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Scobel und die Männlichkeit

11.01.2019

»Scobel« ließ gestern in 3sat das Thema »männliche Sexualität« diskutieren.

Mit diesem Herrn Scobel habe ich generell so meine Probleme. Rein thematisch sind seine Diskussionsrunden auf den ersten Blick ganz interessant, werden aber allzu oft durch seine nölige Wischi-Waschi-Diskussionskultur zerredet. Er ist einer von denen, die viel reden, aber wenig sagen. Vor allem aber ist Scobel ein typischer Vertreter moderner Glaubensbekenntnisse, mit denen uns die Glitzermedien zu einer besseren Lebensqualität erziehen wollen. Wer sich also an solchen Buzzwords wie »Vielfalt, hegemoniale Männlichkeit, Feminismus und Verunsicherung der Männer« stört, sollte hier lieber nicht weiterlesen.

Gestern ging es also um das Thema »männliche Sexualität«. Dazu hatte Scobel den Sozialwissenschaftler Hans-Jürgen Voß, den Sexualtherapeuten Ulrich Clement sowie die Psychologin und Paartherapeutin Ann-Marlene Henning eingeladen. Typisch für Scobel fing die Sendung gleich mit einer Entschuldigung an die Frauen an, denn die Sendung »Weibliche Sexualität« sei leider schon gelaufen und heute ginge es eben mal um die Männer. So sad! Die Runde wurde mit diversen Einspielern aufgehübscht, in denen es um solche Randthemen wie Sexpuppen und das böse, alte Patriarchat ging.

Denn, so Scobel etwas später in dieser Runde, der Feminismus habe die Männer verunsichert! Scobel beschreibt das so:

»Der weiße, heterosexuelle Mann wurde durch den Feminismus verunsichert. Nach Jahrtausende langem Peniskult und gleichzeitiger Missachtung von Frauen dämmert ALLEN (!) Beteiligten, dass irgendwas faul ist.«


Ach was: Peniskult? Wo gab es den denn? Okay, in manchen japanischen Gegenden wird manchmal ein riesiger Phallus während eines Fruchtbarkeitsfestes durch die Gegend bugsiert, aber hier bei uns? Erzähl mal.

Dann folgt das übliche Sammelsurium an feminilistischen Buzzwords wie »hegemoniale Männlichkeit, Dominanz, Durchsetzungsfähigkeit, Risikobereitschaft etc. pp.« – all das wird latürnich als völlig unmodern, überkommen, altmodisch und grundsätzlich kritisch schubladisiert. Insgesamt sei die Männerwelt sowieso in einem bedauernswerten Zustand, weil sich immer mehr Tüpen aus dem Beziehungsmarkt ausklinken.

Seine Diskussionspartner, insbesondere Herr Clement, waren da, was u.a. diese ominöse feminilistische »Verunsicherung« betrifft, schon weiter. Clement meinte z.B., längst nicht immer sei eine erektile Dysfunktion, die Angst vor Versagen oder eine erotische Verunsicherung der Grund dafür, dass Männer sich den sexuellen Erwartungen von Frauen verweigern. Oft genug sei die Entscheidung, eben nicht jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen, eher von einer Haltung geprägt wie »Ich habe momentan keine Lust und das, worauf ich Lust haben könnte, ist mir nicht gut oder nicht erotisch genug«. Statt also dem traditionellen Bild zu entsprechen, das von Männern behauptet, sie würden generell alles bespringen, was sich ihnen gerade anbiedert, kommt die Forschung nun zögerlich zu der Erkenntnis, dass längst nicht immer physische Störungen und/oder ein verunsichertes Männlichkeitsbild vorliegen, sondern dass oftmals eine eigene, authentische und selbstbewusste Entscheidung getroffen wird: »Das ist es mir nicht wert«.

Dies wäre (nach meinem Kenntnisstand) doch eine klassische MGTOW-Position. Aber davon haben Scobel und seine Diskussionspartner anscheinend noch nie etwas gehört, denn der Begriff MGTOW kam gestern nicht einmal vor. Genauso wenig kam vor, dass feminilistische Dampfplaudereien und ähnlich holprige Erklärungsversuche zur männlich-sexuellen Disposition den allermeisten Menschen im Alltag am Arsch vorbeigehen – figürlich wie wörtlich. Die Frage, ob den Tüpen vielleicht diese ganzen feminilistisch indoktrinierten Prinzessinnen – also die Säulenheiliginnen der öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten – schlichtweg auf den Keks gehen, wurde in der gestrigen Sendung erwartungsgemäß gar nicht gestellt. Das muss Herr Scobel noch lernen, falls er denn überhaupt etwas außerhalb der feminilistischen Staatsdoktrin lernen will. Doch Vorsicht, Scobel, es könnte Sie auf Dauer den Sendeplatz kosten! Kritisches, differenziertes Denken ist in solchen TV-Saftläden nämlich nicht sonderlich beliebt.

