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Man muss auch mal loben können

30.01.2019

Die gestrige »Anstalt« (ZDF) über »25 Jahre Deutsche Bahn AG« war nicht schlecht.

Manchmal verirren sich die Macher der Satiresendung »Die Anstalt« in den bekannten Mythenbildungen dieser Republik; etwa wenn es um die armen Frauen geht, die ja bekanntlich im hiesigen »Patriarchat« angeblich schlimmer als Hunde behandelt werden. Da hatte die Anstalt schon einige üble ideologische Ausrutscher, besonders wenn diese Dauernervensäge Carotin Taubenuss aus Köln ihre Standardnummer »Männer doof« aufführen durfte.

Aber ab und zu gibt es das, was man heutzutage bei den gleichgetakteten Medien so schmerzlich vermisst: Hintergrundinformationen, Aufklärung, das Nennen von Ross und Reiter. Das ist auch dringend nötig, denn allzu oft werden politische Missstände in unseren geliebten Medien in der bekannten Relotius-Manier als eine Art Naturgewalt mystifiziert, wie zum Beispiel beim Thema Globalisierung. Angeblich kann nämlich kein Mensch etwas dagegen machen, weil diese Globalisierung ganz von selber auf die Erde hernieder kam und uns für alle Zeiten unabänderliche Zwangsverhalten aufoktroyierte. Gute Löhne, ein Sozialsystem (das den Namen auch verdient), weniger exorbitante Einkommensverteilungen, ein funktionierendes Rentensystem – all das, so heißt es, müssen wir leider, leider zukünftig abschreiben, weil Globalisierung und so. Nein: Die Globalisierung wird selbstverständlich von Menschen gemacht und ist ebenso von Menschen modifizierbar, sofern sie aus dem Ruder läuft.

Gestern hatte die Anstalt das Thema »25 Jahre Deutsche Bahn AG« im Blick. Ja, die Bahn musste in den letzten Jahren viel Kritik aushalten. Der Postillion schrieb zum Beispiel – nicht unberechtigt – dass die Bahn für ihre Fahrpläne demnächst eine Glücksspiellizenz beantragen muss. Wer als Pendler auf dieses Transportmittel angewiesen ist, kennt die täglichen Dramen. Züge kommen massiv zu spät, Anschlüsse funktionieren nicht mehr und in der Summe weitet sich so ein regulärer 8-Stundenjob zu einer manchmal 12-stündigen Odyssee durch die Niederungen der bundesbahnschen Logistik aus. Ich dachte, wir waren schon mal weiter als dieser neumodische Manchester-Kapitalismus mit seinen überlangen Arbeitstagen, nach denen man nur noch halbtot ins Bett fallen kann. So bekommt man jedenfalls keine »motivierten Mitarbeiter«.

Bemerkenswert ist, wie die Bahn ihre unterirdische Pünktlichkeit berechnet: Züge mit einer Verspätung von bis zu sechs Minuten werden nicht gewertet, genauso wie komplett ausgefallene Züge. So geht die Logik bürokratischer Sesselpupser! Nicht zu Unrecht bemerkt Max Uthoff als imaginärer neuer Bahnvorstand, dass die Pünktlichkeitsquote der Bahn bei 100 % liegen würde, wenn überhaupt keine Züge mehr fahren. Dieses Verfahren des »Schönrechnens« zieht sich als Gestaltungs­prinzip durch fast alle Institutionen und Behörden, sie bilden quasi den Backbone einer groß angelegten Verdummungsmaschinerie, die anschließend in unseren heiß geliebten Medien lediglich verfeinert und in völlig sinnlose Zusammenhänge und dummdreiste Empfehlungen überführt werden. Cui bono?

Der Niedergang der Deutschen Bahn hat direkt mit der Umwandlung von einem Staats- in ein Privatunternehmen zu tun. Damals verdiente ein Bahnvorstand z.B. 300.000,- Euro im Jahr, heute sind es 2 Millionen (eine Steigerung von 500 %). Dafür wurden dann unzählige Strecken stillgelegt, Personal massiv reduziert, es gibt weniger Güterverkehr bei der Bahn (statt mehr; wie versprochen) und eine »Entlastung des Steuerzahlers« (ebenfalls ein Grund für die Umwandlung) fand nicht mal ansatzweise statt. Im Gegenteil: Die Bahn fährt hohe Verluste ein – natürlich zu Lasten der öffentlichen Hand – weil u.a. mal wieder einige Großkopferten in den Vorständen den Hals nicht vollkriegen. Dafür »wurde die Bahn teurer, ist unpünktlicher und hat weniger Verbindungen« (von Wagner).

Interessante Fakten: Der Fernverkehr trägt kaum zum Konzernumsatz bei. Der Umsatz ist aber trotzdem gestiegen, weil die Bahn zig Beteiligungen an Logistikfirmen (vor allem im Ausland) hält. Demnach macht sie einen großen Teil (in 140 Ländern) ihres Geschäftes mit dem LKW- und Busverkehr. »Mehr Güter von der Straße auf die Schiene« als Wahlspruch steht den tatsächlichen Geschäften der Deutschen Bimmelbahn also im Grunde diametral entgegen. Die Bahn hat überhaupt kein Interesse, mehr Güter über die Schienen zu transportieren. Das Gesamtvolumen des Güterverkehrs bei der Bahn dümpelt auf dem Stand von 1991 vor sich hin. Unzählige Güterbahnhöfe wurden geschlossen, tausende Mitarbeiter entlassen. Der Güterverkehr der Bahn ist defizitär.

