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Heute geht es mal nur um mich

06.11.2019

Ein kleiner Zwischenbericht aus der Welt der Krankenhäuser, Pflegedienste und Krankenschwesterinnen.

Also: Als ich mitten im heißen Sommer 2019 bei meinem Hausarzt mit Krücken und heftigen Kniebschwerden aufkreuzte, schickte er mich sogleich in die Notaufnahme des größten Krankenhauses hier am Ort. Das ist so ein subventionierter Protzbau, der komplett auf Effizienz getrimmt ist und der Abweichungen von irgendwelchen medizinischen Standardprozeduren kaum zulässt. Das war auch mein Verhängnis: Weil ich nicht zuvor beim Facharzt gewesen war (Orthopäde), kam die Sonderfunktion »Vom Hausarzt direkt ins Krankenhaus« nicht zur Anwendung. Syntax Error!

 

"Sie haben hier in meiner Notaufnahme nix zu suchen"

Ich hab's trotzdem versucht. Man erfasste mich sogar zunächst im »größten städtischen Krankenhaus aller Zeiten« lang und breit EDV-technisch und wies mich an zu warten – unter Androhung immens langer Wartezeiten (was stimmte). Ich war ja froh, dass überhaupt etwas passierte und ergab mich in mein Schicksal.

Als ich nach etwa 2,5 Stunden schließlich in den eigentlichen Behandlungsbereich humpelte, eröffnete mir der empfangende Arzt, dass er mich gar nicht behandeln könne, denn ich wäre ja noch nicht bei einem Spezialisten gewesen. Das stimmte sogar. SO wäre nämlich das allgemeine Prozedere in unserem Gesundheitssystem. Und DAS sollte ich gefälligst erstmal nachholen, bevor er mich mit seinen strahlenden, fachmännischen Augen überhaupt anschauen könne.

Der Ton dieses Quacksalbers war von Anfang an ätzend, pampig und wenig vertrauenserweckend. So einer formaljuristischen Funktionsdrohne möchte man sich lieber nicht medizinisch anvertrauen. Dem würde ich noch nicht mal meinen Briefkastenschlüssel anvertrauen. Wir disputierten noch ein bisschen sinnfrei hin und her, aber außer der Tatsache, dass er sich als Platzhirsch in Szene setzen wollte, kam nicht viel dabei rum und ich bin schließlich unter üblen Schmerzen wieder von dannen gehumpelt. Wofür hatte ich jezz gleich 2,5 Stunden gewartet?

 

Schwester Olga und die christliche Nächstenliebe

Aufgenommen hat mich schließlich die Notaufnahme eines tief katholisch geprägten Krankenhauses in einer Nachbarstadt. Die Städte im Ruhrgebiet liegen ja wie an einer Perlenschnur aufgereiht aneinander und man merkt kaum, wo die eine Stadt endet und wo die nächste anfängt. Aber das ist eine andere Geschichte für später.

Man gönnt sich dort sogar eine kleine Kapelle, deren heimeliges Geläut jeweils morgens und abends zur Andacht bimmelt. Und im TV-Angebot dieses frommen Hospitals ist stets ein Kanal für den Blick in eben jenes Kapellchen reserviert. Meistens sieht man nur ein paar Kerzen brennen, aber zu den Messen gibt's natürlich mehr religiöse Action.

Statt »Krankenfabrik, Effizienz-Apparatschiks und schlecht gelauntes Personal« (wie zuvor in meiner Heimatstadt) traf ich plötzlich auf echte Menschen, echte Besorgnis, echte Anteilnahme und (endlich) echte ärztliche Untersuchungen. Am liebsten hätten sie mich sofort da behalten, aber das wollte der störrische Stadtmensch nicht. Für eine fette Krankheit hatte ich doch keine Zeit! Wir vereinbarten also einen Folgetermin ein paar Tage später. »Ich bin doch nicht so krank, dass man mich sofort aus dem Verkehr ziehen muss«, war meine laienhafte Auffassung. War ich aber (also kränkelnd).

Es folgten etliche Untersuchungen und Operationen, den lieben langen Tag. Sie waren zwar teilweise etwas lästig (Kaffee-/Frühstücksverbot), aber immerhin verstehe ich jezz, was Michael Jackson an Fentanyl so geil fand. Ja, das hat was. Kann man sich dran gewöhnen. Nicht zu Hause nachmachen, Kinder!

In dieser Zeit wurde ich u.a. von einer ziemlich korpulenten Krankenschwester namens Olga (Name frei erfunden) umsorgt, die sich als Krankenschwester aus »Oberrrschlääsien« vorstellte.

»Wisse Sie, wenn ich sage meine Stadt in Polnisch, niemand kennt. Darum ich sage immerr ›Oberrrschlääsien‹. Jäder kennt, wisse Sie!«.


Schwester Olga war scheinbar derart besorgt um mich, dass sie gleich am dritten Tag nach meiner Einlieferung dringend nachsehen wollte, ob ich evtl. meinen Hintern schon wundgelegen hatte. Nach nur drei Tagen! In einem Krankenbett! Nein, soviel christliche Nächstenliebe war mir dann doch suspekt und ich habe die Untersuchung abgelehnt.