Das war es aber auch schon fast mit den eigentlich interessanten Fragen zum Thema »unlustige Männer«. Lieber hält man sich an die üblichen küchenpsychologischen TV-Erklärungsmuster und die gehen grob gesagt so: Früher gab es das böse Patriarchat, das Männern einen sinnvollen Zugang zur eigenen Sexualität verwehrte, sie zur übertriebenen Härte und Selbstdisziplin erzog. Das wird jezz aber durch hochmoderne gesellschaftliche Trends konsequent aufgelöst, meint z.B. ein Video-Einspieler:

»Männliche Lust hat viele Facetten. Festlegungen in eine bestimmte Richtung werden immer mehr aufgelöst.« Und: »Das neue Idealbild [des Mannes] bleibt abhängig davon, ob es gelingt, die enge Kopplung zwischen Lust, Leistung und Potenz aufzulösen. Denn das traditionelle Leistungsdiktat steht einem befreiten Lustempfinden entgegen.«


Leider, leider steht dem momentan noch der alles beherrschende Neoliberalismus mit seiner permanenten Leistungsoptimierung im Weg und verhindert so frech ein »Friede, Freude, Eierkuchen«-Paradies der Sexualität (Rolf Pohl, Sexualpsychologe). 3sat meint: Solange Lust und Leistung nicht entkoppelt werden und so die Urangst des Mannes vor sexuellem Versagen erhalten bleibt, wird das nix mit der sexuellen Befreiung. Vor allem: Ein solcher Wandel gelingt nur, wenn auch »die Frau an und für sich« diese neue, paradiesische Männlichkeit zulässt. Dazu szenisch eine Frau, die sich – offensichtlich unbefriedigt – über die Lustlosigkeit ihres Partners im Bett Sorgenfalten wachsen lässt. Scobel passt das offensichtlich gar nicht ins Konzept: Jezz müssen ausgerechnet die armen Frauen wieder ran, damit diese dumpfen Kerle sich endlich einmal zur »neuen Männlichkeit« bekehren, für die er so schwärmt. Schlimm, schlimm.

Als Ulrich Clement sinngemäß meint, dass ihn diese Phrase von der »neuen Männlichkeit« nervt, so als würde man im Sinne einer Behinderung über die »alte Männlichkeit« sprechen, entgegnet Scobel, dass ihm die »alte Männlichkeit« tatsächlich »behindert« vorkommt. Immerhin »dürfen sie ja weiterleben«, so sein gnädiger Kommentar. Meine Fresse, Scobel! Clement entgegnet, solange diese »alten« Männer in ihrer Entscheidung authentisch sind, sei das aber in Ordnung. Worauf Scobel prompt auf diesen Herrn Trump verweist, das universale Feindbild, auf das sich die Massenmedien uniform eingeschossen haben. Der sei zwar durchaus irgendwie authentisch (Scobel), aber ansonsten ein ganz schlimmer Vertreter seines Geschlechts. Nur vergisst Scobel, dass ziemlich viele Frauen diesen Hallodri de facto gewählt haben. Schlimm, schlimm. So sad!

Wir wissen: Wenn man wie ein Scobel argumentativ in die TV-Ecke getrieben wird, werden irgendwann Hitler, der Militarismus und ähnliche »typisch deutsche« Verfehlungen aus der Mottenkiste geholt – so auch von Scobel. Und so schwadronierte er bedeutungsschwanger vom »typisch deutschen Hang zum Militarismus« und ähnlichen Klischees, die man Männern in fast jedem Zusammenhang andichten kann. Offensichtlich hat er z.B. noch nie etwas vom Phänomen »Weiße Feder« gehört. Die wurde nämlich in England zu Zeiten des Ersten Weltkriegs von Frauen an Männer verliehen, die nach ihrer Meinung zu feige waren, sich in den Schützengräben in Frankreich einfach so in Stücke schießen zu lassen. Für Scobel ist Militarismus lediglich ein rein maskulines Problem.

Aber ganz besonders stört es ihn halt, dass die von ihm heiß ersehnte »neue Männlichkeit« schon wieder davon abhängen soll, ob die Frauen diesen epochalen Modernisierungsschritt mitmachen. Dass Männerrollen selbstverständlich seit jeher stark davon abhängen, was die Frauen – gerechtfertigt oder nicht – von Männern erwarten, will ihm nicht in den Sinn. Nun gut, das würde ja auch so gar nicht zu seinem Dogma passen, dass Frauen von Männern immer nur kleingehalten werden. Immer. Überall. Jederzeit. Hitler!

