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Herr der Kalendersprüche

23.06.2019

Und siehe da, es kam der evangelische Kirchentag darnieder!

Unser geliebter Herr Bundespräsident (das war dieser alte, weiße Heteromann mit der Fielmann-Brille und dem grünen Schal auf dem ev. Kirchentag in Dortmund) hat ein faszinierendes Talent, mit sehr vielen warmen Worten quasi nichts auszusagen. Ich bewundere das bis zu einem gewissen Grad sogar, sozusagen als eine eigene Kunstform, wie »unterzuckerter Poetry Slam«, wenn man so will, nur ohne Reime.

Gut, ganz ausverkauft war die Steinie-Show in Dortmund jezz nicht. Aber die Stimmung war trotzdem seelig unter den »Lieben Schwestern und Brüdern (peinlich genau stets in dieser Reihenfolge)«. Für diese Anrede musste er übrigens zuhause vorm Spiegel lange proben, denn für einen »Old School Boy« bzw. einen »alten weißen Mann mit Toxiditätshintergrund« ist es schon von seiner Sozialisation her schwierig, sich in unseren frauenbefreiten Zeiten auf neue Rollenverständnisse einzulassen. Geht mir auch so.

Unter anderem wollte er was zum Thema »Digitalisierung« sagen, aber man merkte, der arme Mann ist bei diesem Thema genauso verloren wie sein eigener Redenschreiber.

Dieses nebulöse Internet macht unsere Hochwohlgeborenen meistens ziemlich nervös, hat man den Eindruck. Rein technisch können sie sowieso nix dazu sagen. Ob diese Herrschaften nun bei »0,75G« Bandbreite, bei »3G« oder beim neuesten »5G« lahmarschig ihre Kalendersprüche ins Netz tipseln, spielt für den weiteren Verlauf der Geschichte überhaupt keine Geige. Für die müsste man die Daten­übertragung in Deutschland jezz nicht unbedingt schneller machen, sie können eh nix damit anfangen. Und deshalb ist wahrscheinlich unser schönes Land auch eines der Schlusslichter beim Breitbandausbau; ich glaube sogar noch hinter Albanien und Peru (aus meiner Erinnerung). Unsere Sonnenkönige und etliche ihrer diversen »Schwesterinnen und Brüder*Innen« sind mit diesem Internet noch nie warm geworden.

So wie Merkel einmal vor Jahren bei der Eröffnung irgendeiner Cebit: Da wurde ihr an einem Messestand (war's Intel?) verklickert, dass die neueste CPU-Generation in deren Notebooks nochmal schneller, kleiner und damit sparsamer geworden sei, verglichen mit dem Jahr davor. Das fand sie hochinteressant, denn laut ihr wären dann ja diese Notebooks »nicht mehr so schwer« zu tragen. Merkel hat Rücken!

Jedenfalls suggeriert Steinie, dass das zentrale Problem mit diesem Internet vor allem diese »Hater« und diese »Shitstorms« sind und nicht irgendwelche technischen Spitzfindigkeiten, mit denen sich die ahnungslosen Fachminister ständig rumschlagen müssen. Das Wort »Shitstorm« musste er scheinbar regelrecht ablesen; kannte er wohl noch nicht. Vielleicht war's ihm auch peinlich, das Wort überhaupt auszusprechen, keine Ahnung. Immerhin musste er an der Stelle nicht »Scheiße Sturm« sagen. Der Englisch-Grundkurs im Bundestag hat also doch was gebracht!

Es stimmt ja auch: Die Umgangsformen in den digitalen Plapperbuden sind oft nicht die feinsten. Rein juristisch betrachtet stehen Ärgernisse wie Beleidigung, Bedrohung, Volksverhetzung usw. zwar schon jezz unter Strafe. Man muss also gar keine wirklich neuen Strafandrohungen erfinden, nur weil es nun dieses mysteriöse Internet gibt. Man muss noch nicht einmal solche Stasi-Surrogate wie diese halbstaatliche »Amadeus ohne Mozart Stiftung« (oder so ähnlich) von der Leine lassen. Die sollen ja unter Leitung einer ehemaligen Stasi-Tante dafür sorgen, dass im Netz nur Meinungen verbreitet werden, die sich zur marktkonformen Demokratie bekennen. Trotzdem sprießen allüberall in den »Beletages« der Politik umfassende Verbots- und Zensurgelüste, mit denen man das aufgekratzte Fußvolk im Netz noch stärker zur politischen Friedhofsruhe verdonnern will. Gerade die »totalitären« Gedanken, die man so oft im Netz findet, möchte man TOTAL verrrbieten und mit Stumpf und Stiel ausrrrotten.

