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Vorsicht Kultur • »Bohemian Rhapsody«

02.02.2019

Ein Film für Nostalgiker; mit viel Taschentuch-Potenzial.

Es gibt nur wenige Songs, die das Genre »Glamrock« so verkörpern wie »Bohemian Rhapsody«. Als der erschien, wohnte ich noch in den Niederlanden und es gab samstags immer eine Musiksendung – lange vor MTV oder VIVA – in der die neuesten Popsongs vorgestellt wurden. Am Montag nach der Vorstellung von Bohemian Rhapsody war die Welt eine andere, denn die ganze Schule palaverte nur noch über diesen einen Song. So etwas hatte noch niemand gehört und es gab mehrere Tage kaum ein anderes Pausenthema als dieses epische Werk; er führte wochenlang die Charts an.

Der Film »Bohemian Rhapsody« ist ein Biopic über Freddy Mercury und die Band Queen, der 2018 erschien. Obwohl er an manchen Stellen wie ein sentimentales Rührstück daher kommt, lohnt es sich schon aus nostalgischen Gründen, ihn anzusehen. Kaum eine Band hat das Lebensgefühl mehrerer Generationen so geprägt wie diese britische Band. Der Streifen konzentriert sich natürlich in der Hauptsache auf den schillernden Frontman Mercury, bietet aber auch einige Einblicke in die Dynamiken der Band. Die Rollen sind überzeugend besetzt, insbesondere natürlich durch Rami Malek als Freddy Mercury. Aber auch die anderen Bandmitglieder werden glaubwürdig verkörpert, ohne in den bekannten Star-Gigantismus zu verfallen, den man den Musikern leicht hätte andichten können aufgrund ihres musikalischen Erfolges.

Mercury, der eigentlich Farrokh Bulsara hieß und aus dem heutigen Tansania kam, war ein Besessener. Als Komponist konnte er spielend, aber immer überzeugend zwischen den unterschiedlichsten Stilrichtungen hin und her wechseln. Das Album »A Night At The Opera«, mit dem Queen 1975 den endgültigen Durchbruch schaffte, veranschaulicht diese enorme kompositorische Bandbreite. Es gibt nur wenige Alben überhaupt, die als Gesamtwerk in sich so schlüssig und komplett wirken wie dieses Album. Was im Song »Bohemian Rhapsody« stilistisch in einem einzigen 6-Minuten-Epos an Stileinflüssen verdichtet wurde, findet sich auch im gesamten Repertoire dieser Produktion wieder. Von Dixieland der 1930er Jahre (Good Company) über Ragtime (Seaside Rendezvous) und Hardrock (Sweet Lady) bis hin zu experimentellen Avantgardestücken (Prophet's Song) ist es eines der in sich abgeschlossensten und perfektesten Gesamtkunstwerke der modernen Musikgeschichte.

Das Album führt auch im Film zu einer sehr amüsanten Schlüsselszene. Denn »Bohemian Rhapsody« war dem damaligen EMI-Produzenten »Ray Foster« (eine erfundene, stellvertretende Figur, gespielt von Mike Myers) für eine Single-Auskopplung viel zu lang – immerhin sechs Minuten. Niemand würde so etwas im Radio spielen, behauptete er, und überhaupt könne keiner etwas mit diesem schrägen mittleren Opera-Part und seinen kryptischen Texten (Bismilla, Galileo, Figaro) etwas anfangen. Nun, dieses Urteil wurde bekanntlich zu einem der berühmtesten Irrtümer in der Rockhistorie – und das obwohl Foster zuvor das Album »Dark Side Of The Moon« von Pink Floyd produziert hatte (zumindest im Film). Überlange, experimentelle Songs waren also für die Plattenfirma kein Neuland. Leider ist das ein immer wiederkehrendes Problem in der Musikbranche – auch wenn diese singuläre Szene für den Film erfunden wurde.

Die geldgebenden Produzenten haben sich schon viel zu oft aus kommerziellen Erwägungen heraus den vom augenblicklichen Trend abweichenden künstlerischen Entwicklungen ihrer Musiker verweigert; es gibt zahllose Beispiele. Auch solche Größen wie Jimi Hendrix hatten mit diesem Problem zu kämpfen. Hendrix sollte immer den wilden Mann spielen, obwohl sein künstlerisches Schaffen in den letzten Jahren seines viel zu kurzen Lebens deutlich zu mehr jazzigen Einflüssen tendierte. Inzwischen hat man als Musiker nur noch selten die Möglichkeit, sich in künst­lerischer Hinsicht zu entwickeln. Vielmehr ist es schon lange so, dass gezielt Musiker ausgesucht werden, die zu einer kommerziell erfolgreichen Stilrichtung passen. Oft genug handelt es sich dabei um ziemlich talentlose optische Aushängeschilder, die ausschließlich dafür gebucht werden, um den Geldfluss aufrechtzuerhalten. Musik wird heutzutage eher wie eine neue Margarine oder ein neues Modelabel geplant; es geht eigentlich nur noch um Reibach und die Künstler sind oft genug völlig austauschbar.

