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Schon blöd, wenn man blöd ist

30.11.2016

SPD-ChefIx Gabriel wünscht sich weniger »political correctness« und mehr Wähler aus dem »RTL-Unterschichtenfernsehen«. Soso.

Laut FAZ von heute hat der schwergewichtige Spezialdemokrat Angst vor Trump-ähnlichen Wahlergebnissen bei der nächsten Bundestagswahl. Diese Angst ist berechtigt – auch wenn rein rechnerisch das Erstarken sog. »rechtspopulistischer Kräfte« im nächsten Jahr eher für die leidige Fortsetzung der größten Koalition aller Zeiten spricht als für die gänzliche Machtübernahme durch rechtspopulistische Emporkömmlinge. Andererseits hat Gabriel mit seiner Einschätzung schon mal den (für ihn zumindest) beachtlichen Ansatz einer gedanklichen Auseinandersetzung mit offensichtlichen gesellschaftlichen Entwicklungen präsentiert. Anders als seine Konkurrentin Merkel hat er wenigstens eine vage Idee davon, dass das Vertrauen bestimmter Wählerschichten in die etablierte Politik eventuell leicht angekratzt sein könnte. Diese Erkenntnis hält natürlich just so lange, bis nächstes Jahr der neuerliche Teufelspakt mit der Merkel-CDU unter Dach und Fach ist. Trotzdem muss er zumindest für die Zeit des Wahlkampfs Akzente setzen, die ihn von der Lahmarschigkeit der bisherigen Eliten- und Kartellpolitik abheben. Was danach kommt – scheißegal.

Die FAZ schreibt zu den neuerlichen Gedankenblitzen des SPD-Vorsitzenden:

In einer Sitzung der SPD-Bundestagsfraktion beklagte Gabriel nach Teilnehmerangaben nun „kulturelle Distanzen“ und zu viel Political Correctness im Dialog mit den Bürgern. Auch dadurch seien manche Erfolge der SPD verschütt gegangen.

 

Das ist für SPD-Verhältnisse eine bemerkenswerte Aussage. »Political Correctness« ist tatsächlich die Gossensprache der Besserverdienenden und einer der größten Bremsklötze für überlebensnotwendige Debatten und Auseinandersetzungen im politischen Tagesgeschäft. Schon einmal hatte Gabriel bemängelt, dass die SPD leider, leider in den letzten Jahrzehnten eine schleichende Akademisierung erfahren und sich vom ursprünglichen Status einer klassischen Arbeiterpartei weg entwickelt hätte. Dummerweise skizziert er diese Entwicklung jedes Mal als eine Veränderung, die völlig unerwartet über die schöne Spezialdemokratie gekommen sei, ohne dass es dem Siechmar überhaupt aufgefallen ist:

Es gebe im Leben solche kulturelle Distanzen, „die sind entstanden, ohne dass es jemand wollte“.

 

Ja, das könnte ihm so passen. Dummerweise ist das genaue Gegenteil der Fall, denn die SPD hat mit ihrer ureigenen Politik über Jahre einen Spagat versucht, der nicht funktionieren konnte. Man wollte sich des ungewaschenen und ungebildeten Arbeiterklientels entledigen, indem man HartzIV von der Kette ließ, die Finanzbranche bis zum Anschlag deregulierte, das Rentensystem an solche dubiosen Figuren wie Schröders Duzfreund Maschmeyer verhökerte und zu allem Überfluss auch noch einen völkerrechtswidrigen Krieg (gegen das damalige Jugoslawien) anzettelte. Und das sind ja nur die Highlights der spezialdemokratischen Politikmaßnahmen. Ich will dem Siechmar mal zugute halten, dass sein intellektueller Horizont einfach nicht ausreicht, um den aktiven Anteil der SPD an ihrem eigenen Verfall zu begreifen. Eine Zierde oder eine wie immer geartete Entschuldigung ist das trotzdem nicht – weshalb auch seine neuerliche Reue gegenüber potenziellen Protestwählern einigen Argwohn hinterlässt.

Dabei hat die SPD (aber auch die CDU) noch nicht einmal im Ansatz begriffen, mit welcher Wucht zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen einschlagen werden. Kein aktueller Politiker, kein »Wirtschaftweiser« (schon dieses Wort ist lächerlich) und kein willfähriges Umfrageinstitut hat z.B. die Dynamik kommender Veränderungen überhaupt auf dem Plan. Zwar redet man hie und da z.B. von der drohenden Digitalisierung der Produktionsprozesse, aber dass die Themen »Leiharbeit und Werksverträge« sowie die Prekarisierung breiter Bevölkerungsschichten wenn überhaupt nur temporär solche Einbrüche auffangen können, wird mit Nachdruck ignoriert. Schon die Mär vom ewigen Wachstum kann nach logischen Gesichtspunkten nicht funktionieren. Das sagen zwar einige Verantwortliche von Zeit zu Zeit ebenfalls, aber man hat dabei nie den Eindruck, als wären sich diese selbst ernannten Experten darüber im Klaren, was das für die viel zitierte »Deutschland AG« überhaupt bedeutet. Was macht man mit den Menschen, die aufgrund von Rationalisierungen in Millionenstärke aus dem produktiven Prozess herausfallen? Noch mehr Minijobs und Aufstocker? Wie will man das Bild einer »unvermeidbaren Globalisierung« weiter aufrechterhalten, wenn man gleichzeitig Exportweltmeister und damit Motor dieser Entwicklung ist? Wie will man dauerhaft kriegerische Raubzüge legitimieren, die die betroffenen Gegenden jedes Mal zurück in die Steinzeit bomben? Von den ominösen demokratischen Strukturen, die man diesen Ländern angeblich angedeihen lassen will, ist jedenfalls weit und breit nichts zu sehen. Von den gesetzwidrigen Auswüchsen (»Von deutschem Boden darf nie wieder...«) und der Hochverratspolitik, die damit einher gehen, will ich gar nicht erst anfangen.