Gänzlich irritiert war ich dann ein paar Tage später von ihrer oberrrschlääsischen Kreativität in Sachen »moderne OP-Bekleidung«. Denn für die weitere Verabreichung von Medikamenten, Infusionen usw. wollte man mir einen sog. »Port« (Portkatheder) legen. Das ist quasi eine Schnittstelle, über die die modernen Schamanen ihre Patienten mit allerlei lebenswichtigen Flüssigkeiten betanken können – bis hin zur Ernährung. Sehr praktisch! Nie wieder Geschirr spülen!

Nein, eine USB- oder eine RJ45-Schnittstelle wird bei dieser Maßnahme grundsätzlich nicht verbaut, wie ich lernen musste. Auch meine Frage nach einem schönen Sixpack wurde leider von der hübschen Operateurin abschlägig beschieden. Interessanterweise war ich nämlich während der gesamten Operation im Wachzustand. So konnte ich mich mit der hübschen Operateurin unterhalten, während sie hoch konzentriert und routiniert an mir rum schnippelte. Doch, hat mich ziemlich beeindruckt! Hübsch war sie außerdem, aber das darf man ja heutzutage nicht mehr sagen.

Doch zurück zu Schwester Olgas unheimlicher OP-Mode. Schwester Olga hatte mir nämlich für die Port-OP ein recht eigenartiges OP-Dress gebastelt. Es bestand aus einem dieser typischen OP-Hemdchen, die man auf dem Rücken zubindet. So was lag ja noch im Rahmen meiner Erwartungshaltung. Während der OP wurde es natürlich abgenommen.

Nur der Fummel, den Schwester Olga mir für meinen Intimbereich zugedacht hatte, passte irgendwie rein gar nicht zur anstehenden Operation. Das Konstrukt bestand aus einem völlig unerotischen, medizinischen String-Tanga mit einer darin lose eingelegten dicken Binde. Hä? WTF?

Mit dem Aspekt »männliche Anatomie« hatte diese Monsterbinde rein gar nix zu tun. Der »Port« wurde ja im oberen Bereich des Brustkorps (ein paar Zentimeter unterhalb des Schlüsselbeins) gelegt. Ich hätte also für die OP auch in einer abgewetzten Jeans oder in einer Badehose kommen können.

Außerdem war mir völlig schleierhaft, wogegen die gigantische Binde überhaupt helfen sollte. Bekommt man Durchfall während oder nach der OP? Akute Blasenschwäche? Peinliche Erektionen? Irgendwas?

Solche Binden kannte ich übrigens noch von meiner Ex. Sie musste die Dinger nach ihrem Dammschnitt bei der Geburt unserer Tochter einige Tage lang tragen (wegen evtl. Nachblutungen). Aber für eine Port-OP im oberen Brustbereich hatte eine 3 cm dicke/10 cm lange Watte-Binde in einem Tanga, direkt an meinem empfindlichen und sensiblen Gemächt, wo sie latürnich auch noch ständig unangenehm verrutschte, keinerlei Bedeutung – außer vielleicht in den schrägen Phantasien einer korpulenten oberrrschlääsischen Krankenschwesterin.

Moment mal: Vielleicht sind auch nur Frauen in der Lage, solche Mega-Binden mit einer Art »Schnappfunktion« in die anatomisch korrekte Lage zu bugsieren; könnte ja sein.

Rein bauchgefühlt war Schwester Olga nach der OP, als ich wieder auf meinem Zimmer lag, scheinbar etwas enttäuscht, denn ich hatte längst wieder meine übliche Lazarettkluft angezogen und ihr modisches OP-Accessoire demonstrativ auf meinen Nachttisch drappiert, so dass es auch ja jeder sehen konnte. #TooLate!

Inzwischen habe ich ein paar Chemo-Therapien hinter mir. Nach der dritten eröffnete mir eine der anderen Schwestern so ganz nebenbei, dass man anfangs nicht gewusst hätte, ob ich die Therapien überhaupt vertrage bzw. überlebe. Knapp vorbei ist auch daneben, hehe.

Für ein allgemeines Femi-Bashing (eines meiner Lieblingshobbys) taugen meine trivialen Anekdötchen hier allerdings nicht. Denn ich habe die Schwesterinnen und Ärztinnen – sogar die besorgte Schwesterin Olga – als überwiegend warmherzig, professionell und ermutigend erlebt.

 

Ausblick

Ausblick gibbet diesmal nicht. Krebs ist halt tückisch; mehr kann man dazu nicht sagen. Man muss es nehmen, wie es gerade kommt; ein täglicher Kampf. Ich hoffe, ich habe euch bis hierher nicht gelangweilt und ich hoffe, dass ich ab und zu den einen oder anderen Monolog schreiben kann. Stoff für Monologe gibbet schließlich genügend. So I'll be back – most likely.

Nach soviel Tristesse und Monsterbinden-Horror wie immer noch etwas zum Schmunzeln:


Kategorie: Diverses

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06.11.2019

Ein kleiner Zwischenbericht aus der Welt der Krankenhäuser, Pflegedienste und Krankenschwesterinnen.

Kat: Diverses