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Die spinnen, die Chinesen

08.08.2018

Zumindest, was ihre Heiratskultur betrifft.

Der Staatssender Phoenix brachte gestern einen dreiteiligen BBC-Bericht von einer britischen Falschblondierten, die sich das Reich der Mitte einmal im alltäglichen Alltag betrachten wollte. Sie entsprach ziemlich genau den Vorurteilen, die man von einer falschblondierten britischen BBC-Berichtbestatterin haben kann. Da mein internes Kühlsystem gestern etwas aus den Fugen geraten war, ließ ich mich von zwei Folgen aus dieser Reihe berieseln.

Das war aber durchaus interessant! Denn das offiziell kommunistische China gibt sich beim Thema Heirat einer schier unfassbaren Verschwendungssucht hin. Dahinter steckt eine veritable Heiratsindustrie: Es gibt z.B. Fotostudios, die sich auf Hochzeitsfotos vor der Hochzeit spezialisiert haben. Da werden angehende Brautpaare in ihrem festlichen Fummel vor allerlei kitschigen Kulissen wie am Fließband zu hunderten nacheinander abgelichtet, um den lieben Verwandten den bevorstehenden »schönsten Tag im Leben« möglichst romantisch, verliebt und zukunftsfest anzukündigen. Es werden Fotoalben angelegt und an Verwandte geschickt oder Filme gedreht, wie die Verliebten in Parks lustwandeln usw. Besonders schräg waren die Fotosessions mit »verliebten« Paaren, die man unter Wasser in ihrem vollen Ornat fotografierte. Durchnässte Fotosessions müssen wohl auf chinesische Verwandte ausgesprochen romantisch wirken.

Das gesellschaftliche Korsett »Heirat« hat bei den allermeisten Chinesen ziemlich festgezurrte Eigenschaften, wovon die teure Ausstattung dieses Ereignisses eine zentrale Rolle einnimmt. So hatte ein besonders verwandtschaftlich-standardisiertes Brautpaar, das nicht einmal besonders wohlhabend war, mal eben den Veranstaltungsraum eines Luxushotels für schlappe 70.000,- Euro am Abend angemietet. Die finanzielle Verausgabung beim Heiraten scheint im modernen China der Normalfall zu sein.

Heiraten ist in China also eher eine Show für die bucklige Verwandtschaft. Das ist jedoch, wenn man die traditionelle Familienorientierung der Chinesen berücksichtigt, bis zu einem gewissen Grad erwartbar. Für die BBC-Reporterin schienen die Kriterien der chinesischen Partnersuche und -bindung angeblich etwas verwunderlich. Denn chinesische Heiratswillige (zumindest die in den Mega-Metropolen) haben bei diesem Thema sehr dezidierte Erwartungen. Ein Mann, der seiner künftigen Frau z.B. keine Wohnung – möglichst auch mit Auto – bieten kann, hat es schwer, seine Angebetete (und deren Verwandte) von seiner »Liebe« zu überzeugen.

Von den Chinesinnen wurde als Mitgift indes vor allem erwartet, dass sie »schön aussehen«. Aber auch das kann in China durchaus ins Geld gehen. Wie die BBC-Tante berichtete, sind chinesische Werbeflächen förmlich zugekleistert mit Angeboten für Schönheits-OPs. Besonders hoch im Kurs stehen dabei »westliche« Schönheitsmerkmale wie größere Augenpartien (statt der asiatischen Mandelaugen) sowie spitzere Nasen wie bei uns Weißbroten. Aus anderen Berichten weiß ich, dass in Asien eine möglichst helle Haut als Schönheitsideal betrachtet wird, was zu einem exorbitanten Gebrauch von allerlei dubiosen Bleichmitteln führt. Das war übrigens auch schon so, als David Bowie noch sein Loblied auf sein »China Girl« trällerte.

Die BBC-Blondine kam dann natürlich auch ins Gespräch mit ihren Interview­partnern und meinte zu ihnen, dass es für sie als Westlerin – soweit es die finanzielle Seite einer Partnerschaft betrifft – lediglich Luft und Liebe als Heiratsgrund gäbe. Ja nee, is klar. Diese Idealvorstellung einer mitteleuropäischen Liebesheirat scheitert spätestens dann, wenn ihre Frau Mama dereinst die berühmte Frage nach dem Beruf oder dem Job ihres künftigen Schwiegersohns stellen wird. Und wie immer: Weder in China noch in Europa stellt sich diese simple Frage auch mal andersrum: »Kannst du einen Mann und eine Familie überhaupt ernähren?«. Wie war das noch mit der Emanzipation und den patriarchalisch falschen Rollenverständnissen? Alles heiße Luft!

