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Auch das noch

21.11.2016

Man munkelt, das EU-Lobbyist Martin Schulz (angeblich) Kanzlerdarsteller werden will. So wird das aber nix mit Merkels Abwahl im nächsten Jahr.

Wenn man sich einmal an die letzten Bundestagswahlen zurück erinnert, dann hatte die Spezialdemokratie nie ein glückliches Händchen bei der Auswahl ihrer Kandidaten. Anscheinend haben sie nicht vor, es beim nächsten Mal besser zu machen. Der Schulzsche Wahlkampf-Slogan müsste demnach lauten: Niemand hat die Absicht, eine Bundestagswahl zu gewinnen! Hatten wir nicht gerade eben erst eine US-Wahl, bei der das Thema »Weiter so wie bisher« rein gar nicht funktionierte? Es ist überhaupt erstaunlich, wie stoisch und betriebsblind die meisten politischen Vorturner trotz ihrer angeschlagenen Deutungshoheit weiterhin verfahren.

Herr Schulz mag privat ein sympathischer Bartträger sein, mit dem man vielleicht beim Gassigehen ab und zu gerne ein Schwätzchen über Gott und die Welt hält. Doch politisch betrachtet verbindet man mit seiner Aura eher rheinländische Tranfunseligkeit als mutige Politkonzepte. Ich bin jezz zu faul nachzusehen, ob er jemals einen Wahlkampf betrieben, geschweige denn gewonnen hat. Ich dachte immer, er wäre mit seinem Bart in Brüssel geboren worden und nie von dort losgekommen.

Die Last, die Maaaatin Schulz sich mit einer möglichen Kanzlerkandidatur einhandelt (noch druckst er ja rum), wiegt schwer, denn soeben hat Merkels heimlicher Flirt namens Obama signalisiert, dass er unsere geliebte Bundeskanzlerin für einen der letzten Eckpfeiler des liberalen Westens hält. Solche politischen Weihen gehen an Schulz völlig vorbei.

Na gut, als Einschlafhilfe bei irgendwelchen Phoenix-Diskussionen mag Schulz seine Qualitäten haben, aber doch nicht als Bollwerk gegen die Russen, die bald schon wieder vor der Tür stehen – falls man das den üblichen Auguren und Herrn Obama glauben soll. Da ist Muddi Merkel besser aufgestellt. Schulz könnte als Führungsfigur (wirklich ein befremdlicher Gedanke) dem angeblichen russischen Okkupationshunger nur etwas entgegensetzen, wenn er die sture Haltung von Merkel in diesem Punkt noch einmal extrem überkompensiert (Sanktionen, Säbelrasseln und so). Dieses Prinzip hat aber bisher schon nicht funktioniert.

Die SPD hat eben das Problem, dass ihr Vorsitzender Siechmar Gabriel (auch so einer, der noch nie was gewonnen hat) beim Thema Kanzlerkandidatur eher zur Ramschware gezählt wird. Innerhalb der SPD ist man zwar froh, dass man überhaupt jemanden hat, der dieser Gurkentruppe freiwillig voran geht. Doch außerhalb der sedierten Welt der Spezialdemokratie können die »Leute draußen im Lande« eher wenig mit der aus allen Nähten platzenden Wichtigkeit ihres Vorsitzenden anfangen. Nicht zuletzt hat er bereits seine grundsätzliche Rückgratlosigkeit mehrfach unter Beweis gestellt: Vor seiner Wahl zum Wirtschaftsminister war er felsenfest gegen TTIP, neuerdings ist er unbedingt dafür. Dabei hat er nicht eine Zeile dieses sinistren Machwerks gelesen, da bin ich mir ziemlich sicher. Früher palaverte er in bestem Snowden-Jargon gegen die Vorratsdatenspeicherung und warnte uns vor dem Schnüffelhunger staatlicher Institutionen, inzwischen hat er das auch schon wieder großzügig vergessen. Nur der Wähler vergisst so etwas manchmal eben doch nicht, wie wir mittlerweile wissen.

Auch in anderen Parteien wie z.B. der CDU reagiert man auf mögliche Veränderungen (wie z.B. diese lästigen Wahlen hin und wieder) mit einem unerschütterlichen »Weiter so«. Gerade erst hat unsere geliebte Kanzlerin sich zu einer erneuten Kanzlerkandidatur für die CDU bequatschen lassen: »Ich habe unendlich viel darüber nachgedacht«, meinte sie – fragt sich nur, womit. Merkels CDU ist eine einzige Ansammlung von eierlosen Jasagern geworden. Wo die SPD wenigstens noch ein paar gleichrangige Loser auf ihrem Spielbrett hin und her schieben und so die Illusion von politischem Aktivismus simulieren kann – ohne dass es der übrigen Welt großartig aufs Gemüt schlagen würde – ist bei der CDU hinter Merkel einfach Schluss.