Die Behauptung, dass viele Wähler einfach zu dumm seien, um eine solche mutmaßliche »Weitsicht«, wie sie unsere Vortänzer darlegen, zu begreifen, ist indes alles mögliche – nur keine verlässliche Größe für kommende Wahlprognosen. Das hat die letzte US-Wahl gezeigt. Allerdings sind wir inzwischen an einem Punkt angelangt, an dem die Nomenklatura ihre bisherigen Wahrheiten nur noch mit immer mehr Repression, immer mehr Kontrolle und immer mehr gesellschaftlicher Ausgrenzung aufrechterhalten kann – also mit dem genauen Gegenteil ihres behaupteten Geschäftsmodells von Demokratie und Freiheit. Dass Gabriel mit seinem vorgetäuschten Herz für die »Globalisierungsverlierer« diesen Aspekten plötzlich Rechnung tragen will, ist dabei wenig überzeugend. Seine Partei ist viel zu sehr in die ganzen Machenschaften und vor allem in die Umverteilung von »fleißig nach reich« verstrickt, als dass sie einen überzeugenden Gesinnungswandel innerhalb der wenigen Monate bis zur Bundestagswahl hinlegen könnte. Das nimmt dir niemand mehr ab, Siechmar. Begreif es endlich.

Wenn man überhaupt in Schubladen von »links vs. rechts« denken will, dann ist die Erkenntnis, dass der originär linke »Marsch durch die Institutionen« einen überaus reaktionären Sauhaufen und eine Spur der gesellschaftlichen Verwüstung hinterlassen hat, sicherlich für die Linke (nicht die Partei »die Linke«, sondern allgemein gemeint) eine bittere Erkenntnis. Von den himmlischen Ansprüchen, die ehemals linken Parteien den nötigen Anschub verliehen hatte, ist einmal mehr ein kleines, aber wirkmächtiges Häufchen von überheblichen Machtbesoffenen übrig geblieben.

Besonders bizarr ist, wenn sich die linke Bewegung plötzlich als Büttel der Großverdiener wiederfindet; so geschehen in den USA. Dort will die Grüne Jill Stein einige Wahlauszählungen der letzten Präsidentenwahl anfechten, und das tut sie mit tatkräftiger Unterstützung eines der reichsten Misanthropen mit Allmachtsfantasien, George Soros. Neu ist das nicht. Es gab schon in den 1960ern umfangreiche und finanzstarke Infiltrationen seitens der CIA in wortstarke linke Interessenvertretungen (Schriftsteller- und Künstlerverbände z.B). Das Geschäft der politischen Instrumentalisierung ist extrem schmutzig, moralfrei und rücksichtslos. Allerdings entspringt die träumerische Rückbesinnung auf angeblich »konservative« Werte, wie sie z.B. dem Rechtsruck in den USA neuerdings angedichtet werden, derselben Kleingeistigkeit wie sie in »linken« Sturheiten beheimatet sind. Wer also langfristig auf die Progressivität eines Donald Trump oder einer AfD setzt, muss sich fast zwangsläufig auf kommende Enttäuschungen einstellen, trotz einiger kosmetischer Korrekturen, die es möglicherweise geben wird. Das eigentliche Sagen haben nämlich ganz andere Leute.

Zumindest was die Tragweite der zu erwartenden Änderungen der nächsten Jahre betrifft, liefert einmal mehr Christoph Hörstel von der Partei »Deutsche Mitte« ein paar interessante Aspekte. Der hat nämlich mit der Familie Rothschild gesprochen, die wie einige andere aus der Welt der Vermögenden angeblich erkannt hat, dass die politischen Entwicklungen der letzten Jahre auf ein allgemeines Armageddon hinauslaufen könnten – einschließlich der gewaltsamen Entfernung des bisherigen Geld- und Machtadels.

So, genuch Lamento für heute. Es gibt ja auch noch ein paar schöne Dinge auf der Welt, zum Beispiel wie Maxim Bady auf ein Video einer hoch emanzipierten Frau mit großen »Personalitits« reagiert. Oder was Comedian Bill Burr vom Feminismus hält. Für Burr gibt es schon sprachlich in der deutschen Kabarett-/Comedy-Szene kein Äquivalent. So giftig, wie er auf dieses Thema anspringt, habe ich hierzulande noch niemanden öffentlich reden hören. Alice Schwarzgeld oder Karotin Taubenuss (diese »Pussy Terror«-Triene) hätten ihre helle Freude daran.

Außerdem: Das wohl schlechteste Auto der Welt – kurioserweise von einem Deutschen entwickelt. Na gut, es ist ein typisches Produkt aus der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als wir alle nichts hatten (und niemand von irgendwas gewusst hatte).

Zum Schluss ein schönes Rührstück über zwei schwule Senioren, die sich auf ihre alten Tage doch noch das Ja-Wort geben. Produziert und gespielt u.a. von Danny deVito.


Kategorie: Politik, Gesellschaft

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