Ein paar Kontraste gab es in dem BBC-Bericht aber auch. Da war diese Architektin, die zunächst mal ihre eigene berufliche Karriere im Blick hatte. Sie wollte von den üblichen chinesischen Heiratserwartungen vorerst nix wissen, was ihr natürlich den Groll der eigenen Mutter einbrachte, wie sie erzählte. Überhaupt fiel auf, dass in diesem auf Kommunismus geeichten Riesenreich die Gier nach Wohlstand und Luxus einen sehr hohen Stellenwert einnimmt – zumindest in den Megacities. Da gab es z.B. drei jungenhafte Lamborghini-Besitzer, die durch clevere Geschäftsideen schon früh zu Geld gekommen waren. Was die Jagd nach Statussymbolen betrifft, herrscht in China momentan noch eine echte Goldgräberstimmung. Was der olle Marx wohl zu diesem kommunistischen Turbo-Kapitalismus gesagt hätte? Die soziale Ungleichheit, welche ja bei uns zu Recht schwer in der Diskussion steht, ist im kommunistischen China sehr viel plastischer zu greifen als bei uns, wie's aussieht.

Auf der anderen Seite besuchte die Reporterin aber auch ein Pärchen, das als Wanderarbeiter in einer Riesenfabrik arbeitete und einmal im Jahr zum chinesischen Neujahrsfest nach Hause zu den eigenen Kindern fuhr. Die hatten sie nämlich dort bei den Großeltern zurücklassen müssen, um in der großen Stadt Geld verdienen zu können. Die Verhältnisse auf dem Land sind in China sehr bescheiden, doch verglichen mit früheren Katastrophen wie dem von Mao initiierten »großen Sprung nach vorne«, der flächendeckenden Zwangsindustrialisierung mit zig Millionen Hungertoten als Folge, waren die Leute vom Land mit ihrer augenblicklichen Lebenssituation einigermaßen zufrieden. Nur gibt dort es halt keinen Luxus und keine großen Extras. Dumm oder einfältig sind diese einfachen Menschen aber trotzdem nicht: So erzählte der Ehemann, dass sie diejenigen sind, die für den Wohlstand anderer am meisten schuften müssen und dass das ziemlich unfair sei.

Amüsant war, wie sich die britische Berichtbestatterin gefühlt alle paar Minuten über ihr eigenes Single-Dasein ausließ. Offenbar war sie getriggert von dem chinesischen Heiratspomp, von den dollen Brautkleidern und dem ganzen anderen bunten Schnickschnack. Es ist immer wieder faszinierend, mit welchen einfachen, kitschigen Maßnahmen man die Frauenwelt in Wallung versetzen kann; nicht nur in China.

Schließlich landete sie bei zwei Surfern, die sie »wie alle Surfer auf der Welt« ziemlich cool fand. Sie nahm sogar Surfunterricht, war aber am Ende enttäuscht, dass sich aus dieser geschäftlichen Beziehung dann doch wieder kein Flirt ergeben hat. Wo sie doch so alleine und so ein britischer Single war! Nur war für mich als Mann zu keinem Zeitpunkt ersichtlich, wie needy diese Tante im Grunde war. Der Wunsch nach erotischer Zweisamkeit beherrschte sie die den ganzen Bericht über. Die Info »ich suche jemanden zum Fummeln« existierte jedenfalls nur in ihrer eigenen Gedankenwelt und weil die chinesischen Männer durchweg höflich, zurückhaltend und sogar stellenweise sehr scheu rüberkamen, war sie am Ende, was diesen Punkt betrifft, etwas enttäuscht. Da fährt sie um die halbe Welt, um einen Kerl abzugreifen, und dann das!

Eine höfliche Zurückhaltung im zwischenmenschlichen Umgang ist in China anscheinend sowieso oberstes Gebot. Die Britin versuchte z.B. regelmäßig, ihre chinesischen Interviewpartner mit ihren hipstermäßigen Umarmungsritualen zu begrüßen, was bei den so Umgarnten sichtlich für körperliches Unbehagen sorgte. Vielleicht geht das in so einem Ameisenhaufen wie in China auch gar nicht anders.

Wer's in der Mediathek nochmal nachschauen möchte: Die drei Folgen hießen »So tickt China« und liefen gestern auf Phoenix. Doch, kann man sich ansehen, trotz der falschblondierten BBC-Berichtbestatterin.

 


Kategorie: Male, Female, Politik, Gesellschaft

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