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Vorsicht Kultur • Heute: »Trumbo«

17.07.2016

Eine schöne Parabel auf heutige Zensurversuche.

Bekanntlich lässt Heiko »Schutzlücke« Maas ja nichts unversucht, die sog. sozialen Medien – vor allem dieses Fakebook – auf den rechten Pfad der etablierten Meinung zu führen und alles, was er als »Hate Speech« empfindet, mit dem Gesetzbuch zu bedrohen. Erst heute weinte er in der FAZ wieder darüber, dass die Vereinbarungen, die er zusammen mit seiner ominösen »Task Force« vereinbart hatte, nicht zu den gewünschten Zensurergebnissen führen. Denn die von ihm monierten »Hassbotschaften« – immerhin »eine erhebliche Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden« (O-Ton Schutzlücke) – würden einerseits nicht genügend von den betreffenden Anbietern wie Fakebook, Twitta usw. verfolgt oder es würden sogar die falschen Inhalte gelöscht.

Es liegt in der Natur jeder Zensurbestrebungen, dass sie meistens weit über die gesetzlich umrissenen Tatbestände wie Beleidigung, Volksverhetzung, Stalking usw. ein Klima der Bevormundung installieren wollen, welches sie erstens niemals vollständig beherrschen können und in dem sie zweitens selber höchst ineffizient und dilettantisch agieren. Jeder, der sich mit staatlichen Kontrollversuchen in letzter Zeit befasst hat, weiß, dass z.B. niemals ein Terrorist wegen der Datenvorratsspeicherung vorab gefasst wurde oder wegen staatlicher Schnüffelpraktiken ein Attentat verhindert wurde. Ausnahmen sind solche Attentatsversuche, bei denen z.B. Geheimdienste selber als Katalysatoren bzw. Radikalisierer aufgetreten sind, um den Ermittlungserfolg anschließend prominent präsentieren zu können.

Zudem ist es das Wesen der selbst erklärten Besserwisser (der Zensoren), dass sich Angeschuldigte selten gegen unbewiesene Rufmordkampagnen wehren können und der willkürlichen Deutungshoheit sinistrer Tribunale und politischer Eiferer ausgeliefert sind – wohlgemerkt wegen Anschuldigungen, die nicht selten weit über das hinaus gehen, was das Gesetz ursprünglich beabsichtigt hatte.

Im Film »Trumbo« geht es um die McCarthy-Ära der 1940er/50er Jahre und ihren Einfluss auf die Traumfabrik Hollywood. Im Mittelpunkt steht der Drehbuchautor Dalton Trumbo (gepielt von Bryan Cranston), der Mitglied der kommunistischen Partei in den USA war. Das damalige Pendant zur heutigen »Task Force« war das berüchtigte »Kommitee gegen antiamerikanische Umtriebe«, eine Art Inquisitionsgericht, das ähnlich wie heute aus einer selbst erklärten Meinungsführerschaft heraus beanspruchte, Recht über jede vom Mainstream abweichende Meinung auszuüben.

Dabei ging es niemals um die Inhalte der Drehbücher oder eventuelle linke Indoktrinationsversuche, denn Trumbos Arbeiten waren über jeden Zweifel erhaben und brachten u.a. solche Filmklassiker wie »Exodus«, »Ein Herz und eine Krone« oder »Spartacus« hervor (allesamt ausdrücklich keine kommunistischen Propagandaschinken). Allein weil sich Trumbo den Luxus einer eigenen Meinung leistete, schaffte es aber besagtes Kommitee aufgrund der damals aufgepeitschten Stimmung dennoch, dass Trumbo wegen »Missachtung des Kongresses« zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Nach seiner Entlassung schrieb er viele Drehbücher unter Pseudonym und verschaffte auch seinen ebenfalls vom Berufsverbot betroffenen Autorenkollegen auf diese Weise Arbeit und Einkommen. Pikant in diesem Zusammenhang ist auch die Nennung diverser »Helden« der Filmindustrie wie John Wayne oder Ronald Reagan, die sich als besonders eifrige Hardliner gegen nach ihrer Meinung antiamerikanische Filmkollegen hervor taten – Denunzianten allesamt und damit Lumpen (ganz wie im bekannten Sprichwort). Und ähnlich wie heute wird auch die damalige Mainstreampresse als Erfüllungsgehilfe für die umfassenden Zensurabsichten hervorgehoben; allen voran die Klatschreporterin und das Arschloch vom Dienst Hedda Hopper, gespielt von Helen Mirren.