Es ist ja im Nachgang von Trumps Siegeszug inzwischen etliches (auch Gutes) analysiert worden, doch der Verlustschmerz, den die Wahlen bei unserem kapitalistischen Brudervolk hinterlassen haben, ist vor allem bei der schreibenden Zunft hüben und drüben grenzenlos. Auch in Deutschland weigern sich die Meinungsmacher standhaft, den vielen Nörgeln, Abweichlern, Populisten auch nur eine Sekunde Aufmerksamkeit zu schenken, selbst wenn das langfristig ihren eigenen Untergang bedeutet (Auflagenzahlen). Das nimmt z.T. wirklich groteske Züge an. So hat Salonrevoluzzer Jakob Augstein in seinem jüngsten Elaborat beim Spiegel dem künftigen US-Präsidenten das Etikett »Faschist« angepappt. Augstein lässt tatsächlich nichts aus, um sich zum linken Lollo zu machen, so wie er da rum ätzt. Tut mir leid, wenn das der moderne »linke« Duktus sein soll, dann gute Nacht. Nein, es gibt in seinem Fall keine diskutable Rechtfertigung für eine solche verbale Eskalation. Vor allem ist es eine Verhohnepiepelung der unzähligen Opfer, die der Faschismus – und noch viel mehr der Nazismus – im letzten Jahrhundert zu verantworten hatten. Augstein hat schlichtweg keine Ahnung. Und zwar von gar nix.

Bei den Spiegel-Kolumnisten, pardon KolumnistInnen, erschienen dieser Tage gleich mehrere Aufreger zum Epochenwandel in den letzten Wochen. Ganz passabel war Jan Fleischhauers Artikel, in dem er nun auch endlich zu der Erkenntnis gelangt ist, dass »Frau sein« keinen Freifahrtschein für ein Präsidentenamt bedeutet und dass der Feminismus inzwischen einen leicht morbiden Odor versprüht. Da hat er Recht – ich hatte es ja auch schon mehrfach so geschrieben.

Beim Querlesen des Kommentarbereichs gab es ein recht differenziertes Bild. Das ging von strikter Ablehnung des Emanzipations-Singsangs bis zum Tenor »Der Feminismus hatte ja früher mal seine Berechtigung, aber...«. Nein, hatte er nicht. »Konto für Frauen« gab es (durch das bundesdeutsche Palaverment) lange bevor Alice Schwarzgeld auf der Bildfläche erschien. Ein Konto gab's oft sowieso nur in Form einer Lohntüte, auch für die meisten Männer. Es gab stattdessen oft eine rein weibliche Finanzhoheit in den Familien (meine Oma z.B.) und für den angeblichen Herrn des Hauses ein Taschengeld. Jeder Richter, der bei einem Scheidungsprozess mitbekam, dass der werte Ehemann seinen Lohn regelmäßig versoffen hatte (das kam durchaus vor), zog ihm vor Gericht die Hammelbeine lang. Der letzte Arbeitsprozess wegen ungleicher Bezahlung einer Frau bei gleicher Tätigkeit hat irgendwann in den 1970ern stattgefunden und wäre, sofern relevant, heutzutage sicherlich eine Goldgrube für allerlei Winkeladvokaten. Die schlechter bezahlten Frauen wären alle Vollzeit beschäftigt (weil billiger für die Firmen) und die Tüpen könnten liebevolle Hausmänner werden. Bekanntlich ist es nicht so – ja warum bloß? Auch war das erste Frauenhaus nicht ausschließlich privat finanziert (wie oft behauptet), sondern wurde von Anfang an zu einem erheblichen Teil staatlich gepampert. Die Frauen starben auch nicht früher als die Männer – das hatte Frau Schwarzgeld gegenüber Esther Villar im berüchtigten TV-Duell behauptet. Das Gegenteil war schon damals der Fall. Diese Liste lässt sich lange fortsetzen, aber dann würde möglicherweise dass Internet abstürzen. Insofern wirken die Relativierungen über die »früheren Berechtigungen« der feministischen Landplage bei den Kommentatoren immer etwas bemüht und sogar duckmäuserisch: Es könnte ja gleich Mami um die Ecke kommen und den krittelnden Pimpf zurecht stutzen.

Auch Frau Koslowski aus derselben Kolumnen-Schreibstube beim Spiegel hatte sich mit dem Thema Clinton beschäftigen wollen (das verlinke ich nicht). In treudoofer Voraussicht hatte sie sogar schon ein Heldinnenepos auf die mutmaßliche erste US-Präsidentin begonnen, aber dann musste sie leider doch wieder von vorne anfangen. Dieser blöde Trump! Rein rechnerisch hat sie also etwa 22 % unbezahlte Mehrarbeit geleistet – wenn das mal kein Beweis für die Unterdrückung der Frau an und für sich bzw. für den Gender Pay Pal Gap ist (oder wie das heißt).

Es ist, wie es ist: Möglicherweise hat das Donnerwetter der US-Wahlen so einige selbsterklärte Weltverbesserer aus ihren politischen Tagträumen gerissen. Doch solche Schreckmomente, wie sie u.a. diesen schrägen Vogel Augstein in Wallung versetzen, verpuffen leider ziemlich schnell wieder. Wenn z.B. nach drei Legislaturperioden, nach stetig zunehmenden Wahlverlusten, nach dem Auftauchen einer veritablen Bürgerbewegung (selbst wenn man die doof findet) und ähnlichen Betriebsunfällen die Antwort der CDU immer noch »Merkel« lautet, darf man auf keine Änderung hoffen. Es ist vielmehr dieselbe Show, die überhaupt erst zu der augenblicklichen politischen Sinnkrise geführt hat. Offensichtlich gehört es zum Selbstverständnis unserer Sonnenkönige, sich fürs eigene Versagen auch noch mit weiteren Karriereschüben belobigen zu lassen. Das hamse sich von den Banken und VW abgeguckt.


Kategorie: Politik, Gesellschaft

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