 

Gruselig: Stuttgart 21

Man hat ja verschiedentlich den Eindruck, dass es an einer mickrigen »deutschen Ingenieursleistung« insgesamt liegt, wenn große Bauvorhaben wie der Stuttgarter Bahnhof solche grandiosen Pleiten hinlegen. Aber dem ist mitnichten so. Es ging auch nie um den Bahnhof als solches, sondern letztendlich um die Filet-Grundstücke, auf denen der alte und denkmalgeschützte Bahnhof stand.

Rein technisch betrachtet, war »Stuttgart 21« von Anfang an eine Mogelpackung. Wie sonst lässt sich erklären, dass der alte Bahnhof 16 Gleise besaß, der neue aber nur die Hälfte? »Man konnte früher mit dem TGV von Stuttgart aus in drei Stunden in Paris sein. Mit dem neuen Bahnhof kann man dafür immerhin schneller nach Ulm kommen«, so die Anstalt. Um dieselbe Kapazität wie der alte Bahnhof zu erreichen, bräuchte der neue Bahnhof 12 Gleise – er hat aber nur 8. Die Politik und die Verantwortlichen verkaufen das euphorisch als eine unglaubliche Modernisierung, als »Anschluss an das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz«. Nicht nur das: Aufgrund der baulichen Gegebenheiten hat der neue Bahnhof ein Gefälle von 6 Metern, was sehr anschaulich mit einem frei rollenden Kinderwagen dargestellt wurde. »Mit Rollstühlen funktioniert das noch besser!«, so der lakonische Kommentar.

Um den neuen Bahnhof überhaupt mit modernen ICEs anfahren zu können, müssen Tunnel durch ein Gebirge aus sog. Gipskeuper gebaut werden. Dieses Gestein ist hoch anfällig für Wassereinbrüche, denn es quillt extrem auf. Das sagt auch ein Ingenieurs-Gutachten, das die Bahn selber in Auftrag gegeben hatte, aber unter Verschluss hält. Entweder brechen irgendwann diese Tunnel ein oder der neue Bahnof wird durch Starkregen irgendwann nach oben gehoben. »Sagen Sie mal, wer hat den Bahnhof eigentlich geplant – etwa Roland Emmerich?«.

Endgültig verrückt wird es, wenn man sich die Drahtzieher hinter diesem Projekt einmal näher betrachtet. Für diesen Filz aus Grundstücksverwertern, Posten­schacherern, Lokalpolitikern und Begünstigten gibt es nur eine adäquate Bezeichnung: Stuttgarter Mafia. Alle hatten sie ihre Finger in diesem dreckigen Spiel: Verschiedene Oberbürgermeister, die Lokalpresse, Grundstücksmakler, diverse (Bundes-)Verkehrsminister, die Stuttgarter IHK, der Ministerpräsident Teufel und, und, und. Den Rechnungs- und Prüfbehörden hat man kurzerhand Maulkörbe verpasst und die unermüdlichen Demonstranten gegen Stuttgart 21 mit der ganzen Macht eines Polizeistaates vom Platz gefegt. Einer der Architekten von Stuttgart 21 hat sich kurz vor seinem Tod von diesem Unternehmen distanziert, weil es »Leib und Leben der Menschen gefährdet«.

 

Reizwort Neoliberalismus

Was mich persönlich immer wieder ärgert, ist der Umstand, dass solche politischen Desaster nach wie vor als »freies Spiel der Kräfte« heroisiert werden, als eine Art Urzustand der angeblich »freien Marktwirtschaft«. Diese Marktwirtschaft, in denen alle Beteiligten ihres eigenen Glückes Schmied sind, in denen sich der Staat möglichst nie einmischt und sich (angeblich) immer die besseren Kräfte durchsetzen existiert schon lange nicht mehr. Insofern rückt das Merkelsche Unwort »markt­konforme Demokratie« diese ganzen Machenschaften durchaus ins richtige, korrumpierte Licht. Dabei gab es z.B. zur Zeit der Hanse durchaus das Vorbild des »ehrlichen Krämers«, den die Hansestädte aus ihrem Verbund ausschließen konnten, wenn er denn krumme Geschäfte machte.

Heutzutage sind ehrlicher Handel und eine auf Gegenseitigkeit beruhende Wirtschaft nichts weiter als eine dumme Illusion, die uns als »Kapitalismus« verkauft wird. Tatsächlich ist dieser Kapitalismus ein Konglomerat an Vetternwirtschaft, Korruption und Gesetzlosigkeit. Es würde nämlich in vielen Fällen schon ausreichen, schlichtweg die bestehenden Gesetze zu befolgen. Ich hatte es schon mal in einem anderen Beitrag beschrieben: Wir haben Kartelle und Preis­absprachen bei Kartoffeln, bei Stahlerzeugnissen, im Bad- und Sanitärhandel – das sind nur einige Beispiele, die irgendwann vor Gericht gelandet sind. Von der berühmten Dunkelziffer möchte ich gar nicht erst anfangen, aber man kann davon ausgehen, dass man Betrug in allen Branchen findet, wo der geliebte Staat nicht so genau hinguckt oder sogar selber in die Machenschaften verstrickt ist; wie eben bei Stuttgart 21.

 


Kategorie: Politik, Gesellschaft

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