Auch wenn der Film aufgrund seiner dramaturgischen Grundlinie sicherlich kein außergewöhnlicher Streifen ist, so ist er doch solide gespielt und überzeugt am Ende. Zum Beispiel hangelt er sich durchweg an den großen Namen der Filmindustrie entlang (bemerkenswert: TV-Liebling Christian Berkel als Filmproduzent Otto Preminger oder Dean O'Gorman als Kirk Douglas), obwohl man natürlich davon ausgehen muss, dass die Umtriebe der damaligen Gedankenpolizei mitnichten ein Luxusproblem aus Hollywood darstellten, sondern viel umfassender ausgelegt waren. Auch fehlt dem Film der direkte Bezug zu heutigen Zensur- und Regulierungsabsichten, die sich besonders in der Ära nach 9/11 in den USA wie eine Krake ausgebreitet haben. Solche Analogien muss man als Zuschauer selber bewerkstelligen.

Die klassischen Kebbeleien zwischen staatskonformer Meinungsindustrie und rebellierenden Abweichlern ist also kein Phänomen des 21. Jahrhunderts, sondern jede Epoche hatte ihre entsprechenden Konflikte – oftmals mit sehr ähnlichen Grundparametern. Man kann also solche Konflikte zyklisch immer wieder in der Historie beobachten. Dennoch ist mit der beschleunigten Informationsverbreitung durch die Internettechniken in unseren Tagen eine völlig neue Qualität entstanden. Die Meinungsführerschaft der Nomenklatura (dazu zählt unbedingt auch die Mainstreampresse) kann die schiere Geschwindigkeit konkurrierender Meinungskampagnen längst nicht mehr nur mit ihrem überteuerten Propagandaapparat in Schach halten. Wo früher die Meinungsführerschaft vielleicht nur eine Frage des Geldes war (Memo an die Herrschenden: Auch Schergen wollen bezahlt werden), laufen die Meinungsmacher heutzutage den Nachrichten und Trends oft nur noch hinterher. Aber aufgepasst: Diese Entwicklung ist Fluch und Segen zugleich, denn auch Twitta- oder Fakebook-generierte Meinungen sind mitnichten frei von krassen Fehlurteilen oder desaströsen Selbstläufern.

Unsere Herrschenden macht das Internet äußerst nervös, denn die Zeitspanne, innerhalb derer ihre eigene Unfähigkeit zum Gesprächsthema einer breiten Öffentlichkeit wird, gerät immer kürzer. Nicht zuletzt sind viele der Hochwohlgeborenen schon mental nicht in der Lage, mit einem solchen in sich mäandernden Informationsfluss mitzuhalten. Wenn z.B. Kanzlerdarstellerin Merkel das Internet zwanzig Jahre nach dessen Einführung immer noch als Neuland bezeichnet, spricht das Bände. Wenn ein McCarthy-Maas meint, seine Taskforce – ein juristisch äußerst dubioses Konstrukt – sei die dauerhafte Lösung gegen unliebsame Gegemeinungen auf den »sozialen« Plattformen, dann kratzt er lediglich an der Oberfläche und ist im Hinblick auf die Effizienz seiner Maas-Nahmen bereits gescheitert, bevor er noch Return drücken kann. Typisch für solche offiziellen Vertreter ist auch, dass sie mit den immer selben, alten Rezepten versuchen gegenzusteuern. Das Schicksal dieser Protagonisten, die ihrem eigenen Zeitgeist hoffnungslos hinterher hecheln, sollte bekannt sein. Sie werden von ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit irgendwann eingeholt.

Ich halte »Trumbo« für einen soliden und sehenswerten Film, nicht zuletzt dank seiner durchweg überzeugenden Besetzung. Einen Trailer gibt es hier.

Aber natürlich habe ich wie meistens noch einen skurrilen und amüsanten Absacker am Schluss – der hat allerdings gar nichts mit dem Film zu tun. Viel Spaß:


Kategorie: Kultur

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