In Zeiten von Genderismus und Feminilismus hätte man vielleicht erwartet, dass »Bohemian Rhapsody« als Film Freddy Mercurys Homosexualität (die er selber nie öffentlich eingestanden hat) zum üblichen modernistischen, moralistischen Monstrum erhebt. Immerhin war Mercury ein musikalisches Ausnahmetalent und viel zu leicht hätte man diesen Umstand als »Beweis für die Notwendigkeit der Sichtbarmachung homosexueller Lebensentscheidungen« o.ä. aufbauschen können, doch der Film ist klug genug, darauf zu verzichten. Das mag natürlich auch daran liegen, dass der Streifen aus kommerziellen Gründen die übliche US-puritanistische »Familientauglichkeit« beibehalten wollte. So kommt es, dass das Schwulsein Mercurys nie (bis auf ein paar modische Extravaganzen vielleicht) überzeichnet wird, selbst dann, wenn sie aufgrund seiner tatsächlichen Ausschweifungen (vor allem in Mercurys Münchner Zeit 1975-1985) eigentlich einen bedeutenden Lebensabschnitt einnimmt.

Dafür zieht sich – wie auch im realen Leben Mercurys – sein Verhältnis zu der aus London stammenden Verkäuferin Mary Austin wie ein liebevoller roter Faden durch den gesamten Film. Die beiden hatten sich anfangs immerhin einander versprochen und wollten heiraten. Ihre freundschaftliche Beziehung dauerte bis zu Mercurys Tod in 1991 und Austin wurde von Freddy Mercury auch in seinem Erbnachlass bedacht.

Ebenso versöhnlich wird Mercurys Verhältnis zu seinem Vater zu Ende geführt. Der hatte – wie wohl die meisten Väter – anfangs wenig Vertrauen in Freddys Pläne für eine musikalische Laufbahn. Freddy hat seine homosexuellen Neigungen erst gegen Ende seines Lebens im privaten Familienkreis bekanntgegeben, als er bereits wusste, dass er unheilbar an AIDS erkrankt war. Anders als heute gab es damals keine wirksamen Therapien, die die Folgen dieser Immunschwäche im Zaum halten konnten – wobei auch heute noch eine AIDS-Erkrankung keinesfalls als Spaziergang angesehen werden kann. Ich kenne selber einige Betroffene (Männer wie Frauen). Das wünscht man niemandem.

Das Wissen um die absehbare Endlichkeit seines Daseins bringt Mercury in »Bohemian Rhapsody« schließlich auch wieder mit seiner Band Queen zusammen, von der er sich zwischen­zeitlich getrennt hatte. Das erzählt der Film allerdings nur aus dramaturgischen Gründen so; die wahre Historie gibt das nicht her.

Mercury konnte ein echtes Arschloch bzw. Ego sein und der Umstand, dass er heimlich mit CBS einen mehrere Millionen Dollar schweren Solo-Vertrag abgeschlossen hatte, ist den anderen Bandmitgliedern sehr übel aufgestoßen (ebenfalls erfunden; eine Bandauflösung im klassischen Sinn gab es nicht).

Den Tod vor Augen, kann er sich dann aber doch auf sein eigentliches Lebensmotto rückbesinnen »Ein Künstler kann für die Menschen ein Stück Himmel greifbar machen«. Und so bringt er die Truppe für das von Bob Geldorf initiierte Benefiz-Konzert »Life Aid« im (alten) Londoner Wembley-Stadium zusammen. Es gibt wohl kaum einen besseren Beweis für die Fähigkeiten Mercurys als Entertainer als dieser (nur) 20-minütige Auftritt.

Der Film »Bohemian Rhapsody« mag an vielen Stellen historisch ungenau sein und öfter mal auf die sentimentale Tränendrüse drücken. Trotzdem sind die schauspielerischen Leistungen auf einem hohen Niveau; nicht nur durch die Performance von Rami Malek (Freddy Mercury). Als Musiker wäre mir natürlich mehr an den kompositorischen bzw. musikalischen Entwicklungen gelegen gewesen (statt Herzschmerz-Patina), aber das ist lediglich eine persönliche Einschätzung. Insgesamt ist der Film aber schon aus nostalgischen Gründen empfehlenswert. The Show Must Go On.

Nun mag sich vielleicht nicht jeder Musikinteressierte von derartigen Storys à la »Opa erzählt vom Krieg« begeistern lassen. Aber offensichtlich macht der Song »Bohemian Rhapsody« sogar den Youngsters, die noch nie etwas von Queen gehört haben, auch heute noch große Augen:

 


Kategorie: Kultur, Musik

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