Scobel ist ansonsten, was die Diskussion um Rollenbilder, Sexualität usw. betrifft, ein typisch feminilistischer TV-Langeweiler unserer Zeit. Als Clement nämlich dezent darauf verweist, dass Männer ja sehr wohl auch die Rolle des Kümmerers ausfüllen, entgegnet Scobel, das Kümmern sei doch wohl eher eine klassisch weibliche Rollenzuschreibung. Offensichtlich hat er erst während der Sendung gelernt, dass »Kümmern« eben nicht nur bedeutet, Babys in den Schlaf zu schaukeln, sondern eben auch fürs Fressen und die familiäre Unterkunft zu sorgen.

Es gab noch mehr Stilblüten dieses Herrn. Etwa: »Die Lust des Mannes verdient Respekt, die Lust der Frau ist unmoralisch. Lösen sich diese Rollenbilder in der liberalen Gesellschaft nun auf?« Der ist auch gut: »Das, was Männern in erster Linie im Weg steht, sind die Bilder von Männlichkeit.« Keine Ahnung, woher man solche Kalendersprüche kriegt. Vielleicht sollte er seine Belehrungen lieber seinem Tagebuch anvertrauen als sich damit öffentlich-rechtlich aus dem Fernseher zu lehnen.

 

Es war nicht alles schlecht

Ja, es gab auch ein paar nützliche Informationen neben der allseits wabernden »neuen Männlichkeit«. Ich hechel sie mal kurz durch:

  • Ab der siebten Schwangerschaftswoche wird bei Föten schon Testosteron ausgeschüttet. Wusste ich nicht.

  • Männer mit Neigung zu einem Herzinfarkt haben bereits bis zu acht Jahre vorher Erektionsstörungen. Aber nicht jeder Mann mit Erektionsstörungen bekommt natürlich zwingend einen Infarkt. Frank Sommer, Sexualmediziner.

  • Use it, or loose it: Wie für viele andere Körperregionen (Gehirn, Muskeln) gilt auch für den Penis: Er muss permanent trainiert werden, um ihn »funktions­fähig« zu halten. Prinzipiell bleibt aber die Erektionsfähigkeit ein Leben lang erhalten. Im Alter erhöht sich sogar die »Ausdauer«, wenn auch mit zunehmend längeren Erholungsphasen, so die Forschung.

  • Hans-Jürgen Voß, Sozialwissenschaftler: Männer achten zu wenig auf ihre Gesundheit. Stimmt. Meistens, weil die Alte einen Zweitwagen will oder so was.

  • Interessant: Viagra und andere Hilfsmittel funktionieren nicht aus sich heraus, sondern bedürfen immer noch einer prinzipiellen Lustbereitschaft und einer äußerlichen Stimulation. Gut zu wissen, falls man das mal braucht.

  • Video-Einspieler mit Uwe Waldmann, Diplom-Psychologe: Ein Mann, der sich sehr stark in diesen Räumen aufhält (gemeint sind moderne Sexpuppen), entwickelt sich sehr stark in eine Richtung, die es ihm schwermacht, in der Realität mit einer Partnerin Sexualität zu erleben. Hm, was erzählt uns das über die »Realität«?

  • Alexander Nieber (Fa. Villabagio, die Sexpuppen vertreibt): Es gibt keine Standardvorlieben bei Sexpuppen, sondern ein breit gefächertes Feld von Vorlieben bzw. Ausstattungen. Ann-Marlene Henning dazu: Eine generelle Verteufelung der neuen Techniken ist kontraproduktiv. Ein Problem gibt es dann, wenn solche Hilfsmittel dazu führen, dass überhaupt kein realer sexueller Kontakt mehr stattfindet. Ulrich Clement widerspricht: Man muss das (Sexpuppen) nicht zwangsläufig pathologisieren. Warum soll man das nicht ausprobieren? Die Aussage »es muss alles in der Sexualität ›natürlich‹ sein, ist auch wieder so eine fade Einseitigkeit«. Jo, stimmt.

Als Fazit der Sendung setzte Scobel schließlich darauf, dass die »alte Männlichkeit« durch unsere Jugend und dank der umfangreichen Belehrungen in Funk und Fernsehen alsbald zugunsten der »neuen Männlichkeit« abgelöst wird. Na denn.

 

Zum Schluss noch ein Klassiker; den hatte ich schon mal, ist aber immer wieder sehenswert:


Kategorie: Male, Female

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