Der Rest ist bekannt: Nicht nur zerstören Verbotsjunkies und Zensurfanatiker damit letztendlich jedwede Debattenkultur und errichten im Endstadium eine astreine Gesinnungsdiktatur. Schließlich zerfleischen sie sich sogar gegenseitig: Das »zwölfjährige Reich« ist ein gutes Beispiel für solche denunziatorischen Eifersüchteleien, tödlichen Intrigen und unnachgiebigen Revierkämpfe im subalternen Personalmorast der zahlreichen Paladine. Nobody's safe!

 

Mumus malen

Frauen haben mit diesem maskulinen Alpha-Beta-Geschacher bekanntlich weniger am Hut, obwohl es bei echten Zickenkriegen oft noch viel heftiger scheppert als bei den Tüpen. Aber meistens reicht es als Entspannungssignal aus, wenn man aufgedrehten Pullertruden ein Malbuch zum Malen von Vulvas in die Hand drückt, so wie auf dem ev. Kirchentach geschehen. Das hamse gerne! Vulvas malen als Ausdruck der weiblichen Selbstbestimmung und für die Überwindung der weiblichen Scham, lautete die Vorgabe (so ähnlich jedenfalls). Sie lieben halt all diese südlicheren Themen; was willste machen! Männer sind doch nur sexfixiert.

Nicht, dass man diese kulturevolutionäre »sexuelle Befreiung der Mumu an und für sich« nicht schon tausendfach versucht hätte. Als Teen habe ich mal als Küchenhilfe bei einem feminilistischen Wochenend-Entschämungskurs für FrauInnen gearbeitet (echt jezz). Natürlich waren die eigentlichen Seminarmodule für jeden Mann unter Androhung einer öffentlichen Kastration tabu, aber in den Raucherinnenpausen oder beim Essen konnte man der fortschreitenden sexuellen Selbstermächtigung dieses Wohlstands-Hühnerhaufens durchaus gewahr werden: Je alberner und je mehr Gegiggel, desto sexuell befreiter anscheinend. So richtig haben diese Seminare dann aber doch nicht funktioniert, denn die meisten Teilnehmerinnen mussten sich in zahlreichen Wiederholungskursen immer wieder aufs Neue entschämen lassen. Those were the days.

 

Links, zwo, drei, vier

Eine interessante, längere Diskussion zum ewigen Evergreen der Debattenkultur »Links vs. Rechts« gab es neulich bei Man Tau. Das Thema kann einem durchaus schwer im Magen liegen, zugegeben. Die Debatte ausgelöst hatte ein Beitrag von Gunnar Kunz, der sich nach eigenen Worten als linksliberal verortet. Mein Fazit wäre in diesem Zusammenhang: Offensichtlich ist es sinnvoll, sich von nerven­aufreibenden Links-Rechts-Schemata langfristig zu lösen. Anstrengend, aber notwendig. Wir schaffen das! Alles Weitere hier.

 

Left, two, three, four

Auch interessant im Zusammenhang mit »Links vs. Rechts«: Ein Interview im NOVO-Magazin mit der britischen, als »linksorientiert« eingestuften Politikerin Claire Fox, die in die Brexit-Partei gewechselt ist. Wir erinnern uns: Das war die Partei, die neulich bei der EU-Wahl in Kleinbritannien am stärksten hinzugewonnen hatte. Bei unseren brüsseler Superdemokraten löst diese Partei derzeit eine Menge Stresspusteln und eine galoppierende Schnappatmung aus, denn es ist diesen EU-Zentrokraten komplett unheimlich, dass da jemand ihren europäischen Wasserkopf einfach nicht mögen will.

Ich kann mich nicht einfach vor die Wähler stellen und sagen „Ich werde diese und jene Gesetzesvorlage einbringen“, weil das Europaparlament dem Demokratiegedanken Hohn spricht. Letztlich darf man als Mitglied des Europaparlaments gar nichts machen.


Claire Fox berichtet über die durchaus vielschichtigen Wählerwanderungen in diese Partei. Und nein, in Kleinbritannien wohnen nicht nur lauter Deppen, die seinerzeit beim Brexit-Referendum blöderweise mit dem Wahlstift ausgerutscht sind: Ups, verwählt! Es gibt unter den New-Brexiteers sogar welche, die ursprünglich mal gegen den Brexit waren, aber nun, da der Brexit einfach so auf den Sankt­nimmer­leins­tag verdebattiert wird, am liebsten selber mal ein gepfeffertes »ORDER!« loswerden wollen. Das hat nämlich was mit grundlegenden demokratischen Basics zu tun, aber damit tun sich die Großkopferten an den Futtertrögen der Macht bekanntlich generell sehr schwer. Deren Attitüde erinnert mehr an »Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst...«. Dieses Ding, dass jede Regierung am liebsten so lange wählen lassen würde, bis das dumme Wahlvieh endlich die »richtige« Politik wählt, gibt es ja nicht nur in England.

