aber auch.

Ein wesentliches Instrument dabei ist die Sprachverwirrung bzw. das Einsetzen von Herrschaftssprache – so wie es z.B. heute in einem Spiegel-Artikel zu lesen war. Wusstet ihr z.B., dass unser biederes Land inzwischen eine »Rahmennation« ist? Wusstet ihr nicht, gebt's zu. Das steht neuerdings im »Weißbuch zur Sicherheitspolitik« – eine formschöne und zweckfreie Ergänzung des deutschen Sprachschatzes, die bestimmt in die nächste Duden-Ausgabe mit aufgenommen wird: Rahmennation. Boah! Auch die folgende Passage möchte sich für kommende Geschichtsbücher empfehlen:

 

"Globale Ordnung aktiv mitgestalten"
Man habe es mit einer "nie da gewesenen Parallelität und Größenordnung von Krisen und Konflikten" zu tun, heißt es in dem Text. Deutschland stehe aufgrund seiner wirtschaftlichen, politischen und militärischen Bedeutung und angesichts seiner Verwundbarkeit in der Verantwortung, "die globale Ordnung aktiv mitzugestalten". Und an anderer Stelle steht: "Deutschlands sicherheitspolitischer Horizont ist global."

 

Aha: Nie da gewesene Parallelität! Dagegen muss Deutschland natürlich unbedingt etwas unternehmen. Das ist mit Sicherheit so ansteckend und bedrohlich wie anno dunnemals die Schweinegrippe oder BSE. Ist jezz mal egal, wer diese »parallelisierten« Krisen und Konflikte in die Welt gesetzt hat, Hauptsache unsere geliebte Bundesregierung kümmert sich um Dinge, die wir dummen Bürgerleins sowieso nicht verstehen. Der gewöhnliche Medienkonsument steigt ja schon aus, wenn ihm Prof. Lesch was von Parallel-Universen erklären will. Da ist es nur gut, wenn wenigstens unsere geliebte Regierung das mit der Parallelität im Griff hat. Auch, dass sich schon viele an der besonderen Bedeutung Deutschlands verhoben haben, irritiert unsere Regierung nicht. Das Ganze würzt sie noch mit ein bisschen Angstmacherei wie unsere »Verwundbarkeit«, weil wir doch inzwischen im Nachkriegs-Europa von Freunden und Nachbarn nur so umzingelt sind. Da sind wir natürlich neuerdings besonders anfällig für Verwundungen. Wieso muss Putin auch seine Landesgrenzen dauernd in Richtung NATO verschieben?

Spätestens beim Zauberwort »globale Ordnung aktiv mitgestalten«, so die Hoffnung der regierungsamtlichen Autoren des geweißten Berichts, kann man dem deutschen Michel eine gesteigerte Militarisierung bestimmt wieder schmackhaft machen. Denn »Ordnung« findet der Deutsche an und für sich ein erstrebenswertes Gut. Schließlich ist der Rest der Welt ein einziger chaotischer Sauhaufen, der nur darauf wartet, dass er von unserer urdeutschen Gründlichkeit mal wieder ordentlich »durchregiert« wird. Geradezu Literaturpreis-verdächtig ist die blumige Umschreibung, der deutsche sicherheitspolitische Horizont sei global. Also, wenn unsere teure Regierung das so sagt, muss es ja wohl stimmen. Schließlich hat das deutsche Fußvolk vor lauter »Public Viewing« in den letzten Wochen gar keinen Horizont mehr gesehen.

Man sollte das nicht missverstehen: Um sich so eine Ansammlung an Nullaussagen und nebulöser Herrschaftssprache aus den Fingern zu saugen, bedarf es allerhöchster Anstrengungen – was für den unterdurchschnittlichen Intellekt dieser Großkopferten eine beachtliche mentale Leistung darstellt. Daran arbeiten ganze Abteilungen! Sie könnten ja auch schreiben »Wir wollen dem Putin eins in die Fresse hauen«, doch das wäre selbst für die BLÖD-Zeitung zu vulgär. Man sieht, trotz gleichgeschalteter Presse ist es gar nicht so einfach, eine Nation auf Kriegspläne und leider, leider notwendige zu erwartende Kollateralschäden einzustimmen.

Wir hatten solche verbalen Verrenkungen vor Kriegen in der Vergangenheit schon öfter – wie auch das durchaus ernstgemeinte Wehleiden nach größeren Konflikten in der Art, dass man vielleicht einmal im Vorfeld auf die Mahner und Nörgler hätte hören sollen.

Ob die Internetmedien in der Lage sind, die modernen Hasardeure an den amtlichen Schaltstellen auszubremsen? Schwer zu prognostizieren. Selbst wenn Schweinereien aufgedeckt werden wie z.B. neulich bei Tony Blair (Irak-Krieg) oder Hillary Clinton (E-Mail-Affäre), so fühlen sich die Entlarvten nach wie vor über jeden Gesetzestext erhaben und werden auch tatsächlich nicht zur Verantwortung gezogen. Aber Defätismus hilft einem schließlich auch nicht weiter.

Andererseits: Was könnte schon schiefgehen? Die Welt wird ja demnächst von den friedliebenden Weibern dominiert: Angela Merkel, Hillary Clinton, Theresa May (die neue in Kleinbritannien) – allesamt »Rahmennationen«. Wie wir ja aus zahlreichen feministischen Orakeln wissen, sind Frauen (besonders die in Machtpositionen) bis zum Anschlag mit Empathie und sozialer Kompetenz abgefüllt. Da wäre es doch sehr verwunderlich, wenn sie ihre Söhne, Brüder oder sonstigen männlichen Verwandten und Bekannten einfach so im Schützengraben verbluten lassen würden. Schließlich weiß zumindest Hillary Clinton, dass die Frauen am meisten im Krieg zu leiden haben, wenn sich ihre dumpfen Tüpen einfach so totschießen lassen.

 


Kategorie: Politik, Gesellschaft

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