 

Malleus maleficarum

Die Hexen kommen wieder: Laut FAZ ist die Mode-, Pop-, Literatur- und Feminilistinnenszene gerade hip und wech wegen eines wiederauferstehenden Hexenkults. Nicht nur ist das Hexenthema DAS Laufstegthema der Saison, nein:

[...] Ebenso auf den Straßen von New York und Washington, wo sie sich in großen „Hexenrunden“ versammelt, um Männer wie Präsident Donald Trump oder den Supreme-Court-Richter Brett Kavanaugh mit Flüchen zu belegen.


Wird J.K. Rowling etwa die nächste US-Präsidentin? Müssen Donald Trump und Vladimir Putin ins Gefängnis nach Askaban? Wo ist Dobby, der Hauself? Wird Johnny Depp uns alle vernichten?

Immerhin widmet die FAZ diesem leicht morbiden Thema geschlagene drei Internet­seiten. Und natürlich sind die neuen Hexen nicht einfach nur ein Verkleidungs­gimmick, sondern kommen selbstverständlich mit einer Komplett­ausstattung an weiblichen Superkräften daher:

Die Hexe verkörpere einen intuitiveren, also, um in altmodischen Kategorien zu sprechen: einen „weiblicheren“ Zugang zur Welt, zur Natur. Sie stehe für eine Auflehnung gegen die vom Patriarchat geprägte Sicht und ihre normativen Regeln, sagt Chollet. Und da diese in den vergangenen Jahren, etwa durch die Wahl von Donald Trump, die Weinstein-Affäre und die drohenden Klimakatastrophen spürbar ins Wanken geraten ist, wirke die Hexe in diesem (befreienden) Chaos wie ein Wegweiser.


Ja, so ungefähr hatte ich das befürchtet. Zu schade aber auch, dass die Frauen nun schon wieder seit Jahrhunderten abgeschieden in ihren Hexenhöhlen leben mussten (wg. Patriarchat und so) und rein gar nichts zur gedeihlichen Entwicklung der Welt beitragen durften!

Wie schäbig die alten weißen Männer beispielsweise mit mittelalten weisen Frauen umgehen, konnte man ja u.a. bei Andrea Nahles erleben. Hätte man ihr damals ihre rituellen Gesänge im Bundestag vollumfänglich zugestanden (»Widde-widde-witt«), dann ginge es Deutschland (und der SPD) heute besser! Aber so...

 

Sie ist wieder da

Ja, es gibt sie noch und ja, sie heult immer noch im Internet darüber rum, dass Frauenfiguren in Videospielen ihrer Ansicht nach nicht genügend Respekt gezollt wird: Anita Sarkeesian. Ihr Fazit: Es hat sich nix zum Weiblichen verbessert. Dabei gehört es mindestens seit 1945 zu den originären Frauenrechten, dass in Video­spielen mehr Spielfiguren mit Polygonbusen abgebildet werden müssen. Immerhin beschließt die FAZ diesen Beitrag recht versöhnlich und klug mit folgendem Fazit:

Und wer sich fragt, warum ein Spiel nun durch eine weibliche Heldin besser werden sollte, der sollte sich vielleicht stärker mit dem anderen großen Thema beschäftigen: der Frau vor dem Videospiel.

 

Cuntpics malen in der Öffentlichkeit, Hexenbudenzauber als Heilsversprechen, öffentliche Flüche und Verwünschungen, die epische Krise der Tamponsteuer, unfähige Quotenfrauen in Führerposen – man möchte manchmal kaum glauben, dass wir im 21. Jahrhundert leben. Und ja: Eine Schlagzeile wie »Geliebte Bundesregierung plant vermehrten Ausbau von Lang­häusern und Menstruations­hütten« wäre ganz im Sinne modernster Gedönsforschung. Believe me!

So, und jezz werde ich mir mal (aus Gründen der ausgleichenden Geschlechter­gerechtigkeit) auf Youtube ansehen, wie man die schönsten Dickpics malt.

 


Kategorie: Politik, Gesellschaft, Male, Female

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